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Auch mal kleine „Kultur-Brötchen“ backen

Was heißt Kultur in Siegen-Wittgenstein? Mit dieser Frage startete die Medien-, Kunst- und Kulturwoche „ART!Si“ der Uni Siegen. Das Motto der Podiumsdiskussion im Apollo-Theater: „Große Liebe, kleine Brötchen“.

Es gibt sie, die Kultur-Highlights in Siegen-Wittgenstein – die kleinen, ganz persönlichen und die großen. Die Eigenproduktion „Fahr` deinen Film“ des Siegener Apollo-Theaters, Gastspiele im Rahmen der Biennale, Musical-Aufführungen von Jugendlichen in der Siegener BlueBox oder die Kreuztaler Teddybären-Konzerte. Seit den frühen 90er-Jahren hat sich in der lokalen Kulturszene viel getan, da waren sich die Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Siegener Apollo-Theater einig. Zum Start der Medien-, Kunst- und Kulturwoche „ART!Si“ der Uni Siegen diskutierten sie die Frage „Was heißt Kultur in Siegen-Wittgenstein?“. Landrat Andreas Müller, der stellvertretende Siegener Bürgermeister und CDU-Landtagsabgeordnete Jens Kamieth, Apollo-Intendant Magnus Reitschuster und Theaterpädagogik-Professor André Barz von der Uni Siegen hatten dazu teils unterschiedliche Ansichten.

Neue Performances und Orte erschließen

„Wir haben die etablierten, klassischen Formate wie das Siegener Apollo-Theater oder das Kulturhaus Lyz, die Philharmonie Südwestfalen und das Festival Kultur Pur“, zog Landrat Andreas Müller Zwischenbilanz. Auch in den Kommunen werde teils hervorragende Kulturarbeit geleistet – etwa in Kreuztal oder Hilchenbach. „Nun gilt es, neben diesen Leuchttürmen das kulturelle Feld zu bestellen. Wie können wir den Kulturbegriff erweitern? Welche neuen Performances und Orte können wir uns noch vorstellen?“ Mehr Mut „auch mal kleine Brötchen zu backen“, wünschte sich in diesem Zusammenhang auch Professor André Barz von der Uni Siegen: „Die alternativen Formate sind ja da, die Theater-Projekte ‚Drama Statt Siegen‘ und ‚tollMut Theater‘ oder der Musik-Club ‚Vortex‘ zum Beispiel. Solche Initiativen müssen wir stärken.“

Raum für das Ästhetische geschaffen

Mehr Unterstützung für die lokale Kulturarbeit wünschte sich Intendant Magnus Reitschuster. Vom Land sei die Region bisher sträflich vernachlässigt worden, wandte er sich an den Landtagsabgeordneten Jens Kamieth: „Wir sind hier nach wie vor abgeschieden, kein Schwein aus Düsseldorf guckt nach Siegen-Wittgenstein.“ Dabei habe sich in den vergangenen Jahren viel getan, betonte Reitschuster. „Der Abriss der Siegplatte ist eine Metapher für ein neues Denken, einen neuen Geist, der eingezogen ist. Jahrelang war Siegen eine Stadt der zweckrationalen Unkultur. Das ist aufgebrochen worden. Es gibt jetzt auch hier einen Raum für das Ästhetische.“ Als „verspätete Großstadt“ habe Siegen durchaus auch Vorteile, konstatierte der Intendant: „Wir wissen die Dinge hier mehr zu schätzen.“

Die rot-grüne Landesregierung habe immer stark aufs Ruhrgebiet geschaut und auch bei seiner eigenen Fraktion sei Siegen-Wittgenstein nicht besonders prominent, erklärte CDU-Mann Jens Kamieth. „Da haben viele eher das Rheinland im Blick. Trotzdem will ich versuchen, dass wir das mit der Kulturförderung in Zukunft besser hinkriegen.“ Zukunftsweisende Projekte könnten in der Region auch durch die verstärkte Zusammenarbeit mit der Universität entstehen, meinte Kamieth: „Nehmen Sie zum Beispiel das neue 3-D-Stadtmodell im Siegerlandmuseum. So etwas gab es hier bisher noch nicht.“

Kultur anders denken

Diskutiert wurde außerdem die Art und Weise, wie Kultur finanziell gefördert werden sollte. Einmütige Kritik gab es vom Podium an der herkömmlichen Projekt-Förderung. „Damit geht das Geld an diejenigen, die gute Anträge schreiben und nebenher ein bisschen Kultur machen“, brachte es Magnus Reitschuster auf den Punkt. „Gefördert werden in der Regel Projekte zu bestimmten Themen, die gerade Konjunktur haben. Damit erreichen wir immer wieder dieselbe Klientel, kaum ein neues Publikum“, stimmte André Barz zu. Sein Wunsch: Kitas und Grundschulen Geld zur Verfügung stellen, damit sie mit den Kindern Kunst- und Kulturprojekte umsetzen können. „Wir müssen Kultur anders denken“, erklärte Barz. „Die Frage sollte nicht sein ‚Was muss ich tun?‘ sondern vielmehr: ,Was will ich?‘. Wir sollten Kultur freiwillig machen und unterstützen – mit einer klaren Idee davon, dass das auch etwas bewirkt.“

Moderiert wurde die Diskussion von Regionalmarketing-Managerin Marie Ting. Ein Beispiel für Kultur „made in Siegen-Wittgenstein“ gab es gleich im Anschluss. Ebenfalls im Rahmen von „ART!Si“ zeigte das Apollo-Theater die Eigenproduktion „Große Liebe“ nach dem gleichnamigen Roman des in Siegen geborenen Dichters und Friedenspreisträgers Navid Kermani. Die Zuschauerränge im großen Theatersaal waren beinahe komplett besetzt. Mitten im Publikum, von den meisten wohl unbemerkt: Kermani selbst, der sich die Aufführung mit seiner Familie ansah.

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Diskutierten über Kultur in Siegen-Wittgenstein (v.l.): Landrat Andreas Müller, Siegens stellvertretender Bürgermeister und CDU-Landtagsabgeordneter Jens Kamieth, Moderatorin Marie Ting, Apollo-Intendant Magnus Reitschuster und Theaterpädagogik-Professor André Barz.