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Einheitlicher Umgang mit Sexualität gefordert

Tagung „Sexualität und Heimerziehung“ an der Universität Siegen: Heime dürfen Thema trotz gesetzlicher Hürden nicht ignorieren. Leitfäden für MitarbeiterInnen fehlen.

Eine Entwicklung und Lebenswelt, wie sie in einer Familie möglich ist – das ist der Anspruch, den sich Deutschlands Heime für Kinder und Jugendliche auferlegt haben. Zu der Lebenswelt und den Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen gehört auch die Selbstbestimmung und Auslebung der eigenen Sexualität. Diese zu ermöglichen, stellt die Heimerziehung vor ein Dilemma. Auf der einen Seite steht die Verpflichtung, die sexuelle Selbstbestimmung der Jugendlichen nicht einzuschränken, auf der anderen Seite lauern mögliche Konflikte mit Eltern oder der Heimleitung, bis hin zu gesetzlichen Strafen, wenn Heimerzieher* sexuelle Handlungen bei minderjährigen Bewohnern nicht unterbinden. Darf die 15 Jahre junge Heimbewohnerin mit ihrem Freund oder ihrer Freundin alleine im Zimmer sein? Dürfen die Erzieher auf Nachfrage mit einem 12-Jährigen über Sexualität und Verhütung sprechen? „Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen verlaufen nicht nach den sturen Altersschritten, die das Gesetz vorgibt“, bringt Prof. Dr. Klaus Wolf, Leiter der Forschungsgruppe Heimerziehung an der Universität Siegen, die Diskrepanz zwischen Recht und Realität auf den Punkt.

Unterschiede und Unsicherheiten beim Umgang mit Sexualität
 
Wie die deutsche Heimerziehung mit diesem Dilemma umgeht und es zu lösen gedenkt, hat die Tagung „Sexualität und Heimerziehung“ an der Universität Siegen nun gezeigt. Zwecks Erfahrungsaustausch und Bestandsaufnahme hat die Siegener Forschungsgruppe Heimerziehung mehr als 120 Teilnehmer aus ganz Deutschland empfangen, darunter Leiter und Mitarbeiter von Heimen, Vertreter von Dachverbänden und Jugendämtern. Die Bilanz nach zahlreichen Workshops, Diskussionen und Fachvorträgen: Die Heimerziehung sei zwar auf einem guten Weg, aber es bestünden noch große Unterschiede und Unsicherheiten. Während einige Heime Regelungen ohne Spielraum vorsehen, fragten sich die Tagungsteilnehmer: Was ist gestaltbar? Wie kann das Dilemma gelöst werden? Die Hoffnung bestehe darin, dass die Gesetze flexibel angewendet werden, die Heimleitung und Mitarbeiter sich nicht hinter strikten Regelungen verschanzen, sondern tabufrei mit dem Thema umgehen. Vertrauliche Gespräche mit den Jugendlichen hätten eine hohe Bedeutung und dürften nicht unterbunden werden. Heime dürften eine notwendige Entwicklungsressource nicht systematisch vorenthalten und die Auslebung der Sexualität nicht unterbinden. Zudem müsse die Heimerziehung professioneller werden und der Sexualpädagogik mehr Beachtung schenken. „Es gibt keine Vorgaben, dass es in einem Heim-Team eine sexual-pädagogische Kraft gibt“, sagt Manuel Theile, Sprecher der Forschungsgruppe Heimerziehung.
 
Abstandsgebote könnten schaden
 
Die körperliche Nähe zwischen Pädagogen und Bewohnern ist ein weiterer Balanceakt, mit dem sich die Heimerziehung auseinandersetzen muss. Missbrauchsfälle und Skandale haben in der jüngeren Vergangenheit zu einem strikteren Regelsystem in der Heimerziehung geführt. Die Tagungsteilnehmer berichteten von Fällen, bei denen sich der Erzieher nicht auf das Bett des Kindes setzen darf, um die Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, oder er die Tür des Schlafraumes beim Gute-Nacht-Sagen auflassen müsse. „Wenn wir ein Abstandsgebot einführen, haben wir ein Dilemma, denn Kinder brauchen für eine gute Entwicklung körperliche Nähe“, sagt Prof. Dr. Klaus Wolf. Die Forschungsgruppe Heimerziehung habe beobachtet, dass sich nach den Missbrauchsfällen und Skandalen eine striktere Regelungsstruktur in den Heimen ausgebreitet habe, die die Mitarbeiter belaste und das Dilemma verschlimmere. „Durch solche Regeln wird kein sexueller Übergriff verhindert“, sagt Prof. Dr. Klaus Wolf. Vielmehr müssten die Fach- und Leitungskräfte im Heim aufmerksamer und für den Umgang mit Verdachtsfällen geschult sein. In vielen Fällen werde zu schnell und blind gehandelt. Zugleich fehle es an Rehabilitierungsmaßnahmen für Mitarbeiter, wenn sich die Vorwürfe als haltlos erwiesen haben. „Nicht Deckel drauf, sondern transparent zeigen, was nicht stimmte und den Vorgang aufarbeiten“, empfiehlt Wolf.
 
Klare Vorgaben und Leitfäden fehlen
 
Nach der Tagung wolle die Forschungsgruppe den Hebel bei den Heimaufsichten ansetzen, um die Situation zu verbessern. „Die Heimaufsichten müssen sich untereinander mehr austauschen und professioneller werden“, fordert Wolf. Wenn sich Heim-Mitarbeiter in brenzligen Fragen bei der Aufsicht Auskünfte einholen, erhielten sie mitunter unterschiedliche Angaben, je nachdem welcher Mitarbeiter oder welche Mitarbeiterin am Telefon sitze. Es fehle an einheitlichen Vorgaben und Leitfäden. Trotz der Dilemma und Probleme sieht sich die deutsche Heimerziehung im internationalen Vergleich gut aufgestellt. In Großbritannien zum Beispiel leide die Qualität, weil auch ungelernte Kräfte mit der Heimerziehung betraut sind. „Wir sind gut, weil wir das Fachkräftegebot haben und unsere Erzieher und Erzieherinnen gut ausgebildet sind. Ein Heim kann ein richtig guter Lebensort sein, an dem sich Kinder richtig gut entwickeln können“, sagt Prof. Dr. Klaus Wolf.
 
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Foto: Prof. Dr. Klaus Wolf (v.l.), Andrea Dittmann-Dornauf und Manuel Theile von der Forschungsgruppe Heimerziehung.
 
*Zur besseren Lesbarkeit wird auf die explizite Nennung der weiblichen Form verzichtet, wenn diese mitgemeint ist.