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Wolfgang Ludwig-Mayerhofer: Achtung CSU!

Wie man garantiert seine Haus- oder Abschlussarbeit in den Sand setzt

Wie man als (angehende/r) Wissenschaftler/in auf keinen Fall arbeiten darf, verdeutlicht eine (jetzt nicht mehr ganz frische) Broschüre der CSU zum Europawahlkampf 2004 ("Europäisch Denken. Bayerisch Leben"). Um Missverständnissen entgegenzutreten: Mit Sicherheit findet man ähnliche Schwindeleien auch bei den anderen Parteien.

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Der Sinn der vorstehenden Graphik ergibt sich sich aus einem über der Graphik abgedruckten Gespräch mit Edmund Stoiber, in dem es heißt: "Rot-Grün hat Deutschland zum kranken Mann in Europa gemacht." Und in der Tat: Ist es nicht traurig zu sehen, wie Deutschland abgemagert ist? So ein stolzes, dickes Land im Jahr 1992 (der Balken ist im Original fast 2 cm lang), und ein solch schwacher Kümmerling im Jahr 2003 (geschrumpft auf 1,25 cm)!

Nun brauchen wir uns nichts vorzumachen: Die deutsche Wirtschaft ist nicht gerade am Florieren. Aber hier geht es um etwas Anderes, um eine Warnung: Wer in einer Arbeit in Schule oder Studium (Hausarbeit, Abschlussarbeit etc.) so vorgeht wie die Person, die diese Graphik erstellt hat, kann sicher sein, dass diese Arbeit wegen Nichterfüllung der Minimalkriterien sauberen Arbeitens als "mangelhaft" gewertet wird. Warum? (Vielleicht versuchen Sie erst einmal selbst eine Antwort, bevor Sie weiterlesen).

Vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass die Graphik keinen Maßstab aufweist. Man möchte fast meinen, dass das Absicht ist. Zumindest drängt sich diese Schlussfolgerung auf, wenn man die Originaldaten betrachtet. (Nebenbei bemerkt, aber das wissen Sie sicher: Die Quellenangabe "Bundesverband Deutscher Banken" genügt für eine wissenschaftliche Arbeit nicht. Aber die Daten waren zu dem Zeitpunkt, als die Broschüre erschien, leicht im Internet zu finden und auch im Jahr 2017 war das noch möglich, wenn auch nicht mehr am Original-Ort). In den Originaldaten sah man als erstes, dass das Pro-Kopf-Einkommen (PKE) in Deutschland von 1992 bis 2003 um mehr als 30 Prozent zugenommen hat, nicht abgenommen, wie die Graphik suggeriert. (Dazu, dass diese Zunahme nichts besagt, weil das PKE in laufende Kaufkraftparitäten umgerechnet wurde, siehe unten. Aber nicht ich habe diese Daten verwendet, sondern die Person, die die Graphik erstellt hat.) Die Graphiken für 1992 und 2003 weisen also unterschiedliche Maßstäbe auf. Das wird verschwiegen – Note 5 ist schon sicher.

Aber das ist noch bei weitem das Harmloseste! Nächster Punkt: Vergleichen wir innerhalb des Jahres 2003 die Länge der Balken der verschiedenen Länder, so zeigt sich, dass diese Länge die Daten verfälscht. (Genau dieser Vergleich innerhalb eines Jahres ist übrigens das, wofür die verwendeten Daten taugen.) Der Balken für Dänemark im Jahr 2003 ist um ca. 40 bis 45 Prozent länger als der für Deutschland (ich habe die Balken mit einem Lineal nur auf einen halben Millimeter genau nachgemessen, daher die ungefähren Angaben), der für Belgien um etwa 35 Prozent (um nur ein paar Beispiele herauszugreifen). Tatsächlich liegt das PKE in Dänemark um 13 Prozent über dem PKE in Deutschland, dasjenige in Belgien um 8 Prozent. (Nur die Relation zu Luxemburg einerseits und den schlechter als Deutschland positionierten Ländern andererseits stimmt in etwa. Beachten Sie jedoch, dass für das Jahr 1992 die Abstände zu den schlechter positionierten Ländern zum Teil sehr stark übertrieben sind.) Damit steht bereits fest: Note 6, und als Studierende(r) bekämen Sie bei mir nie wieder die Chance, dass ich eine schriftliche Arbeit auch nur entgegennehmen würde.

Aber auch das ist keineswegs alles. Die Graphik soll den Niedergang Deutschlands unter Rot-Grün belegen. Wir denken kurz nach ... und kommen darauf, dass Rot-Grün doch erst seit 1998 an der Macht ist. Wo also stand Deutschland im Jahr 1998, im Jahr des Regierungswechsels? Leider macht der Bundesverband deutscher Banken dazu keine Angaben, doch lernen wir aus dem Text andere interessante Dinge. Das erste: Aus Tabellen und Graphiken geht hervor, dass Deutschland seit 1992 (dem Bezugsjahr) Jahr für Jahr ein geringeres Wirtschaftswachstum aufwies als die EU. Der größte Unterschied bestand übrigens im Jahr 1997, als das Wachstum 1,1 Prozentpunkte niedriger ausfiel (1,4 Prozent gegenüber 2,5), der zweitgrößte im Jahr 1998 mit 0,9 Prozentpunkten (2,0 vs. 2,9), als bekanntlich bis zum Herbst noch Schwarz-Gelb an der Macht war. Die Daten zeigen also ein kontinuierliches Absinken der relativen Position Deutschlands seit 1992. Natürlich wäre sofort zu fragen, wie es vor 1992 aussah; das mögen Sie vielleicht selbst herauszufinden versuchen. Es ist jedenfalls offensichtlich (aber das wissen Sie als Studierende auch schon): Durch die willkürliche Wahl von Bezugsjahren kann ich nahezu alles beweisen – "any truth you want".

Das zweite inhaltlich interessante Phänomen: In dem Text zu der Tabelle, auf die die Daten der Graphik zurückgehen, lesen wir: "Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die mit den in jeden (sic) Jahr neu berechneten Kaufkraftparitäten konvertierten Pro-Kopf-Einkommen ... nicht ... für eine Analyse im Zeitablauf, also für den Vergleich zwischen verschiedenen Jahren geeignet sind." Genau diese Daten hat aber der Bundesverband deutscher Banken in seiner Tabelle dargestellt, genau diese Daten hat die CSU für ihre Wahlkampfbroschüre verwendet. Besser geeigneten Vergleichszahlen zufolge, so fährt der Bericht fort, sei Deutschland zwar auch auf Platz 11 abgerutscht, doch läge es (im Gegensatz zu den in der Graphik verwendeten Daten) immerhin über dem EU-Durchschnitt (und nicht unter dem EU-Durchschnitt, wie im Lichte der für den Zeitvergleich nicht geeigneten Daten). Aber vielleicht dachte sich die Person, die die Graphik entworfen hat, dass es angesichts der Verfälschung der Daten durch die Graphik ohnehin egal ist, welche Daten man verwendet ...