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Interview mit Dr. Anne-Laure Daux-Combaudon – Georg Bollenbeck Fellow 2020


Frau Daux-Combaudon, unsere Fragen erreichen Sie im „confinement“, d.h. während der durch die Corona-Pandemie verhängten Ausgangssperre in Frankreich. Hat die Pandemie schon Ihr Interesse als Sprachwissenschaftlerin geweckt?

Ja, die Zeit der Kontaktsperre lässt neuartige Phänomene auftreten, für die man u.a. neue Wörter braucht. Wie kann man einen Apéritif bezeichnen, wenn die Nachbarn in ihrem Garten und an ihrem Tisch bleiben und sich über den Zaun unterhalten? Oder einen „Apéritif en visioconférence“? Da konkurrieren zur Zeit in Frankreich mehrere Ausdrücke wie apéroconf, apérovisio, télé-apéro, e-apéro. Typisch französisches Beispiel, denken Sie wahrscheinlich. Aber ich habe z.B. auch gelesen, dass jetzt im Englischen von “zumping” gesprochen wird, wenn man über Zoom verlassen wird (zoom-dumping). Dabei scheinen vor allem die neuen Medien eine neue Rolle in der Kommunikation zu spielen, auch in den älteren Generationen.


Sie sind Germanistin und forschen vor allem auf dem Gebiet der Textlinguistik. In Ihren Arbeiten spielt oft der Textanfang eine Rolle. Was ist für Sie das Reizvolle an Textanfängen?

Als ForscherIn fragt man sich wenig, was aus einem wissenschaftlichen Thema ein schönes macht. Wenn Sie die Frage stellen, denke ich spontan an meine Latein-Kurse im Gymnasium, wo unterrichtet wurde, dass die Satzelemente im Latein keine besondere Stelle haben. Und dann auch an die Deutsch-Kurse, wo vermittelt wird, dass in der deutschen Syntax vor allem die Verbstellung bedeutend ist. Aber allein damit können meine Studierenden weder einen zum Kontext passenden Satz bauen noch einen korrekten Text schreiben. Die Frage des Übergangs vom Nicht-Text zum Text oder des Übergangs vom Schweigen zur Sprache ist sowohl die des Schriftstellers mit seiner weißen Seite als auch die eines Mitarbeiters, der eine Mail schreiben will. Und sie stellt sich eigentlich nicht nur am Anfang des Textes, sondern auch am Anfang aller Textsequenzen.


Sie arbeiten an der Schnittstelle zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Wie nehmen Sie die Beziehung zwischen den beiden Bereichen in Frankreich und Deutschland wahr?

Ich habe Lettres modernes und Germanistik studiert. Zu beiden Studiengängen gehören die Fächer Literatur- und Sprachwissenschaft. Für die Master-Arbeit hatte ich bei der sprachwissenschaftlichen Untersuchung von literarischen Texten das Gefühl, Literatur- und Sprachwissenschaft vereinbaren zu können. Natürlich sind die im Kontext der DDR verfassten Texte von Christa Wolf schon etwas Besonderes bei dem Thema. Ich glaube, die Vorgehensweise bzw. der Einsatz von linguistischen Methoden auf literarische Texte war damals mehr in Deutschland als in Frankreich vertreten, wie die deutschen Disziplinen Sprachkritik und Stilistik es auch zeigen. Inzwischen denke ich, dass die Sprache der Literatur auch in Frankreich als Diskursbereich anerkannt wird, und dass die poetische Funktion der Sprache in nicht-literarischen Diskursen unumstritten ist. Im Rahmen eines Seminars zu kurzen Textformaten im öffentlichen Raum habe ich z.B. einen Vortrag zu Versen in der Stadt gehört. Das machte mich auf die Präsenz von Dichtung auch in der Pariser U-Bahn aufmerksam. Insgesamt finde ich interdisziplinäre Zusammenarbeit anregend und herausfordernd. Beim Austausch z.B. mit LiteraturwissenschaftlerInnen und TheaterwissenschaftlerInnen muss ich auch in der Linguistik angelegte Begriffe wie Erzählung, Stimme, Performativität usw. präzisieren.


Im Rahmen Ihres Stipendiums in Siegen werden Sie sich mit Krisenkommunikation beschäftigen. Was genau haben Sie vor?

Eigentlich ist jemand, der sich für Wirtschafts- und Krisenkommunikation interessiert, an der Universität Siegen am richtigen Ort! Ich möchte u.a. den binationalen Studiengang „Europäische Wirtschaftskommunikation“ kennenlernen, der dem LEA-Studiengang in Frankreich (Langues Etrangères Appliquées – Angewandte Fremsprachen) ähnelt. Der LEA-Studiengang hat oft keine Äquivalenzen an den deutschen Unis, so dass binationale B.A. nicht einfach aufzubauen sind. Ich freue mich auf Diskussionen mit den Studenten.
Zur Forschung wird zusammen mit Prof. Dr. Stephan Habscheid, Prof. Dr. Sandra Herling und Prof. Dr. Britta Thörle am 30. Oktober ein Workshop zum Thema “Dire et traduire la crise – Hervorbringung, Konzeptualisierung und Vermittlung von Krisen im Diskurs” organisiert. In dieser Hinsicht möchte ich das sprachliche Phänomen, das mich zur Zeit interessiert, nämlich die verallgemeinernden Äußerungen, im politischen Diskurs zur Corona-Krise untersuchen. Diese ‘Gemeinplätze’ sind sprachliche Indizien einer Einbeziehung des Rezipienten. Nachdem ich ihren Einsatz in anderen Textsorten analysiert habe, möchte ich erforschen, wie sie im politischen Diskurs fungieren. Dafür scheint mir der Krisendiskurs geeignet zu sein, da die Krise ein negativer und unerwünschter Wendepunkt ist, die vom Sprecher erfordert, dass er sein Publikum berücksichtigt.


Wo sehen Sie Schnittstellen oder Anknüpfungspunkte zu Ihrer Forschungstätigkeit an der Philosophischen Fakultät? Welche Erwartungen und Wünsche haben Sie im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen der Philosophischen Fakultät? Worauf freuen Sie sich?

Ich freue mich zuerst einfach auf eine Zeit in Deutschland. Als Auslandsgermanistin ist es schon wichtig, regelmäßige Kontakte mit Deutschland aufrechtzuerhalten. Es ist aber nicht so einfach, wenn man an einer Uni tätig ist und eine Familie hat, Zeit dafür zu bewahren. Die Sprache lebt. Sie ist nicht dieselbe in Siegen wie in Berlin, wo ich studiert habe, auch nicht dieselbe wie vor 20 Jahren, als ich Studentin war.
Ich freue mich auch auf das Austauschen mit den KollegInnen der Philosophischen Fakultät. Ein Schwerpunkt der LinguistInnen in Siegen ist Angewandte Sprachwissenschaft und Fachsprache (z.B. in der Wirtschaft, im Unternehmen). Es ist genau der Bereich, in dem ich an der Sorbonne Nouvelle unterrichte, aber der in meiner Forschung noch wenig entwickelt ist, wobei ich den Zusammenhalt von Lehre und Forschung sehr bereichernd finde.