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Chance der Kirche auf Austritte zu reagieren

Studie des Siegener Theologie-Professors Dr. Ulrich Riegel stieß bundesweit auf großes Interesse – Ruf nach München abgelehnt.

Es scheint, als hätten sie geradezu darauf gewartet. Gewartet, dass sie mal einer fragt. Fragt, warum sie mit ihrer Kirche unzufrieden sind. Warum sie sie verlassen wollen oder sogar schon ausgetreten sind? In Deutschland sind es jährlich rund 360.000 Menschen, die diesen Schritt vollziehen, etwa 160.000 davon sind katholisch. Das eher kleine Bistum Essen hat in der Vergangenheit im Schnitt 0,56 Prozent seiner Mitglieder verloren. Das ist im Vergleich zu anderen Bistümern zwar kein Negativrekord (in Limburg sind es 0,91 Prozent), aber dennoch Anlass zur Reflexion.   

Im Bistum Essen wollte man mehr, als nur über die Statistik seufzen und beauftragte deshalb Prof. Dr. Ulrich Riegel mit einer Studie. Der Siegener Religionspädagoge entwickelte zusammen mit seinem Kasseler Kollegen Tobias Faix einen Online-Fragebogen, den jeder beantworten konnte, der Mitglied in einer christlichen Kirche ist oder war. Über 5.000 Menschen haben sich beteiligt. „Eine überraschend große Zahl“, findet Riegel. 900 TeilnehmerInnen waren bereits aus der Kirche ausgetreten. Mit über 40 von ihnen führte Riegel ausführliche Interviews.    

Das Projekt schlug auch medial Wellen. Nicht, weil die Ergebnisse außergewöhnlich überraschend gewesen wären, sondern weil die Resonanz auf die Befragung zeigte, dass die Menschen ganz offensichtlich ihre Entscheidung über Verbleib oder Austritt hadern und es ihnen wichtig ist, dass „ihre“ Kirche nicht einfach die Tür zuschlägt oder mit bitteren Konsequenzen (keine kirchliche Trauung, keine Patenschaft, kein kirchliches Begräbnis) und düsteren Aussichten für das Jenseits droht, sondern nachfragt, sich interessiert zeigt.

„Für das Bistum war es wichtig, Strukturen zu erkennen und die Menschen abzuholen, die noch nicht endgültig mit der Kirche abgeschlossen haben“, sagt Riegel. „Wer die Energie für den Fragebogen aufbringt, zeigt, dass er noch eine Verbindung zur Kirche hat und dass ihm das Thema wichtig ist.“ Hoch spannend seien das Konglomerat an Austrittgründen, die genannt wurden. Finanzielle Motive standen zwar oben auf der Liste, waren aber eigentlich nie der alleinige Austrittgrund. „Es ist eher eine Waagschale, die nicht ausgeglichen ist“, so der Theologe. „Die Menschen sagen: Wenn ich der Kirche Geld gebe, dann möchte ich nicht, dass es für etwas verwandt wird, was ich nicht gut finde.“ Und die Liste dessen, was man nicht gut findet, ist lang: die Missbrauchsskandale und der Umgang damit, die Rolle der Frau in der katholischen Kirche, der Zölibat, der Umgang mit Homosexualität. „In den Interviews kamen natürlich auch ganz persönliche Erfahrungen zur Sprache, bei denen die Menschen von enttäuschenden Erlebnissen in und mit ihrer Kirche oder Kirchenvertretern berichteten.“ Vieles fokussierte sich in dem Satz: „Der Klerus verhält sich nicht so, wie er predigt.“ Mangelnde Glaubwürdigkeit des kirchlichen Personals versetzt der Bindung der Gemeindemitglieder oft den entscheidenden Knacks. Skandale tun ihr Übriges. Der Kirchenaustritt sei aber fast immer ein langfristiger Prozess. „Der Schlusspunkt nach einer Zeit der Entfremdung“, so Riegel. Was dem Theologie-Professor im Zusammenhang mit der Studie wichtig ist: „Es geht nicht um Kirchen-Bashing, sondern um die Frage: Welche Chance hat die Kirche darauf zu reagieren?“

Der Wille zur Veränderung sei da. Es habe sehr gute Diskussionen im Anschluss an die Umfrage gegeben. Eine Zukunftsprojektegruppe im Bistum Essen arbeitet weiter auf der Grundlage der Ergebnisse „Es gibt Ideen für ein innovatives Kirchenmanagement“, betont Riegel. Der Wissenschaftler legt Wert darauf, dass es im Rahmen der Studie keinerlei Bevormundung durch das Bistum gegeben habe. „Wir sind und bleiben die Herren der Daten.“ Es gäbe da auch noch genügend Material, das auf Auswertung wartet.

Der Theologieprofessor arbeitet aber derzeit noch an weiteren interessanten Projekten. Unter anderem zum Umgang mit religiöser Heterogenität im konfessionellen Religionsunterricht. Seine Forschungsarbeit möchte er unbedingt an der Universität Siegen weiterführen. Einen Ruf an die Ludwig-Maximilians-Universität München auf die dortige W 3-Professur für Religionspädagogik und Didaktik des Religionsunterrichts in der Katholisch-Theologischen Fakultät hat er vor kurzem abgelehnt. „Das war schon ein extrem reizvoller Ruf“, sagt Riegel. Trotzdem habe er sich für Siegen entschieden. Hier fühle er sich wohl. Er schätze die explizite Forschungsorientierung, die gute interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Fakultät I und die engagierte Verwaltung.

Rektor Prof. Dr. Holger Burckhart und Kanzler Ulf Richter zeigten sich sehr erfreut über Riegels Entscheidung. „Es ist eine Auszeichnung, wenn unsere Professorinnen und Professoren weitere Rufe anderer Universitäten erhalten und eine Bestätigung für die Forschungs- und Lehrbedingungen in Siegen, wenn diese Rufe nach Bleibeverhandlungen dann abgelehnt werden", erklärt Burckhart.

Der 52-jährige Ulrich Riegel stammt ursprünglich aus Bayern, ist in Unterfranken geboren und hat Katholische Theologie und Mathematik auf Lehramt an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg und an der Gregoriana, der Päpstlichen Universität in Rom studiert. Er promovierte und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Würzburg bis er dann als Professor nach Siegen wechselte. Allerdings ist er auch nach zehn Jahren immer noch Pendler. „Mein geliebtes Unterfranken gebe ich nicht auf“, so Riegel lachend. „Weder für Siegen noch für München.“