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Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ in der Kritik

Internationale Tagung setzt sich mit der Philosophie des umstrittenen Denkers im Lichte dieser neuen Publikationen auseinander – Forderung nach freier wissenschaftlicher Nutzung des Heidegger-Nachlasses.

Die Diskussionen um Martin Heidegger und seine Rolle im Nationalsozialismus werden seit Veröffentlichung der sogenannten Schwarzen Hefte intensiver geführt denn je. Die Forschung zu diesen inzwischen in vier Bänden vorliegenden an Aphorismen erinnernden Aufzeichnungen steht noch am Anfang. Vier Tage lang haben sich internationale Forscher aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unter dem Titel „Philosophie und Politik. Untersuchungen zu Martin Heideggers Schwarzen Heften“ mit diesen umstrittenen Texten an der Universität Siegen befasst. „Diese Tagung war ein wichtiger Schritt, um die Analyse dieser Hefte und die kritische Auseinandersetzung mit Heideggers Denken voranzubringen“, erklären die beiden Initiatoren Prof. Dr. Marion Heinz und Dr. Sidonie Kellerer. Ihre Absicht ist es, eine „umfassende Aufklärung über den ,Mythos Heidegger’“ anzustoßen. Dazu bedürfe es zunächst einer distanzierten Beschäftigung mit den Begrifflichkeiten, sowie einer Untersuchung der damit verflochtenen Elemente der zeitgenössischen politischen Ideologie und Weltanschauung, die in den Schwarzen Heften erkennbar wird. „Es geht in erster Linie darum, Heideggers Texte nicht mehr nur textimmanent zu lesen, sondern sie auch aus dem ideologischen, diskursiven und semantischen Kontext heraus zu beleuchten“, fasst Dr. Kellerer zusammen: „Heidegger äußert sich zumeist indirekt; wir sollten sein ganzes Werk noch einmal unter diesem Aspekt seines bewusst unklaren Sprechens und Schreibens betrachten.“

heidegger3Um eine den wissenschaftlichen Standards entsprechende Heidegger-Forschung zu ermöglichen, sei es von zentraler Bedeutung, eine verlässliche Ausgabe seiner Werke zustande zu bringen. Ein erster Beitrag zur Herstellung von Transparenz über die Textbestände bestehe darin, den kompletten Heidegger-Nachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach zugänglich zu machen. „Es wäre optimal, wenn die Familie dazu beitragen würde“, betonte Prof. Heinz. Denn die Publikation der Schwarzen Hefte habe nochmals klar gemacht, dass es auch im Interesse einer breiteren Öffentlichkeit ist, die bisher noch gesperrten Teile des Nachlasses wissenschaftlich verwenden zu können. Heidegger sei nun einmal eine zentrale Figur der Zeitgeschichte.

„Die Schwarzen Hefte haben auf Grund ihrer befremdlichen und teils unmenschlichen Kommentare zu den politischen Ereignissen zwischen 1931 und 1948 auch außerhalb der akademischen Welt für Empörung gesorgt“, so Prof. Heinz. Heideggers Einsatz für den Nationalsozialismus war schon seit langem bekannt; die Schwarzen Hefte böten „neue Einblicke in den Zusammenhang zwischen seinen philosophischen Konzepten und seiner Unterstützung des Nationalsozialismus, aber auch in die von Heidegger erdachte Form des Antisemitismus und Rassismus“. Erschreckend an den Schwarzen Heften sei auch Heideggers Relativierung der NS-Verbrechen nach 1945: Statt sich mit dem Massenmord an den Juden auseinander zu setzen, beklage Heidegger, dass niemand an die Deutschen denke. Die eigentliche Provokation der Schwarzen Hefte für die Forschung bestehe indessen in der Erkenntnis, „dass die skandalösen Inhalte nicht von seinem Denken trennbar sind.“ Damit werde die Frage, ob eine Neubewertung dieses Denkens erforderlich ist, unabweislich.

Davon ist auch Dr. Sidonie Kellerer überzeugt: „Wir müssen die kritische und kontroverse Diskussion über sein Denken aus der Perspektive der Schwarzen Hefte intensiv führen und vorantreiben.“ Der Siegener Wissenschaftlerin ist es gelungen nachzuweisen, dass Heidegger im Dienste seiner Selbstinszenierung nach 1945  kunstvolle  Retuschen an einem 1938 gehaltenen Vortrag vornahm, als er ihn 1950 unter dem Titel „Die Zeit des Weltbildes“ veröffentlichte und als Zeugnis seines vermeintlichen geistigen Widerstandes gegen den NS präsentierte. Kellerers Intention ist es, die „Textversion von 1938 und die Nachkriegsversion von 1950 in einer Quellenedition zu veröffentlichen, so dass andere Forscher die Textklitterungen selbst beurteilen können“.

Die kritisch-rationale Auseinandersetzung mit Heideggers Werk auf allen genannten Ebenen voran zu bringen, war das Anliegen der Siegener Tagung. Dieses Ziel wird von den Siegener Forscherinnen auch in Zukunft in interdisziplinärer und internationaler Forschungskooperation weiter verfolgt.

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