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Praktikum in einem der gefährlichsten Länder der Welt - ein Reise- und Erfahrungsbericht von Julian Muhlack

Julian Muhlack, 26 Jahre alt und Student der BWL absolvierte von April bis September 2016 ein freiwilliges Praktikum beim Wirtschaftsministerium von El Salvador. Das Praktikum wurde ihm durch den Alumnus Evelio Ruano Padilla vermittelt.

Evelio Ruano Padilla, Alumni Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftspolitik, arbeitet beim Wirtschaftsministerium in San Salvador und kehrte in den letzten Jahren immer wieder an die Uni Siegen zurück, um an der Alumni Akademie „Wege zur Nachhaltigkeit – Die internationale Zukunftswerkstatt“ teilzunehmen. Hier lernten sich Julian und Evelio kennen und es entstand für Julian die Idee, das Wirtschaftsministerium und deren Aufgaben in einem der gefährlichsten Länder Lateinamerikas über ein Praktikum kennenzulernen.

Ich stehe kurz vor meinem Bachelorabschluss der BWL, hatte mir aber eine kleine „Auszeit“ gegönnt, um einem meiner größten Träume nachzugehen. Wie es dazu kam und welche Erfahrungen ich sammeln konnte, darüber möchte ich hier berichten.....

Durch meine Tätigkeit als studentischer Mitarbeiter beim „Alumniverbund der Universität Siegen“ hatte ich die Möglichkeit, viele interessante Menschen kennenzulernen und mich zu vernetzen. Eine dieser Personen war Evelio, Angestellter beim Wirtschaftsministerium von El Salvador, der mir diese Reise und Erfahrung erst ermöglichte, da er den Kontakt zum Ministerium für mich herstellte. Es war für mich ein besonderer Reiz, ein Land und dessen Kultur kennenlernen zu können, das nicht unbedingt als erste Adresse für ein Auslandpraktikum im Studium steht. Die Entscheidung, diese eher außergewöhnliche Reise anzutreten, wurde auch dadurch gestärkt, dass letztlich einfach die Kombination gestimmt hatte. Ich verstand mich bestens mit Evelio, das BWL-Studium war gut mit der Arbeit im Wirtschaftsministerium vereinbar und ich war begeistert von der Idee Spanisch zu lernen.

Der Zeitpunkt meiner Reise, 18.03.16 – 09.10.16, war nicht unbedingt optimal. Während einige meiner Kommilitonen sich schon mit ihrer Bachelorarbeit beschäftigten und fleißig für ihre letzten Klausuren lernten, stand ich vor ganz anderen Problemen. Bedingt durch die Prüfungsstruktur in meinem Studiengang werde ich gezwungen sein, noch zwei weitere Semester anstatt ein weiteres Semester zu studieren, auch wenn der restliche Lehrplansehr überschaubar ist. Aber schon nach kurzer Zeit meines Aufenthaltes in El Savador kann ich sagen, dass es definitiv die richtige Entscheidung gewesen ist diesen Schritt zu wagen.

Die Arbeit

Ich arbeitete in San Salvador in einem Büro des Wirtschaftsministeriums („Crecemos tu Empresa“), das wie eine Unternehmensberatung für kleine- und mittelständische Unternehmen aus El Salvador fungiert. Hier wird diesen Unternehmen eine kostenfreie Beratung in Bereichen wie Finanzierung, Exportation, Recht oder mittlerweile auch Finanzbuchhaltung geboten. Als ich in diese Abteilung kam, gab es das Spezialgebiet der Finanzbuchhaltung noch nicht. Ich habe es in meiner Zeit dort mehr oder weniger selbst entwickelt und ausgearbeitet.

Obwohl unser Büro eigentlich nur kleine- und mittelständische Unternehmen berät - für kleinere Unternehmen gibt es eine eigene Abteilung -, arbeitete ich verstärkt mit kleineren und Mikrounternehmen, da diese die Hilfe dringend benötigten. Der Großteil dieser Unternehmen hat keinerlei Überblick über die finanzielle Lage ihres Unternehmens. Es existieren bspw. keinerlei Aufzeichnungen über Umsätze oder Ausgaben und Kostenkalkulationen der Produkte scheinen „Pi-mal-Daumen“ kalkuliert oder wie aus dem Himmel gefallen zu sein.

Ziel war es, diesen Unternehmen dabei zu helfen, Herr über ihre finanzielle Lage zu werden, indem ich Empfehlungen abgab, wie sie ihre Buchhaltung strukturieren könnten. Auch wenn es sich bei meiner Arbeit nicht um hochkomplexe Rechnungen handelte, kam ich teilweise in Situationen, wo ich nicht weiterwusste. Die theoretische Ausbildung in meiner beruflichen Ausbildung zum Industriekaufmann und meinem Studium war zwar hilfreich, die Umsetzung in der Praxis jedoch ein anderes Thema. Mein Bruder, Nils Muhlack, half mir in diesen Situationen glücklicherweise aus.


Dadurch, dass wir die Unternehmen zunächst immer besichtigten, hatte ich die Möglichkeit, auch innerhalb der Arbeitszeit mehr vom Land kennenzulernen, da es sich nicht nur um Unternehmen aus San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador, sondern auch um Unternehmen aus weiter entfernten, ländlichen Gebieten handelte. So konnte ich beispielsweise schon Plantagen von Bananen, Avocados, Mangos, Kokosnüssen, Kaffee, Kakao oder Aufzuchtstationen von Barschen oder Garnelen kennenlernen. Ebenfalls hatte ich die Möglichkeit, zahlreiche Unternehmen aus verschiedenen Branchen kennenzulernen. Ich wurde zum Teil auch von meinen Kollegen mit auf Dienstreisen genommen, wo nicht unbedingt meine Beratung erforderlich war. Idee war, dass ich in meiner Zeit dort so viel wie möglich vom Land kennenlerne.

In einem ersten Meeting lernte man dabei sowohl den Unternehmer als auch das Unternehmen selbst kennen, um einen besseren Überblick zu erhalten. Dabei konnte man schon meist feststellen in welchen Bereichen das Unternehmen Unterstützung benötigte oder Defizite hatte. Während dieses ersten Meetings erstellte ich eine Art Report, einen von mir ausgearbeiteten Fragenkatalog zur Beurteilung der finanziellen Lage des Unternehmens. Später im Büro nutzte ich diesen, um die Situation im Unternehmen zu analysieren und Empfehlungen und Lösungen auszuarbeiten. In einer weiteren Sitzung erfolgte daraufhin die Präsentation der ausgearbeiteten Handlungsempfehlungen. Soweit funktionierte der Arbeitsprozess in der Theorie. In der Praxis musste ich allerdings feststellen, dass es sich über mehrere Wochen hinziehen kann bis man einen weiteren Termin mit dem Unternehmer festgelegt hat.

Das Land

El Salvador unterscheidet sich in so ziemlich allen Bereichen deutlich von Deutschland. Das Klima ist tropisch und es gibt im Grunde nur zwei Jahreszeiten: Trockenzeit und Regenzeit. Während meiner Aufenthaltszeit befanden wir uns in der Regenzeit. Allerdings beschränkte sich der Regen meist, wenn es überhaupt regnete, auf den Nachmittag oder den Abend. Wenn es dann allerdings regnete, regnete es sehr stark. Im Gegensatz zu Deutschland, wo es möglicherweise den ganzen Tag und eher gemäßigt regnet, regnete es dort für kurze Zeit "wie aus Eimern", sodass sich in den Straßenrinnen reißflutartige Flüsse bildeten.


Unabhängig von der Jahreszeit werden jedoch jeden Tag Temperaturen von 30 Grad und mehr, verbunden mit starker Sonneneinstrahlung, erreicht. Wenn man - wie ich - den ganzen Tag im klimatisierten Büro verbrachte, hatte man allerdings nicht sehr viel von diesem Klima. Auf der anderen Seite war ich froh, dass ich bei diesen Temperaturen in einem klimatisierten Büro arbeiten konnte. Ich hatte aber den Eindruck, dass viele jegliches Gefühl für Hitze und Kälte verloren hatten. Im Büro konnte es dann teilweise sehr kalt werden und generell wurde die Klimaanlage immer eingeschaltet, auch wenn, meiner Meinung nach, keine Hitze herrschte. Ich habe jedoch auch im Büro die Aussicht auf einen strahlend, blauen Himmel und Palmen genossen und dabei an den oft tristen und grauen Himmel in Deutschland gedacht. Immerhin blieben die Wochenenden, um diese Zeit zu genießen.


Unterschiede zu Deutschland

Etwas woran ich mich nie wirklich gewöhnen konnte, war die Tatsache, dass die Sonne jeden Tag schon um 18 Uhr - mal etwas früher, mal etwas später - unterging. Dadurch wirkte der Tag immer relativ kurz. Die kurze Zeit, bevor die Sonne unterging, war allerdings die schönste für mich.

Auch die spanische Sprache war zunächst eine größere Hürde für mich. In einem Zeitraum von weniger als einem halben Jahr hatte ich zwar bereits umfangreiche Kenntnisse (Sprachkurs an der Universität Siegen, Privatunterricht und sehr viel Selbststudium) erlangt, die praktische Anwendung war jedoch eine andere Sache. Wenn man allerdings jeden Tag gezwungen ist, die andere Sprache zu sprechen, lernt man jedoch relativ schnell. Mein Eindruck ist, dass ich nun, nach etwa 7 Monaten Aufenthalt in El Salvador, besser Spanisch spreche und ein ausgeprägteres Verständnis für die Sprache habe als in Englisch.

Ebenfalls die Menschen, die ich kennenlernen durfte, unterschieden sich grundsätzlich in der mir bekannten deutschen Mentalität. Ich habe selten eine vergleichbare Gastfreundschaft und Herzlichkeit erfahren dürfen wie dort. Die Familie von Evelio hatte mich innerhalb von wenigen Tagen voll in die Familie integriert und ich fühlte mich wie ein Teil dieser. Es ist eine wirklich große Familie und trotzdem gibt es in regelmäßigen Abständen immer wieder Familentreffen. Dann treffen sich auf einen Schlag 15 Personen in einem Haus, es wird gemeinsam ein Festmahl zubereitet und alle Generationen speisen zusammen und unterhalten sich bestens. Ohne sie wäre mein Aufenthalt dort wohl kaum möglich gewesen. Für all das, was sie für mich gemacht haben, werde ich ihnen niemals bedanken können. Sie sind meine Familie in El Salvador und ich habe sie bereits in mein Herz geschlossen.


Die meisten Menschen aus El Salvador sind wirklich unglaublich positive Menschen mit einem ausgesprochenen Sinn für Gastfreundschaft. Ebenfalls sind sie sehr aufgeschlossen gegenüber Fremden.

Jedes Mal wenn ich neue Leute kennengelernt hatte und ihnen erzählte, dass ich aus Deutschland komme, waren sie fast schon begeistert und berichteten mir welcher ihr Lieblingsverein aus Deutschland sei. Allgemein laufen in El Salvador gefühlt mehr Menschen mit Deutschland-Trikots herum als in Deutschland selbst. Sie schätzen den deutschen Fußball sehr.

Auch das Essen hatte mich im wahrsten Sinne des Wortes erstmal "umgehauen". Ich weiß dabei nicht, ob es an mangelnder Hygiene oder einfach am Essen gelegen hatte. Gott sei Dank hatte ich mir eine Reiseapotheke aus Deutschland mitgenommen, sodass ich alles relativ schnell und unproblematisch überstanden hatte. Im Laufe der Zeit gewöhnte ich mich aber anscheinend an das Essen. Zudem schaute ich mir die Orte, an denen ich aß immer genau an, um zu beurteilen, ob es (einigermaßen) hygienisch war oder nicht.

Das Nationalgericht von El Salvador heißt „Pupusa“ und ist ein aus Reis- oder Maismehl bestehender Tortilla gefüllt mit Zutaten wie Käse, Bohnen, Wurst, Krabben o.ä. Begleitet wird die Pupusa von Krautsalat und einer Tomatensauße. Sie wird auschließlich zum Frühstück und zum Abendessen und natürlich mit den Händen gegessen. Mir persönlich schmeckten die Pupusas sehr, allerdings aß ich nur die Pupusas aus Reismehl. Die Pupuserías, die Orte an denen das Nationalgericht zubereitet wird, findet man an jeder Ecke im ganzen Land.

Auch viele andere Gerichte werden in El Salvador auf Basis von Mais zubereitet, so beispielswiese auch der Tortilla. Der Tortilla wird bei jedem Mittagsessen als Beilage dazu gegeben, es gibt quasi kein Mittagessen ohne Tortilla. Zunächst aß ich fast kaum Tortillas, da mir der Geschmack nicht gefiel. Nach einer gewissen Zeit begann ich jedoch Tortillas zu essen, vielleicht nur deshalb, weil einfach alle Tortillas aßen. Sie werden teilweise wie ein Art Ersatzlöffel benutzt. Sie erfüllen auf jeden Fall ihre Funktion als Sattmacher. Als mich meine Kollegen das erste Mal beim Tortilla-Essen sahen, meinten sie, dass ich nun auch ein echter Salvadorianer sei.

Ebenfalls lieben viele Salvadorianer Suppen, der absolute Favorit dabei ist die „sopa de gallina“. Dabei handelt es sich um eine Gemüsesuppe, die Huhn enthält. Dabei beschränkt sich der Inhalt aber nicht nur auf ein paar kleine Stücke, sondern die Suppa enthält dann einen größeren Teil des Huhns wie z.B. Beine oder Brust. Bei dem Huhn handelt es sich zudem um ein wildes Huhn. Dieser Unterschied ist sehr wichtig, denn der Geschmack ist anders. Das erzählten mir jedenfalls meine Freunde. Meine Arbeitskollegen schwärmten immer von dieser Suppe und fragten mich ständig, ob ich mich auch schon darauf freuen würde. Ich persönlich bevorzugte in diesem Klima aber eher andere Speisen, da mir nur noch heißer wurde, wenn ich eine Suppe aß.

Ich habe auch selten so viel Fisch gegessen wie dort und das liegt nicht daran, dass mir Fisch sonst nicht schmeckt. Es wurde einfach viel öfter angeboten und auch die Zubereitung war besser. Die absoluten Favoriten für mich waren die Krabben und Garnelen.

Der Verkehr

Was den Verkehr angeht, ist El Salvador das schlimmste Land, in dem ich jemals gewesen bin. Nach meinen ersten Erfahrungen als Beifahrer dachte ich mir nur, dass ich in diesem Land niemals Auto fahren würden wolle oder könnte. Jeden Morgen und Nachmittag schien sich ganz El Salvador mit seinem Auto in San Salvador zu befinden, so schwerfällig war der Verkehr. Montags und Freitags war es besonders schlimm, es ging nichts mehr. Bei jeder Kleinigkeit wurde gehupt, rote Ampeln wurden fast schon aus Prinzip überfahren (es scheint wohl eine Art „Toleranzzeit“ von ein paar Sekunden zu geben), teilweise fehlten Gullideckel, die Motorräder fuhren Slalom durch den Verkehr und am schlimmsten waren die Mikrobusse, eine kleinere Ausgabe eines normalen Busses. Ich habe selten verantwortlungslosere Fahrer gesehen als jene. Diese fuhren als wären sie mit einem Go-Kart unterwegs.
Zudem herrschte das Gesetz des Stärkeren oder besser: Das Gesetz desjenigen, der weniger Angst hat. Ich würde behaupten, dass der Großteil der Verkehrsmittel, einschließlich der öffentlichen Verkehrsmittel, überaus sicherheitsgefährdend ist. Die Busse waren teilweise mehrere Jahrzehnte alt, waren überaus laut und stießen beim Fahren dermaßen Abgase aus, dass man selbst in einer schwarzen Rauchwolke zu verschwinden schien.

Trotzdem war ich irgendwann selbst einer der aktiven Verkehrsteilnehmer in diesem Land. Damit ich morgens pünktlich auf der Arbeit war, stand ich jeden Morgen um 5 Uhr auf. Dann brauchte ich lediglich in etwa eine halbe Stunde für den Weg von ca. 5km. Nachmittags war ich allerdings dem massiven Verkehr ausgesetzt und brauchte in etwa 40-45 Minuten für den Heimweg. Zwischenzeitlich befürchtete ich nicht mehr für den Verkehr in Deutschland geeignet zu sein, da ich mir „anlernen“ musste aggressiv Auto zu fahren, um „voran“ zu kommen.

Die Kriminalität

Vielleicht war dieser Verkehr auch gerade so massiv, weil viele Menschen eher bevorzugten mit dem eigenen Auto auf die Arbeit zu fahren als mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Das ganze hat auch einen bestimmten Grund: Bandenkriminalität.
In den ersten sechs Monaten diesen Jahres wurden bereits über 3.000 Menschen ermordet. Dabei existieren zwei Banden, die Angst und Schrecken im Land verbreiten: „Mara Salvatrucha“ und „Mara 18“. Bei den internen Bandenkriegen um die Macht über bestimmte Gebiete werden dabei auch Zivilisten Opfer der Auseinandersetzungen.

Das ist auch der Grund dafür, dass die meisten Geschäfte (die es sich leisten können) eigene, teilweise schwer bewaffnete Sicherheitsleute, haben. Häufig sah man auch patrouillierende Polizisten und Soldaten in der Stadt. Diese waren teilweise, zum eigenen Schutz, komplett vermummt. Ich selber wohnte wie viele andere auch in einer speziell abgeriegelten Straße mit bewaffenetem Sicherheitspersonal.

Trotz der Tatsache, dass die Präsenz von Polizei und Militär jederzeit sehr hochschien , waren die Zeitungen jeden Tag gefüllt mit Berichten über Morde, es gibt sogar eine eigene Rubrik dafür. In gewissen Gebieten regieren die Banden und es herrschen ihre Gesetze. Sie fordern z.B. Schutzgeld von Einwohnern, öffentlichen Verkehrsmitteln und lokalen Geschäften. Wer die Forderung nicht erfüllt, muss mit seinem Leben und/oder dem Leben der Familienangehörigen bangen. Zeugen der abscheulichen Taten gibt es eigentlich nie, da die Menschen Angst um ihr eigenes Leben haben und deshalb lieber schweigen. Viele der Bandenmitglieder sind selbst noch Kinder und scheinen keine Hemmschwelle mehr zu haben, wenn sie andere Menschen ermorden.

Heutzutage kann man Bandenmitglieder auch nicht mehr so leicht auf den ersten Blick erkennen, da sie nicht mehr alle wie früher mit Tattoos übersät sind. Zudem verfügen die Banden über Strukturen und Einflüsse, die man wohl eher nicht bei diesen vermuten würde. Sie haben bspw. einen eigenen Finanzchef und betreiben Busunternehmen oder Hotels. Ich möchte gar nicht wissen, wo sie noch überall aktiv und vertreten sind...

Trotz dieser Probleme sind unglaublich viele Menschen mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, die teilweise scheinbar mehr Personen aufnehmen, als die Kapazität zulässt. Die Folge daraus ist, dass die Transportmittel dann im absoluten Ungleichgewicht, was man augenscheinlich sehen kann, unterwegs sind. Aufgrund der Tatsache, dass zu den Stoßzeiten mit offenen Türen gefahren wird, fällt dann auch schonmal der ein oder andere Passagier während der Fahrt aus dem Verkehrsmittel heraus.

Sehenswürdigkeiten

El Salvador wäre wahrlich ein Paradies, wenn die prekäre Sicherheitslage nicht wäre: Das Klima ist das ganze Jahr über sommerlich und es gibt unzählige, wunderschöne Strände. Der Pazifik gleicht dabei von der Temperatur her einer Badewanne (rund 30 Grad). Der Strand „El Tunco“ ist beispielsweise weltweit als Surferparadies bekannt und dort werden regelmäßig Wettbewerbe veranstaltet.

Wer eher das kühlere Klima bevorzugt, kann beispielsweise in den gebirgigen Landesteil reisen und den größten Berg von El Salvador „El Pital“ besichtigen, der eine Höhe von 2730m hat. Wie ich selber feststellen musste, herrscht in diesem Gebiet ein deutlich frischeres Klima als im Rest des Landes. Ebenfalls sehenswert sind die für die Landschaft von El Salvador typischen Vulkane, die über das ganze Land verteilt sind und nur darauf warten „erobert zu werden“.

Zudem gibt es in El Salvador zahlreiche, weitere touristische Ausflugsziele und wunderschöne Dörfer. Ich war im Grunde jedes Wochenende unterwegs im Land und habe in meiner Zeit vielleicht mehr kennengelernt als so manch Einheimischer.

Dadurch, dass das Land eine vergleichbare Fläche wie Hessen hat, scheint kein Reiseziel allzu entfernt zu sein. San Salvador liegt touristisch gesehen sehr günstig, da man beispielsweise Strand und Meer innerhalb von 45 Minuten erreichen kann, aber auch das Gebirge mit rund 1,5 Stunden nicht sehr weit entfernt liegt.

Typisch für El Salvador sind auch die unzähligen fliegenden Straßenhändler, die ihre Produkte und Serviceleistungen wie Obst, Wasser, Duftbäume, Nüsse, Scheibenputzservice...an den Mann oder die Frau bringen wollen. Gerade zu den Stoßzeiten, die gefühlt den ganzen Tag über sind, befinden sie sich an den Orten, wo starker Verkehr herrscht, da die Chance dort höher ist, etwas zu verkaufen, da die Leute im Stau stecken. Diese Staus sind dabei nicht nur überaus nervtötend und langwierig, sondern auch eventuell gefährlich. Die kriminellen Banden nutzen diese Situationen, um die im Verkehr feststeckenden Personen auszurauben. Es ist beispielsweise eine sehr schlechte Idee mit offenem Fenster und telefonierend im Auto zu sitzen (abgesehen davon, dass auch hier das Telefonieren beim Auto fahren verboten ist). Das erste, was ich machte, wenn ich in mein Auto stieg war nicht der Griff nach dem Sicherheitsgurt. Zunächst verriegelte ich die Türen, denn das war traurigerweise erst einmal wichtiger. Zudem sollte man stets mit geschlossenen Fenstern fahren und keine sichtbaren Wertgegenstände im Auto mit sich führen. Viele der Autos haben deshalb komplett verdunkelte Scheiben, auch wenn es offiziell verboten ist. Ein Großteil der Autos ist zudem mit einer Alarmanlage ausgestattet, die aber in geschätzt 99% der Fälle ohne Grund angeht und dann so lange mit einer nervtötenden Melodie, die vier bis fünf Mal die Tonart wechselt, Alarm schlägt, bis sie vom Besitzer des Autos ausgeschaltet wird. Das kann dann schonmal einige Minuten dauern und animiert dann beispielweise noch zusätzlich die unzähligen in der Straße lebenden Hunde, die dann mit ihrem Gebell das „Musikstück“ vollenden.


In diesem Land würde ich mir kein neues oder allzu hochwertiges Auto zu kaufen. Der teilweise mangelhafte Zustand der Straßen, bei denen einem schonmal Schlaglöcher unterkommen, nach denen man sich fragt, ob das Auto noch funktionsfähig ist und die Fahrweise der Autofahrer, die ich als äußerst gefährlich beschreiben würde, wären einfach ein viel zu hohes Risiko. Wohl aufgrund dessen gibt es in El Salvador unglaublich viele Pick-Ups und Geländewagen. Wenn wir mit Kollegen beispielsweise schon mal eine Plantage auf dem Land besichtigten, hatten wir in der Regel stets einen Geländewagen. Denn die Plantagen waren oftmals nur über schwer zugängige „Wege“ zu erreichen. Dabei verbrachte man dann schon mal eine halbe Stunde im Wagen, bei der man durch das komplette Auto geschüttelt wurde und sich danach auch dementsprechend fühlte.

Ebenfalls wie in anderen Ländern in Lateinamerika wird sehr häufig der Diminutiv (die Verkleinerungsform, wie z.B. „casita“ = Häuschen) verwendet, wenn man sich unterhält. Dabei wird dieser auf alle möglichen Wörter angewendet und die Übersetzung ins Deutsche macht dabei nicht immer Sinn. Zudem gibt es unendlich viele Wörter und Floskeln, die es auschließlich in El Salvador gibt. Diese werden aber sehr häufig benutzt und gehören zum festen Wortschatz, auch auf der Arbeit. Dabei gibt es auch bestimmte Floskeln, die dermaßen oft in einer Unterhaltung benutzt werden, dass man sich danach fragt, ob das wirklich passiert ist (z.B. „verdad“ oder die verkürzten Formen „vea“ oder nur „va“ was so viel wie „nicht wahr“ heißt).

Ich genoss die Zeit in El Salvador wirklich sehr. Die Menschen, das Land und das Klima sind einfach unglaublich, dennoch freute ich mich gegen Ende meiner Reise wieder auf Deutschland. Sagen wir, dass ich nun mehr zu schätzen weiß, was ich in Deutschland habe. Dadurch, dass ich in El Salvador sehr viele Freunde und eine enge Beziehung zur Familie von Evelio hatte, fühlte ich mich im Grunde nie einsam, dennoch fehlte mir meine Familie, meine Freunde und einfach Deutschland sehr.

Zudem war diese Reise wirklich überaus kostenintensiv. Auch wenn das Lohnniveau (der Mindestlohn beträgt beispielsweise rund $250 im Monat) verhältnismäßig niedrig ist, ist das Preisniveau relativ hoch. Gewisse Produkte im Supermarkt wie z.B. Kosmetikartikel kosten mehr als das Doppelte als in Deutschland. Mit $13 für eine Sonnencreme ist man noch gut bedient. Je nach Wohnlage (Regel: Je „sicherer“, desto teurer) sprengen die Mieten auch jegliche Vorstellungen. Die Lebenshaltungskosten hatte ich mir deutlich niedriger vorgestellt und sie waren nach den ersten eigenen Erfahrungen ein Schlag ins Gesicht.
Ich erhielt leider kein Gehalt vom Wirtschaftsministerium und konnte mich nur für ein kleines Stipendium der Universität Siegen (PROMOS) qualifizieren. Meine Familie unterstützte mich zusätzlich monatlich mit einem kleinen Betrag, aber den größten Teil der Kosten trug ich selbst. Die Kosten für meine Reise belaufen sich auf etwa 8.500€ Ob es das wert war? Definitiv.

Herausforderungen

Im Grunde wurde es dort nie eintönig, da ich immer wieder neue Herausforderungen vor mir hatte: Ich musste mir mein Arbeitsgebiet im Wirtschaftsministerium mehr oder weniger selbst ausarbeiten, da man sich scheinbar erst Gedanken über mich gemacht hatte, als ich schon dort war. Das führte dazu, dass ich ungefähr mit drei Monaten Verzögerung mit meiner eigentlichen Arbeit angefangen konnte. Zwischenzeitlich hatte ich bereits an mir selbst gezweifelt, da ich mich einfach nutzlos gefühlt hatte.

Zu Hause in Deutschland lebe ich aktuell noch bei meiner Familie. Deshalb hatte ich auch am Anfang Schwierigkeiten meinen eigenen Bedarf einzuschätzen. Nach mehreren Wochen und ständigen Anpassungen hatte ich aber irgendwann auch meine optimalen Einkaufsmengen abschätzen können. Ich ging dann ein Mal die Woche einkaufen.

Während meiner Reise habe ich auch zwei Mal den Wohnort gewechselt, sodass ich an drei verschiedenen Orten in San Salvador gewohnt habe. Die monatlichen Mieten lagen dabei zwischen $100 bis $400.

Belize

Mein Visum stellte sich letztendlich als problematischer heraus, als ich zunächst gedacht hatte. Das führte dazu, dass ich das Land verlassen musste, damit mein Visum wieder verlängert wird, wenn ich zurück nach El Salvador reise. Dabei konnte ich leider nicht nach Honduras, Guatemala oder Nicaragua reisen. Das wäre ja auch zu einfach gewesen...so führte mich die Reise nach Belize. Ich wollte die Feiertage im August nutzen, um ein paar Tage „Urlaub“ in Belize auf einer traumhaften Insel („Caye Caulker“) zu machen. Die ersten drei Tage verliefen auch durchaus harmonisch und entspannt: Eine wunderschöne Insel im karibischen Meer, gutes Wetter und Essen, nette Leute, Schwimmen mit Haien, Schnorcheln im riesigen Korallenriff...

Am vierten Tag drehte sich jedoch schlagartig das Klima, ein Hurrikan bahnte sich für den kommenden Abend an. Nachdem ich nach Gesprächen mit meiner Familie in Deutschland und in El Salvador beschloss, die Insel wohl besser vorzeitig zu verlassen, packte ich schlagartig meine Koffer und wollte die Insel mit der nächsten Fähre am Morgen verlassen. Das Problem war, dass die Fähre auch nach mehrmaligem Vertrösten der Mitarbeiterin („Die Fähre kommt in 15 Minuten, 20 Minuten, 30 Minuten...“) nicht kam und die „Meute“, die mit mir wartete bereits „etwas aufgebracht“ war. Das Boot kam letztendlich mit erheblicher Verspätung und wir fuhren nach Belize-City.

Dort angekommen wusste ich allerdings nicht was ich nun machen sollte. Die Einheimischen rieten mir dazu besser das Land zu verlassen, mein Flug ging allerdings erst zwei Tage später von Belize-City aus, sodass ich auf jeden Fall hätte zurückkehren müssen. Eine Änderung des Fluges hätte ohnehin das doppelte des kompletten Flugs gekostet und der Flughafen schloss an diesem Tag zur Mittagszeit. Auf den Ratschlag von meiner Familie aus El Salvador suchte ich ein Hotel in Belize-City auf, um dort die restliche Zeit „abzusitzen“.


Ein Großteil der Hotels war schon voll, da die meisten Touristen bereits ebenfalls von den Inseln „geflüchtet“ waren. Ich fand aber trotzdem mit Hilfe eines Taxifahrers relativ schnell eine auf den ersten Blick angemessene Unterkunft. Ich bezahlte daraufhin $100 für zwei Nächte in einem „Zimmer“. Ein Essen war nicht mit eingeschlossen, da es kein Essen gab, das Badezimmer glich dem einer Gefängniszelle und sauber war für mich definitiv anders. Ich fühlte mich alles andere als wohl. Aber immerhin schien es sicher zu sein.

Es regnete zunächst einige Stunden lang. Dann hörte der Regen gegen Abend auf und es fing an Wind zu wehen. Von Stunde zu Stunde wurde dieser stärker und erreichte womöglich gegen 12 bis 1 Uhr Nachts den Höhepunkt. Aufgrund der Geräusche von draußen, der Hurrikan und umherwehende Objekte und einem mumligen Gefühl fand ich keinen Schlaf. Irgendwann konnte ich jedoch einschlafen und wachte am nächsten Morgen im Dunkeln auf: Es gab weder Elektrizität noch Wasser. Aber immerhin hatte ich den Hurrikan sicher überstanden, jedoch konnte ich niemandem mitteilen, dass ich in Sicherheit war.

Draußen fand ich ein großes Ausmaß an Zerstörung vor: Bäume auf den Straßen, umgekippte Strommasten und herabhängende Stromkabel, zerstörte Häuser und Autos, Boote, die vom Sturm auf die Straße getragen worden sind...


Auf der Suche nach etwas Essbarem stoß ich Gott sei Dank auf einen Obsthändler, so ziemlich das einzig offene Geschäft zu diesem Zeitpunkt. Als ich gegen Mittag auf der Suche nach „etwas“ ein größeres Hotel mit scheinbar funktionierendem Generator sah, machte ich mich auf den Weg zu diesem Hotel. Sie verfügten über Wasser, Strom und Essen. Ich nutzte diese Gelegenheit, um mich am Buffet satt zu essen und meine Familie und Freunde darüber aufzuklären, dass ich in Sicherheit bin. Der Strom kehrte letztendlich nach fast einem Tag zurück.

Diese letzten drei Tage unter diesem Umständen waren einfach eine absolute Katastrophe für mich, ich wollte nur noch das Land verlassen. Ich war sichtlich „bedient“. Belize-City ist definitv eine der Städte, die ich nie wieder „bereisen“ möchte.
Mit rund 4 Stunden Verspätung konnte ich diesen Alptraum endlich beenden und das Land in Richtung El Salvador verlassen...

Mein Fazit

Ich bereue es nicht nach El Salvador gereist zu sein und würde diese Entscheidung jederzeit wieder treffen. All die Erfahrungen, die ich gemacht habe, schöne und unschöne, sind sicherlich hilfreich. Glücklicherweise sind meine Erfahrungen fast ausschließlich positiv gewesen. Ich habe viele neue Freunde dazu gewonnen, wunderschöne Orte kennengelernt und viel über das Leben, Land, Kultur und die Menschen in El Salvador gelernt. Ich glaube, dass wir in Deutschland gar nicht wissen, wie gut wir es haben...

Nun möchte ich zunächst mein Studium abschließen. Es ist mir zudem wichtig weiter die spanische Sprache zu sprechen und meine Kenntnisse zu vertiefen. Was nach dem Studium kommt, kann ich noch nicht genau sagen.

Ob ich nach El Salvador zurückkehren werde? Ja, aber es wird wahrscheinlich nur auf einen Urlaub hinauslaufen. Zurzeit könnte ich mir nicht vorstellen dort zu leben. Es ist schon eine starke Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit, wenn man nicht dort hingehen kann, wo man möchte und stets einer latenten Gefahr ausgesetzt ist.

Wenn man nach El Salvador reisen möchte, wäre es sicherlich ratsam jemanden zu kennen, der sich dort auskennt. Ich würde eher davon abraten, alleine nach El Salvador zu reisen. Wenn man dies und ein paar weitere Sicherheitshinweise wie z.B. Vermeiden bestimmter Orte und öffentlicher Verkehrsmittel, Fahren mit geschlossenen Türen und Fenstern etc. berücksichtigt, kann man eine wirklich wundervolle und unvergessliche Zeit in diesem Land haben.

Es tut mir unglaublich Leid für alle Einwohner von El Salvador, die ein aufrichtiges Leben führen und täglich diesen Risiken ausgesetzt sind und sich deshalb in ihrer privaten Freiheit einschränken müssen. Ich hoffe, dass El Salvador eines Tages von dieser Krankheit befreit wird... Trotz alledem sind die Menschen aus El Salvador ein überaus arbeitstüchtiges und lebensfrohes Volk.

Julian Muhlack, Dezember 2016