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Nachruf Prof. Dr. h.c. Martin Stöhr (1932-2019)

 

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Die Philosophische Fakultät der Universität Siegen trauert um den evangelischen Theologen Prof. Dr. h.c. Martin Stöhr, der am 4. Dezember im Alter von 87 Jahren in Bad Vilbel verstorben ist. Er wirkte von 1986 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1997 als Professor für Systematische Theologie im damaligen Fachbereich 1 der Universität-Gesamthochschule Siegen. Als eine international bekannte und prägende Gestalt des westdeutschen Protestantismus hat er das Renommee des Faches Evangelische Theologie in Siegen über viele Jahre weit über Deutschland hinaus gefördert und Generationen von Studierenden inspiriert und zum theologischen Denken angeleitet.

Martin Stöhr wurde 1932 geboren und wuchs in einer hessischen Pfarrerfamilie auf. Die frühe Jugendzeit war geprägt vom Krieg und dem Widerstand der Bekennenden Kirche, in der sein Vater aktiv war. Nach dem Krieg studierte Martin Stöhr von 1951 bis 1956 evangelische Theologie und Soziologie in Mainz, Bonn und Basel. Er gehörte zu jener Generation von Theologinnen und Theologen, die aus den Erschütterungen des 2. Weltkrieges heraus für eine grundlegende Neuorientierung in Theologie und Kirche eintraten. Diese neue Orientierung forderte er insbesondere im Blick auf das Verhältnis zum Judentum, aber auch in der Auseinandersetzung mit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, mit der Friedensfrage oder im theologischen Gespräch mit dem Marxismus (auch hinter dem „Eisernen Vorhang“). In seinem Denken war er in kritischer Solidarität besonders den theologischen Lehrern der Bekennenden Kirche Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer, Hans Joachim Iwand sowie der Versöhnungstheologie von Josef Hromádka verpflichtet. Früh engagierte er sich politisch in der Versöhnungsarbeit, die auch die osteuropäischen Partner mit einschloss. Gerade der Dialog von Christen und Marxisten lag ihm am Herzen. Er war Mitbegründer der Christlichen Friedenskonferenz in Prag und gehörte 1968 zu denen, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings diese Konferenz unter Protest verließen.

In besonderer Weise und mit unermüdlichem Engagement hat sich Martin Stöhr für den christlich-jüdischen Dialog eingesetzt und dafür, dass die christliche Theologie ihren latenten Antijudaismus überwindet. Er wirkte von 1965 bis 1984 gemeinsam mit Landesrabbiner Natan Peter Levinson als Präsident des „Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit“, von 1990 bis 1998 als Präsident des „International Council of Christians and Jews“, dessen Ehrenvorsitzender er wurde, sowie in zahlreichen weiteren Initiativen. Martin Stöhr war spiritus rector und Mitbegründer von „Studium in Israel“, einem Bündnis, das bis heute für Studierende der Theologie ein entsprechendes Studienprogramm in Israel anbietet. Für seine Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter die theologische Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg (1983) und die Martin-Niemöller-Medaille (2016).

Bevor Martin Stöhr als Professor an unsere Universität kam, wirkte er als Studentenpfarrer in Darmstadt (1961-1969) und war lange Jahre Direktor der Evangelischen Akademie von Arnoldshain (1969-1986). Mit Leidenschaft unterrichtete er Studierende, die er zur Diskussion seiner prägnant formulierten Thesenreihen ermutigte, und dazu, auch andere Sichtweisen als die eigenen mit Respekt zu betrachten. Theologie treiben, hieß bei Martin Stöhr, sich in einen offenen Dialog zu begeben, um das Sichere und Gewusste noch einmal auf den Prüfstand zu stellen. Legendär sind die offenen Abende im Haus von Martin und Marie Louise Stöhr auf dem Rosterberg in Siegen, bei denen am Kamin mit Käse, Brot und Wein theologische und gesellschaftliche Fragen mit interessierten Studierenden diskutiert wurden.

Auch im Evangelischen Kirchenkreis Siegen war Martin Stöhr, der mit seiner Frau Mitglied in der Martini-Gemeinde war, vielfach als Vortragender und als Prediger geschätzt. Wer ihn kannte, wurde von der bescheidenen Freundlichkeit und zugewandten Aufmerksamkeit dieses Mannes in Bann gezogen. Nachdem er 1997 pensioniert wurde und eine schwere Herzerkrankung überstanden hatte, zog das Ehepaar Stöhr nach Bad Vilbel bei Frankfurt/Main. Bis zuletzt hat sich Martin Stöhr als evangelischer Theologe mit großer Ausstrahlungskraft, der er war, immer wieder mit wichtigen Impulsen in Kirche und Gesellschaft zu Wort gemeldet.

Das Seminar für Evangelische Theologie der Universität Siegen gedenkt seines verstorbenen Kollegen und Freundes Martin Stöhr mit großem Respekt und tiefer Dankbarkeit.

Prof. Dr. Thomas Naumann
Seminar für Evangelische Theologie
 

Download Nachruf von Prof. Dr. h.c. Martin Stöhr