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Austritts- und Verbleibemotive im Zusammenhang mit den christlichen Kirchen

Projektteam

Prof. Dr. Ulrich Riegel (Universität Siegen) & Prof. Dr. Tobias Faix (CVJM-Hochschule Kassel)

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Problemkontext

Säkularität wird auf absehbare Zeit ein zentrales Kennzeichen westlicher Gesellschaft blei-ben. Allerdings ist Glaube auch in einer säkularen Gesellschaft möglich, bleibt dort jedoch die aufwändigere, voraussetzungsreichere und in der Regel weniger anerkannte Form der Lebensführung. Lebendige Religiosität bzw. lebendiger Glaube finden sich in einer derart säkularisierten Gesellschaft vor allem unter zwei Prämissen. Erstens lebt Glaube dort, wo er dem Gläubigen selbst etwas gibt. Gemäß der vorherrschenden „Kultur der Authentizität“ (Charles Taylor) bestimmt das subjektive Empfinden darüber, ob etwas als sinnvoll oder nicht eingestuft wird. Zweitens lebt Glaube dort, wo er in eine lebendige Gemeinschaft ein-gebettet ist und die Überzeugung des Einzelnen durch Gleichgesinnte gestützt wird.

Den beiden großen christlichen Kirchen sprechen viele Menschen ab, ein geeigneter Ort für diese Formen lebendigen Glaubens zu sein. Sie gelten vielen Menschen als bürokratische Organisationen, in denen Veränderungen nur langsam geschehen, die zu sehr um sich selbst kreisen und wenig gesellschaftspolitische Bedeutung haben. Auch treten jährlich zwischen 200.000 und 500.000 Menschen aus beiden Kirchen aus. Als Hauptgründe nennen sie ent-weder, dass sie von der Kirche enttäuscht sind, oder dass ihnen der christliche Glaube als unvernünftig erscheint. Allerdings engagieren sich nach wie vor viele Menschen in katholi-schen Gemeinden und Verbänden. Gerade das Engagement dieser Menschen in der sog. Flüchtlingskrise zeigt das große humanitäre Potential dieses Glaubens.

Für die Kirche stellt sich die Frage, wie Pastoral angesichts dieser komplexen Gemengelage aus Engagement, Verbleib und Austritten angemessen agieren kann. Sie bedarf umfassen-der, empirisch abgesicherter Erkenntnisse darüber, was Christinnen und Christen über die Kirche denken und warum sie in der Kirche bleiben oder was sie dazu bewegt, aus der Kirche auszutreten. Die Praktische Theologie wiederum braucht eine empirisch fundierte Theorie des Verbleibs in der Kirche bzw. des Austritts aus der Kirche, um angemessene pastorale Strategien zu entwickeln.

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Teilprojekt 1: Austrittsmotive

Motive, wie sie in der vorliegenden Studie verstanden werden, stellen eine kognitive kultu-relle Ressource dar, welche von den Menschen, die mit dieser Kultur vertraut sind, in be-stimmten Situationen, auf die sich diese Motive beziehen, aktiviert und zu einer individuell und situativ stimmigen Erzählung verarbeitet werden. Beim Kirchenaustritt werden somit Themen, die innerhalb einer spezifischen Kultur mit Kirchenaustritt assoziiert werden, zu einer Erzählung komponiert, die den eigenen Austritt so darstellt, wie ihn der Erzähler ver-standen haben will. Innerhalb dieses konzeptuellen Referenzrahmens ergründet das erste Teilprojekt zwei Aspekte der Austrittsthematik:

  1. Welche Austrittsmotive lassen sich bei den Ausgetretenen finden, das heißt welche Themen prägen den kulturellen Referenzrahmen, aus dem sich die Ausgetretenen bedienen, wenn sie von ihrem Austritt berichten?
  2. Wie sind diese Austrittsmotive biographisch verankert, das heißt welche Rolle und welche Bedeutung schreiben die Ausgetretenen welchem Motiv in ihrer eigenen Le-bensgeschichte zu?

Beide Fragen bedürfen eines jeweils eigenen empirischen Zugriffs. Forschungsfrage 1 lässt sich quantitativ erheben. Dazu wurde ein Fragebogen ins Netz gestellt, der neben einigen Hintergrundvariablen die offene Frage enthalten hat, warum die befragte Person aus der Kirche ausgetreten ist. Die Antworten werden mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Phi-lipp Mayring ausgewertet. Die Werbung für den Fragebogen verlief über die Webseite des Bistums Essen und eine entsprechende Pressemitteilung, die von mehreren Lokalzeitungen aufgegriffen wurde. Ferner wurde ab dem 23. März 2017 in einer free-card-Aktion in Essener Kneipen auf den Fragebogen hingewiesen. Insgesamt konnte der Fragebogen zwi-schen dem 1. März 2017 und dem 29. März 2017 aufgerufen werden. Es wurden 2751 Zugriffe verzeichnet, von denen 421 angaben, aus der Kirche ausgetreten zu sein. Allerdings machten von diesen 421 Personen nur 306 (73%) weitere Angaben zu ihrem Austrittsgrund. Sie bilden das Sample des quantitativen Zugriffs.

Um Forschungsfrage 2 beantworten zu können, wurden 41 problemzentrierte Interviews mit Menschen, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind, geführt. Die Befragten haben sich entweder bei der eben beschriebenen online-Befragung für ein Interview bereit erklärt oder wurden durch pastorale Mitarbeiter/innen des Bistums Essen vermittelt. Die transkri-bierten Interviews werden mit der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Philipp Mayring analy-siert.

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Teilprojekt 2: Verbleibemotive

Um den Menschen gerecht zu werden, die in der Kirche verbleiben, richtet sich Teilprojekt 2 an Mitglieder der beiden großen Kirchen. Es will a) die Austrittsneigung der Befragten erfas-sen, b) ihre Einstellung gegenüber der katholischen Kirche erheben und c) ein präzises Bild ihrer individuellen Religiosität zu zeichnen. Dazu wurde ein Fragebogen online gestellt (www.kirchenstudie.de), der die folgenden Zusammenhänge erfasst:

  1. Religiöses Profil & Austrittsneigung: Es lässt sich bestimmen, welche religiösen Profile und welche Einstellung der Kirche gegenüber die Menschen kennzeichnen, die über einen Austritt aus der Kirche nachdenken oder bereits kurz vor so einem Austritt stehen. Ebensolche Profile lassen sich auf für die Kirchenmitglieder bestimmen, die nicht an einen solchen Austritt denken.
  2. Bedeutung einzelner religiöser Faktoren für Austrittsneigung: Es lässt sich berechnen, wie groß der Effekt einzelner Aspekte des Glaubens (z.B. Verständnis der Bibel), des religiösen Lebens (z.B. Gebetshäufigkeit) und der Kirchenbindung (z.B. Leistungser-wartungen an die Kirche) für die Neigung ist, aus der Kirche auszutreten.
  3. Wertorientierung und Austrittsneigung: Es lässt sich berechnen, welche Wertorien-tierungen die Menschen mit unterschiedlicher Austrittsneigung zeigen bzw. wie die Austrittsneigung mit der individuellen Wertorientierung zusammen hängt.
  4. Der Fragebogen wurde bislang durch das Bistum Essen, sowie in verschiedenen Medien onli-ne und offline beworben. Gegenwärtig steht das Projektkonsortium noch in Verhandlungen mit evangelischen Landeskirchen im Westen Deutschlands. Bisher haben 1700 Menschen den Fragebogen beantwortet.

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Finanzierung

Bistum Essen

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Publikationen

  • Ulrich Riegel & Tobias Faix (2019), Disaffiliation Motives as Indicator to Better Understand the Relationship between Religious Institutions and Individuals in Modern Western Society, in: Ulrich Riegel, et al. (Eds.), Understanding Religion. Empirical Perspectives in Practical Theology, Münster 2019, 179-193.
  • Tobias Faix & Ulrich Riegel (2019), Eine Typologie evangelischer Mitgliedschaft. Eine empirische Unterschung zu Zufriedenheit und Engagement im Kontext von Kirchenaustritts- und -verbleibemotiven, in: Jahrbuch Sozialer Protestantismus 2019, 40-61.
  • Ulrich Riegel, David Gutmann, Fabian Peters & Tobias Faix (2019), Does Church Tax Matter? The Influence of Church Tax on Leaving the Church, in: International Journal of Practical Theology 23(2019)2, 168-187 (https://doi.org/10.1515/ijpt-2018-0028).
  • Ulrich Riegel & Tobias Faix (2018), The Relational Dimension of Disaffiliation. Thematic Analysis on the Relevance of Relationship in the Process of Leaving the Roman-Catholic Church, in: Journal of Empirical Theology 31 (2), 1-30.
  • Ulrich Riegel & Tobias Faix (2018),Warum habt Ihr uns verlassen? Empirische Befunde zum Kirchenaustritt und mögliche pastorale Konsequenzen, in: Lebendige Seelsorge 69 (5), 306-312.
  • Ulrich Riegel, Thomas Kröck & Tobias Faix (2018), Warum Menschen die katholische Kirche verlassen. Eine explorative Untersuchung zu Austrittsmotiven im Mixed-Methods Design, in: Etscheid-Stams M., Laudage-Kleeberg R. & Rünker T. (Hg.), Kirchenaustritt oder nicht - wie Kirche sich verändern muss, Freiburg: Herder, 125-207.
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