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„Es gibt keine gute oder böse Forschung“

Auf dem Jahresempfang der Universität Siegen löste die Frage nach Ethik in der Wissenschaft angeregte Diskussion aus.

Umzug, Umbau und ein ungebrochener Zuwachs bei den Studierendenzahlen. „Es war ein ereignisreiches und gutes Jahr“, brachte es Rektor Prof. Dr. Holger Burckhart beim Jahresempfang des Rektorats der Universität Siegen 2016 schnell auf den Punkt. Die Uni hat den neuen Campus am Unteren Schloss im Herzen der Stadt Siegen bezogen, gegen den Trend ist die Zahl der Erstsemester gewachsen, die Lehrerbildung ist ein echtes Aushängeschild, die eingeworbenen Forschungsprojekte sind beachtlich und sogar ein neuer Medien-Sonderforschungsbereich ist gestartet. Der Rektor zeigte sich so zufrieden, dass Moderator Armin Himmelrath kurz ins Mikrofon seufzte und fragte: „Aber in Sachen Finanzen gibt`s doch bestimmt was zu klagen, oder?“ Doch auch da hob Burckhart zunächst abwehrend die Hände, problematisch sei allerdings, dass ein wesentlicher Teil der Finanzierung auf Projektgeldern beruhe. „Die sind zeitlich befristet und damit auch die Stellen. Für die Betreuung der Studierenden brauchen wir mehr Ressourcen. Wir müssen mit Land und Bund zu einer finanziellen Verstetigung kommen“, sagte Burckhart.

Thema Zivilklausel: Spannungsfeld Forschung und Verantwortung

Dass nicht nur die Frage, wie viel Geld an die Hochschulen geht, sondern auch wer und warum das Portemonnaie öffnet, um Forschung zu finanzieren, eine Rolle spielt, machte Prof. Dr. Wolfgang Marquardt in seinem Festvortrag deutlich. Der Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich sprach über „Zivilklausel versus Wissenschaftsfreiheit“. Mit der Zivilklausel, so wie sie auch in der Grundordnung der Uni Siegen steht, verpflichtet sich die Hochschule zu einer Forschung allein für friedliche Zwecke. „Aber der Ausgang von Forschung ist nicht vorhersehbar“, gab Prof. Marquardt zu bedenken. „Ethische Fragen entwickeln sich häufig erst im Laufe eines Projekts.“ Ein wichtiger Fortschritt in der Medizin könne in den Händen der Falschen zu einer gefährlichen Biowaffe werden. Aber darf man deshalb die Forschungsfreiheit einschränken? Marquardt verneint das: „Forschung steht im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung.“

jahresempfang2016diskussionjahresempfang2016diskussion2In der anschließenden Diskussionsrunde mahnte deshalb Prof. Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethman, Mitglied des Deutschen Ethikrates und Professor am Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ der Uni Siegen, an: „Studierende, egal welchen Fachs, sollten sich mit ethischen Fragestellungen beschäftigen.“ Die Freiheit der Forschung und die Frage, was mit den Ergebnissen vielleicht später passiert, sei ein hochsensibler Abwägungsprozess, betonte Dr. Ruth Seidl, Grünen-Landtagsabgeordnete. Alexander Steltenkamp vom Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) monierte vor allem die „Heimlichtuerei“ bei bestimmten Forschungsprojekten und forderte: „Die Debatte über gekaufte Forschung muss öffentlich geführt werden.“ Bei dem Begriff „gekaufte Forschung“ zuckte Prof. Marquardt zusammen und sagte: „So einfach ist das nicht. Es gibt nicht gute oder böse Forschung.“ Zu viel Transparenz könnte auch problematisch sein. „Zu viel Transparenz kann dazu führen, dass manche Unternehmen lieber ganz auf die Vergabe von Forschungsaufträgen verzichten. Man möchte nicht, dass alle, und damit auch die Konkurrenz, weiß, woran geforscht wird“, sagte Prof. Dr. Dirk Heberling, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Hochfrequenzphysik.

Prof. Marquardt und Prof. Gethmann stellten abschließend noch einmal das Verantwortungsbewusstsein und das Reflexionsvermögen jedes Einzelnen in den Mittelpunkt. „Auch wenn wir meist nur bestimmte Forschungsfelder mit Skepsis betrachten. Ethische Reflexion ist jedermanns Angelegenheit“, so Gethmann. Und Marquardt: „Die Stundenpläne sind voll, aber diese Fragen sind wichtig.“ Dafür bekam er sofort von Rektor Prof. Burckhart Unterstützung. Und zu Steltenkamp, der studentische Beteiligung in der Ethikkommission gefordert hatte, sagte er: „Wenn die Einwirkungsmöglichkeiten der Studierenden zu gering sind, werden wir das ändern.“

Die Diskussion machte deutlich, in welchem Dilemma die Forschung steht und immer stehen wird. „Missbrauch ist ein steter Begleiter in wissenschaftlichen Kontexten gewonnenen Wissens. Damit sorgsam umzugehen ist unsere gemeinsame Aufgabe, ein simples Verbot hilft hier nicht weiter, sondern führt zu Fatalismus und Stillstand. Die Spannung von Wohl und Missbrauch müssen wir aushalten, aber stets auch kritisch und transparent aufzeigen, welche Möglichkeiten, aber auch Gefahren von Forschungsergebnissen ausgehen können“, sagte Rektor Prof. Burckhart.

Preise zeigen die Vielfalt der Hochschule

Traditioneller Weise werden beim Jahresempfang herausragende Absolventen und Studierende der Universität ausgezeichnet. 2016 ging der Förderpreis der Dirlmeier-Stiftung an Dr. Tobias Scholz für seine Dissertation mit dem Titel „Big Data in Organizations and the Role of Human Resource Management. A Complex Systems Theory-Based Conceptualization“. Darin beschäftigt sich Dr. Scholz mit dem organisationalen Umgang mit Big Data, der einerseits in der Systemtheorie verankert ist, andererseits die personalmanagementbezogene Gestaltung substanziell konkretisiert.

Dr. Paul Lukas Hähnel erhielt den Historikerpreis der Dirlmeier Stiftung. Seine Dissertation trägt den Titel „Föderale Interessenvermittlung im Deutschen Kaiserreich (1871-1914). Koordination, Kooperation und Verflechtung im Politikfeld der Nahrungsmittelregulierung“ und liefert neue Erkenntnisse über die Grundlagen der föderalen Konstruktion des Kaiserreichs.

Dr. Tao Zhu wurde mit dem Preis für internationalen Nachwuchs geehrt, der Titel seiner Dissertation lautet „On the flow induced tip clearance noise in axial fans”. Er untersuchte, wie Schall durch die bei allen axialen Strömungsmaschinen unvermeidbare Strömung zwischen den Schaufelköpfen und dem Gehäuse entsteht. Zum ersten Mal konnte dieser Mechanismus rechnerisch vollständig simuliert und damit erklärt werden.

Mohamed Elwan erhielt den DAAD-Preis für hervorragende Leistungen ausländischer Studierender. Er ist seit 2014 Student des Master-Studiengangs „Mechatronics Engineering“, zeigte enorme Leistungen und engagierte sich zudem ehrenamtlich, indem er beispielsweise Flüchtlinge unterstützte.

„Der wissenschaftliche Nachwuchs ist die tragende Säule unserer Universität“, lobte Prof. Dr. Peter Haring Bolívar, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs. „Die Preisträger zeigen die wunderbare Vielfalt unserer Hochschule.“

In unserer Bildergalerie finden Sie weitere Bilder des Jahresempfangs 2016.

 

 

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Mohamed Elwan (l.), Dr. Tao Zhu (2. v. l.), Dr. Paul Lukas Hähnel (r.) und Dr. Tobias Scholz (2. v. r.) sind die Preisträger 2016, Prorektor Prof. Dr. Peter Haring Bolívar und Referentin Dr. Isabel Maurer Queipo organisierten die Preisvergabe.