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Prof. Dr. Hans-Ulrich Weidemann - Forschung

Die wissenschaftliche Exegese der Bibel leistet ihren eigenen Beitrag zum Projekt „Reflexivität religiöser Überzeugungen“. Denn das, was wir neuzeitlich isoliert als „religiöse Überzeugungen“ bezeichnen, ist in den antiken biblischen Texten unlösbarer Teil von kulturellen, sozialen, politischen und ethnischen Konzepten und Diskursen. Da die Welt, aus der die biblischen Texte stammen, nicht mehr die unsrige ist, ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen notwendig die Aufgabe einer historischen und philologischen Disziplin. Studierende entwickeln in der wissenschaftlichen Exegese (wie in der Historischen Theologie) also das historische Bewusstsein für die Geschichtlichkeit und die Kontextgebundenheit dessen, was später religiöse Überzeugungen heißen wird, und wenden dies auf die grundlegenden und normativen Texte der eigenen religiösen Tradition an.

Dabei ist die kreative Spannung zwischen der historischen Kontingenz und der Normativität biblischer Texte für das Fach charakteristisch. Denn zum einen ist die Bibel eine plurale und heterogene Sammlung antiker Texte, die teilweise über Jahrhunderte in längst vergangenen, für uns fremden kulturellen und geographischen Räumen entstanden sind. Daher rekonstruiert die philologisch und historisch-kritisch arbeitende Exegese mit ähnlichen Mitteln wie die Geschichts- und die Literaturwissenschaften den sog. geschichtlichen Sinn der Quellen.

Zum anderen sind diese antiken Texte bis zum heutigen Tag sowohl für die jüdischen als auch für die christlichen Gruppen und Konfessionen normativ („kanonisch“). Die sog. alttestamentlichen Schriften sind zum großen Teil für beide Religionen kanonisch, haben dort aber sehr unterschiedliche, z. T. kontroverse Rezeption erfahren. Die neutestamentlichen Schriften wiederum, die zum überwiegenden Teil gegen Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. von christusglaubenden Juden verfasst wurden, wurden in den christlichen Kirchen an die Seite der jüdischen heiligen Schriften gestellt. Hier wird auch der konfessionelle Standpunkt der Theologie reflexiv. Die Studierenden lernen anhand der biblischen Texte die historischen Entwicklungen wie die pluralen Ausformungen religiöser Überzeugungen in ihrem eigenen Selbstverständnis kennen und gelangen im Hinblick auf die normativen Texte ihrer Konfession zu einer historisch informierten Reflexivität.

Die Forschungsschwerpunkte des Inhabers der Professur für Biblische Theologie (Exegese des Neuen Testaments) liegen bisher im Bereich des Johannesevangeliums und Johannesbriefe, der Paulusbriefe, der Bergpredigt, der neutestamentlichen Christologie sowie der frühchristlichen Initiation (Taufgottesdienste). Neben einigen längerfristigen Forschungsvorhaben wie der Erarbeitung eines wissenschaftlichen Kommentars zu den sog. Pastoralbriefen lassen sich die Forschungsaktivitäten des Lehrstuhlinhabers aktuell den folgenden beiden thematischen Schwerpunkten zuordnen:

(1.) Frühchristliche Askese: Die frühchristlichen, für die weitere Geschichte des Christentums nicht zu überschätzenden asketischen Praktiken (v.a. Sexualitäts- und Nahrungsaskese, aber auch Schlafaskese usw.) werden im Sinne der Foucault’schen „Selbsttechniken“ analysiert und es wird ihre innerjüdische Traditionsgeschichte (v.a. im lukanischen Doppelwerk und den Paulusbriefen) rekonstruiert. Das schließt die Untersuchung anti-asketischer Strömungen, aber auch des Einflusses dieser Selbsttechniken auf die frühchristliche Amtstheologie, die Gender-Konstruktionen sowie die Rituale ein.

(2.) Frühchristliche Maskulinitätsdiskurse: Dabei geht es darum, die in zentralen frühchristlichen Texten artikulierten Männlichkeitsideale zu rekonstruieren und als konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit den Maskulinitätsdiskursen der griechisch-römischen sowie der hellenistisch-jüdischen Umwelt zu verstehen (z.B. in der Bergpredigt, bei Paulus und in den sog. Pastoralbriefen). Seit 2016 ist der Siegener Lehrstuhl mit einer Teildenomination für „Historische Masculinity Studies“ ausgestattet.

Hinzu kommen die beiden folgenden interdisziplinären Forschungsprojekte:

(1.) 2015 hat Prof. Dr. H.-U. Weidemann (Seminar für Kath. Theologie: Biblische Theologie) zusammen mit Prof. Dr. Matthias Henke (Fak. II: Historische Musikwissenschaft) einen interfakultären Forschungsschwerpunkt der Universität zum Thema „Theatrum sacrum. Musikalische Andachtsformen des 18. Jahrhunderts als performative Gesamtkunstwerke“ etabliert, der von der Universität für zwei Jahre mit einer halben Wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle gefördert wurde.

(2.) Gemeinsam mit Prof. Dr. Andreas Hoffmann und Dr. Dr. Nestor Kavvadas wird im Rahmen des internationalen Projekts NTP die Rezeption der Johannespassion bei Theologen des antiken Christentums bis ins 8. Jh. erforscht. Im Kern geht es um die Frage, in welchen historischen Kontexten und theologischen Auseinandersetzungen Theologen der „Alten Kirche“ die Szenen der Johannespassion aufgreifen, welche Argumentationsziele sie verfolgen und wie dies wiederum auf den neutestamentlichen Text profilbildend zurückwirkt. Aus exegetischer Perspektive ist dabei eine Vielzahl von Fragen interessant: Mit welchen Fragestellungen und Auslegungsmethoden gehen die einzelnen Autoren an den biblischen Text heran? Wie gehen sie in ihren Argumentationen technisch vor? In wieweit nehmen sie im neutestamentlichen Text vorhandene Impulse auf, in welchem Maß tragen sie textfremde Fragestellungen und Sinndimensionen in den Text ein? Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede lassen sich in den Auslegungen verschiedener Autoren erkennen? Wie stark wirken sich aktuelle theologische Streitigkeiten auf die Auslegung aus? Welchen Einfluss haben unterschiedliche Textgattungen (Kommentar, Predigt, Brief, theologischer Traktat) für die Auslegung?