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Ei! Ei! Ei! Da! Da! Da!

Jan Wagner las in der Reihe poetry@rubens der Universität Siegen. Im Apollo-Theater erklärte das „Lyrik-Wunder“, warum die Liebe zu Gedichten mit den ersten Kinder-Lauten beginnt.

„Das Wunder der neuen Gegenwartsliteratur“ ist nach Siegen gekommen. Es heißt Jan Wagner und gastierte in der Reihe poetry@rubens im Siegener Apollo-Theater. Als Wunder präsentierte Moderator Prof. Dr. Jörg Döring seinen Gast, weil Wagner im vergangenen Jahr für seinen Gedichtband „Regentonnenvariationen“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden ist. Erstmalig hat ein Lyrik-Werk diesen Preis erhalten.

Wagner hatte natürlich einige Werke aus seinem Erfolgsband für den gemütlichen Siegener Leseabend vor kleinem Publikum ausgewählt, aber auch neue Werke. Los ging es mit dem Gedicht „Der Griesch“, das nach kaum einer Minute schon vorbei, kaum Zeit ließ, um sich an die ruhige aber deutliche Stimme Wagners zu gewöhnen. Nur dezent betonte Wagner entscheidende Worte oder Stellen. Bei Bikern, Klavierlehrerinnen, Mücken, Bienen, Unkraut oder Leichen, stets blieb die Klangfarbe seiner Stimme gleich. Wer während der kurzen Texte aufblickte, wurde nicht wirklich von den Worten abgelenkt. Wagner las auf der Bühne am Tisch sitzend im dunkelblauen Anzug mit schwarzem Shirt, schwarzen Socken und schwarzen Schuhen. Einen farblichen Kontrast bot einzig ein großes Glas Rotwein, das bis zur Abschlussdiskussion unangetastet blieb.

Es wirkte so, als brauchte das Publikum ein wenig, um sich an die Lesegeschwindigkeit Wagners anzupassen. Während der ersten fünf bis sechs Gedichte blickten nicht wenige nach unten, schlossen die Augen, aber zeigten kaum Reaktionen auf die Worte des Wunder-Lyrikers. Erst in der zweiten Hälfte, wenn auch dem Nicht-Wagner-Kenner einzelne Metaphern und Wortspiele auffielen, kam dann und wann ein belustigtes Ausschnaufen aus den Reihen. Wenn der „alte Biker“ als „Mumie aus der Bronzezeit mit einer Gotteswolke von Vollbart“ erschien oder der „Teebeutel“ sein fünfminütiges Dasein als „Eremit in seiner Höhle“ fristete.

Es ist die Beobachtung von Alltäglichem und Gewöhnlichem mit ungewöhnlichen Worten, die Wagners Sprache ausmacht. „Ich liebe Gedichte über kleine Dinge“, sagte Wagner in einer kurzen Lesepause. „Alle Dunkelheiten und Scheußlichkeiten können in einer Waldbeere stattfinden.“ Ob sie in Wagners Texten stattfinden, ist nicht immer leicht zu entdecken. Wenn Wagner seine Texte so schön vortrage, verschwinde eine Stelle wie „Wir waschen die Hände von Kain und Abel“ hinter dem freundlichen Klang der Stimme, stellte Moderator Döring in der Abschlussdiskussion fest. Wagner zeigte sich über die Wirkung seines Vortrag-Stils überrascht: „Wenn die Metapher erst hinter dem Klang liegt und dieser verstört, ist mir das ganz recht.“

Warum Lyrik so fasziniere, dafür hatte der aufgrund seiner Flora-und-Fauna-Fokussierung oft als Natur-Lyriker abgestempelte Wagner eine wiederum natürliche Erklärung: „Lyrik fängt in der Kindheit an, mit dem ,Ei!, Ei! ,Ei!‘ und dem ,Da!, Da!, Da!‘, mit der Lust am Klang der Sprache“. Vergleiche würden bereits vom Kinde genutzt, um die Welt zu verstehen: „Das ist, wie das!“, erklärte Wagner dem Siegener Publikum die urkindliche Liebe zur Metapher.

Wer danach noch immer nicht überzeugt ist, welche abgrundtiefen Scheußlichkeiten in einer Waldbeere verborgen sein können, sollte sich vielleicht an den ersten kindlichen Genuss des Rosenkohls erinnern. Ein Rosenkohl ist ein Rosenkohl ist ein Rosenkohl!


Über poetry@rubens

Poetry@rubens ist eine Lesungsreihe, veranstaltet von der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen gemeinsam mit dem Apollo-Theater, die der Gegenwartsliteratur in der Stadt Siegen ein Forum bieten soll. Nach einem fulminanten Start im Herbst 2007 mit einer Lesung des vielfach preisgekrönten Lyrikers und Essayisten Durs Grünbein hat die Reihe mittlerweile einen festen Rhythmus gefunden: Je einmal im Herbst und einmal im Frühjahr tragen bedeutende Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus ihren Werken vor. Dabei werden abwechselnd Prosatexte und Gedichte im Zentrum stehen. Kuratiert und moderiert wird die Reihe von Prof. Dr. Jörg Döring und Prof. Dr. Dieter Schönecker aus der Philosophischen Fakultät.