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„Facebook kennt uns, ohne dass wir registriert sind“

Wie schütze ich mich gegen das wilde Datensammeln von Unternehmen? Kann ich im Internet wirklich anonym unterwegs sein? Und kann Big Data die Demokratie aushöhlen? Dr. Anke Schüll vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Uni Siegen gibt Antworten.

In den Medien geistert das Schreckgespenst „Big Data“ herum. Unternehmen, Behörden und Geheimdienste sammeln Daten über uns, um uns zu überwachen und zu manipulieren. Was ist dran an solchen Behauptungen?
Schüll: Je mehr Daten wir von uns preisgeben und je besser die Analysemöglichkeiten werden, desto stärker nähern wir uns dem Bild des „gläsernen Bürgers“. Alle Daten, die wir – bewusst oder unbewusst - im Web hinterlassen, können im Prinzip mit Videoüberwachung, Gesundheitsdaten und Geldtransaktionen verknüpft werden. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, umfassende Profile zu erstellen. In manchen Ländern werten Kreditinstitute die Profile einer Person in Sozialen Medien aus, um zu analysieren, ob die Person kreditwürdig ist oder nicht. Unternehmen können uns passgenau Werbung zuschicken. Es gibt zum Teil Unternehmen, bei denen man Personendaten kaufen kann. Die Erstellung von Wählerprofilen, wie sie im Rahmen des Wahlkampfes in den USA angeblich verwendet wurden, zeigt wie zielgerichtet und wirksam eine Wähleransprache erfolgen könnte.

Können wir dagegen überhaupt etwas tun?

Das Bewusstsein schärfen. Wenn man zum Beispiel der Versicherung gegenüber erklärt hat, keinerlei Risiko-Sportarten auszuüben, ist man sich in manch anderen Ländern stärker darüber im Klaren, dass Posts zur Planung eines Motorradtrips, Videos des letzten Gleitschirmflugs oder Meldungen mit den letzten Zeiten beim Apnoe-Tauchen in sozialen Medien zu Problemen führen können. Insbesondere dann, wenn die Meldungen, Fotos und Videos mit Datum und Uhrzeit gekennzeichnet sind und damit eine zeitliche Zuordnung zur Vertragslaufzeit gestatten. Auch wenn man beim Arbeitgeber eine Krankschreibung wegen Rückenproblemen eingereicht hat, sind Fotos vom Bau einer Trockenmauer im Garten verräterisch. Wir stellen in diesen Beispielen sämtliche Daten selbst bereit, um die Täuschung aufzudecken. Das ist der springende Punkt: In vielen Fällen entscheiden wir selbst, welche Daten wir über uns zur Verfügung stellen. Daher ist Sensibilität im Umgang mit den eigenen Daten wichtig. Welche Daten wir posten, welchen AGBs wir zustimmen und welche Privatsphäre-Einstellungen in sozialen Medien wir vornehmen, entscheiden wir selbst. Auch ob wir Daten verschlüsselt übertragen oder über The Onion Router (TOR) anonym surfen wollen, entscheiden wir selbst.

Bringen solche Maßnahmen wirklich etwas?
Die Maßnahmen sind besser, als völlig unachtsam zu sein. Wir können trotzdem nicht davor weglaufen, dass wir erfasst werden. Freunde posten Fotos von uns im Internet oder überlassen Facebook ihr Adress- und Telefonbuch, und schon sind wir im System. Facebook kennt uns, ohne dass wir registriert sind. Es gab ein Experiment in den USA, bei dem eine Frau es bewusst unterbinden wollte, dass ihre persönliche Lebenssituation erkannt wird. Sie hat auf Barzahlung umgestellt, TOR zum anonymen surfen benutzt, Prepaid-Karten fürs Handy verwendet und für jede Bestellung in Online-Shops ein Gastkonto verwendet oder ein neues Konto angelegt, damit ihr Kaufverhalten nicht für die Entwicklung eines Profils genutzt werden konnte. Das war sehr aufwändig und führte dazu, dass plötzlich Ermittler vor ihrer Tür standen: Ohne es zu wissen hat sie ein Verhaltensmuster angenommen, das auf Geldwäsche hindeutete und damit die Aufmerksamkeit der Behörden erregt.

Das heißt, dass wir nicht effektiv unterbinden können, ständig überwacht zu werden. Welche Konsequenzen kann das im schlimmsten Fall haben?
Wenn Menschen aus Sorge davor, ob und Daten verwendet werden, aus bestimmten Foren austreten, die Eingabe bestimmter Suchbegriffe vermeiden und davor zurückschrecken ihre Meinungen zu äußern, wäre das bedenklich. Eine solche „Selbstzensur“ wäre etwas, das man im Auge behalten müsste. Auf der anderen Seite können Behörden Big Data auch positiv nutzen, zum Beispiel zur Terrorabwehr. Sie können Kontakte von Terroristen sowie Vorbereiter und Mitwisser von terroristischen Aktivitäten besser überwachen und festnehmen.

Big Data hat also auch gute Seiten. Welchen Nutzen haben wir Bürger durch Big Data im alltäglichen Leben?

Analysen von Big Data haben positive wie negative Seiten. Wenn mein Navigationssystem basierend auf den Fahrtprofilen anderer Nutzer eine Route ermittelt, die wirklich schneller ist, ist das nicht schlecht. Wenn basierend auf den von mir geäußerten Meinungen zu bestimmten Produktmerkmalen, zum Beispiel eines Smartphones, diese Merkmale angepasst werden, verbessert sich das Produkt in meinem Sinne. Zudem ist mit Big Data nicht nur die Auswertung personenbezogener Daten verbunden, sondern auch von Wetterdaten, Sensordaten und vielem mehr. Wenn die Auswertung von Sensordaten dazu führt, dass mein Auto selbst bemerkt, dass sich eine Störung anbahnt, bevor es einfach liegen bleibt und fahruntüchtig ist, hat auch das Vorteile. Unternehmen entwickeln schon heute Produkte stärker darauf ausgerichtet, was Menschen wirklich brauchen und wollen, weil sie unsere Wünsche und unser Verhalten besser kennen. Es gibt eine ganze Reihe positiver Folgen. Wichtig ist, dass Unternehmen und Behörden verantwortungsvoll mit sensiblen Daten umgehen.

Das Interview führte Nora Frei



Umfrage
Die BWL-Studierenden Oliver Prinz und Melanie Kansy forschen gerade für ihre Bachelorarbeit, welche Rahmenbedingungen förderlich sind, damit mittelständische Unternehmen Big Data als Chance begreifen und Daten analysieren und auswerten. Mittelständische Unternehmen können bis zum 28.2.2017 an der dazugehörigen Umfrage teilnehmen.