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Nicht neu, aber ungewöhnlich dreist

Wissenschaftler der Uni Siegen diskutierten das Phänomen der Alternative Fakten und wie man gegen sie angehen kann.

Wie kann es sein, dass Donald Trump mit seinen Lügen und falschen Behauptungen – auch Alternative Fakten genannt – in der Weltpolitik durchkommt? Darüber diskutierten Prof. Bernd Dollinger aus der Sozialpädagogik, Amerikanistik-Professor Daniel Stein und Medienwissenschaftler Sebastian Gießmann gemeinsam mit Studierenden und Bürgern. Zum zweiten Mal hatte die Professur für Europäische Zeitgeschichte der Universität Siegen zur Veranstaltungsreihe „Wir müssen reden!“ eingeladen.

Einig waren sich alle drei Experten auf dem Podium: Alternative Fakten sind kein neues Phänomen, das Ausmaß und die Dreistigkeit allerdings seien schon ungewöhnlich. „In den USA haben Alternative Fakten eine lange Vorgeschichte, die bis in die 1960er-Jahre zurückgeht und jetzt ihren Höhepunkt erreicht“, sagte USA-Experte Prof. Stein. Das sei ein Konservatismus, der sich verselbständigt habe und bei dem es nicht um richtig und falsch gehe. Auf Twitter poste Trump regelmäßig Behauptungen, die wissenschaftlich widerlegt oder bewiesenermaßen unwahr seien. Er mache das, um Störmomente und Diskussionen zu entfachen. Es gehe einzig und alleine um Interessenspolitik.

Dollinger gab zu Bedenken, dass die Rolle der Medien in dieser Diskussion nicht überbetont werden sollte. Das deutsche Beamtentum zum Beispiel verhindere, dass sich Lobbyismus und Ideologien in den Gerichtssaal einschleichen. Das sei nicht zu unterschätzen: „Richter in Deutschland sind unkündbar. Wenn sie unpopuläre Entscheidungen treffen, wackelt nicht gleich ihr Stuhl“, erklärte der Sozialpädagoge. In den USA sei das anders: Alle Richter in den USA, außer die im Supreme Court, müssen sich regelmäßig zur Wahl stellen. Das sei ein Problem, weil sie viel mehr unter Druck stünden und sich das auch auf ihre Urteile auswirken könne. Dann gehe es nicht mehr allein um Gerechtigkeit.

Auch in der Wissenschaft und an der Hochschule stelle das Ausmaß der erfundenen Fakten ein Problem dar, sagte Medienwissenschaftler Gießmann. „Für Kultur- und Sozialwissenschaftler ist es selbstverständlich, Fakten zu hinterfragen, da sie als temporär und dynamisch angesehen werden“, erklärte er. Aber für Naturwissenschaftler und Mathematiker, die ihre Forschung auf Experimente und konkrete Ergebnisse aufbauen, sei das eine neu Erfahrung: „Sie sehen ihre Arbeit dadurch entwertet.“

Dabei sei gerade diese Art von organisiertem Skeptizismus eine Chance, meine Dollinger: Wenn etwas infrage gestellt wird und Wissenschaftler durch wiederholte Experimente einen Fakt beweisen können, dann gehe dieser Fakt doch viel gestärkter aus der Diskussion hervor. Solch ein Vorgehen funktioniere aber natürlich nur bei Menschen, die sich dem Dialog stellen, sagte Stein. „Wenn Menschen den Klimawandel partout leugnen, dann kann ich ihnen leider auch mit wissenschaftlichen Beweisen nicht beikommen.“

Hintergrund
In der Veranstaltungsreihe „Wir müssen reden“ diskutieren ExpertInnen einmal im Semester ein aktuelles Thema. Anfang des Jahres ging es um Populismus, vor allem in den USA und in Europa.

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Prof. Bernd Dollinger aus der Sozialpädagogik, Amerikanistik-Professor Daniel Stein und Medienwissenschaftler Sebastian Gießmann diskutierten mit Moderatorin Prof. Claudia Kraft (v.l.).
Bildnachweis: Universität Siegen