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Bundesbankpräsident an der Uni Siegen

Bundesbankpräsident Dr. Jens Weidmann kam „mitten ins normale universitäre Leben“, um vor Studierenden über die Währungsunion und die Rolle der Notenbanken zu referieren und mit ihnen zu diskutieren.

Muntere Geschäftigkeit am Freitagmorgen im Raum C 3305 des Campus Hölderlinstraße. Im großen Saal steht die Vorlesung von Prof. Dr. Jan Franke-Viebach „Internationale Finanzierung“ an. Dann tut sich Sonderbares. Bodyguards erscheinen zu Seiten der Eingangstür. Der Siegener Bürgermeister Steffen Mues, Prof. Dr. Artur Woll als Gründungsrektor der Universität Siegen, Kanzler Ulf Richter, Altkanzler Dr. Johann Peter Schäfer und weitere Honoratioren aus Stadt und Hochschule treffen ein. Prof. Franke-Viebach lüftet vor seinen Studierenden das Geheimnis:  Ein namhafter Gast wird  „mitten im normalen universitären Leben“ erwartet. Auf Einladung von Prof. Dr. Bodo Gemper sagte Bundesbankpräsident Dr. Jens Weidmann zu, über die Währungsunion und die Rolle der Notenbanken vorzutragen. Im Rahmen eines nahezu privaten Besuchs an der Universität Siegen möchte der Gast aus Frankfurt alsdann mit Studierenden diskutieren.

Begrüßt wurde der Bundesbankpräsident von Kanzler Ulf Richter: „Es ist eindrucksvoll, was Sie in Ihrem jungen Leben schon erreicht haben. Das ist Ansporn für unsere Studierenden.“ Auch Dekan Prof. Dr. Volker Wulf sowie der im Rahmen eines CampusForums einladende Prof. Gemper sprachen kurze Grußworte. Gemper erinnerte daran, dass auf den Tag genau vor 65 Jahren das Grundgesetz der Bundesrepublik in Kraft trat. Dieses schreibt auch die Einrichtung einer Bundesbank vor.

Dr. Jens Weidmann, Jahrgang 1968, ist seit nahezu exakt drei Jahren Präsident der Deutschen Bundesbank. Von der Architektur des Campus Hölderlinstraße fühlte er sich an die des 13-stöckigen Bundesbankgebäudes in Frankfurt erinnert, das nicht selten als Trutzburg gedeutet werde. Weidmann: „Der Architekt wollte damit die Standhaftigkeit der Bundesbank verdeutlichen.“  Nach Vitruv (De Architectura) beruhe Architektur auf drei Prinzipien: Stabilität (Firmitas), Nützlichkeit (Utilitas) und Anmut (Venustas). Die Stabilität stehe im Mittelpunkt  seiner Ausführungen, so Weidmann.  

Die Währungsunion sei eine einzigartige Konstruktion aus 18 ehemals unabhängigen Währungspolitiken, erläuterte Weidmann. Die Staaten seien nun über eine gemeinsame Geldpolitik miteinander verbunden. Eine Währungsunion in dem Sinne, dass Schulden zwischen den Staaten umverteilt werden könnten, könnte einzelnen Ländern Anreiz zur Überschuldung geben. Um dem vorzubeugen, habe man sich sowohl auf Fiskalregeln geeinigt, die verhindern sollten, dass Regierungen Einfluss auf die Geldpolitik ausübten, als auch im Maastricht-Vertrag festgelegt, dass kein Land für die Schulden eines anderen Landes einstehe. Den Notenbanken sei es untersagt, Eurostaaten direkt zu finanzieren. Nachdem die Währungsunion einige Jahre lang erfolgreich gewesen zu sein schien, kamen die Probleme. Weidmann: „Der Boom in den heutigen Krisenländern war auf Pump finanziert.“ Dieses Krisenbeben habe Schwächen im System offen gelegt, dem Eurohaus Risse zugefügt und seine Statik gefährdet.

Das Rahmenwerk der Währungsunion müsse umgestaltet werden. Eine Variante bilde eine echte Fiskalunion oder politische Union, die mit weitreichender Abgabe nationaler Aufgaben verbunden sei. Etliche nationale Verfassungen müssten dafür geändert werden. Eine andere Möglichkeit sei, den Maastricht-Rahmen so zu härten, dass die Haftung für das eigene Tun greife. Ein konsequentes Einhalten des Haftungsprinzips beinhalte jedoch, dass sowohl  für Banken als auch für Staaten eine Insolvenz möglich sein müsse.

Ursache der Eurokrise sei vor allem die enge Verzahnung von Staaten und Banken. Diese sollte durchbrochen werden. Staatsanleihen gelten als risikolos. Dem sei faktisch aber nicht so. Weidmann: „Auch Staatsanleihen sollten risikoadäquat mit Eigenkapital hinterlegt werden.“ Mittlerweile zeigten die strukturellen Änderungen in den Krisenländern erste Erfolge: „Die Krisen sind nur in den Ländern selbst durch Wettbewerbsfähigkeit zu lösen.“ Der Anpassungsweg sei noch lang, etwa die Hälfte geschafft. Rettungspakte bräuchten Zeit, um eine bessere Wettbewerbsfähigkeit zu erreichen. Sie dürften aber nicht zur dauerhaften Finanzierung von Krisenstaaten führen, sondern nur auf Zeit dazu dienen, Probleme anzupacken. Das Fazit Weidmanns: Nur durch eine Optimierung der Statik des Hauses Europa werde die Währungsunion zur Stabilitätsunion. Venustas, die Anmut des Eurogebäudes, komme dann zum Vorschein, wenn Haftung und Kontrolle in Balance stünden.

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Text: Katja Knoche

Foto: Björn Bowinkelmann