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Ende einer Flucht führt Biochemiker zur Uni Siegen

Iraner (37) kann im Forschungsprojekt von Prof. Dr. Hans Merzendorfer arbeiten – Unterstützung durch Fördergelder der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Für Ali öffnen sich an der Universität Siegen neue Türen. Prof. Dr. Hans Merzendorfer schließt sie ihm auf. Die Räume sind noch dunkel und spärlich eingerichtet. Aber hier, in den Laboren der Molekularbiologie an der Universität Siegen, wird der 37-jährige Iraner künftig forschen können. Ein Neustart für den Flüchtling. Ali sollen wir ihn nennen. Seinen Nachnamen möchte er nicht öffentlich machen. Zu groß ist immer noch die Angst, vor allem um seine Frau, die er nicht mitbringen konnte.

Vor einem Jahr kam Ali aus Malaysia nach Deutschland. Als Muslim, der zum Christentum konvertiert ist, konnte er dort nicht mehr bleiben, ebenso wenig wie in seinem Heimatland, dem Iran. Der Biochemiker hatte einige Jahre an der Universität in Kuala Lumpur gearbeitet. Als Universitätsmitarbeiter ergriff er die Chance, einen Flug nach Deutschland zu bekommen. In München gelandet, war er im Herbst vergangenen Jahres plötzlich nur noch ein Flüchtling von vielen und gelangte über Stationen in Essen und Dortmund schließlich in ein Flüchtlingsheim in Siegen. Verzweifelt über die Situation in der Unterkunft, suchte er immer wieder Ruhe und Ablenkung in der Uni-Bibliothek.

Im Frühjahr dieses Jahres klopfte Ali bei Christan Gerhus an die Tür. Der Vorstudienberater für Flüchtlinge an der Uni Siegen versuchte dem jungen Iraner zu helfen. Er stellte den Kontakt zu Prof. Dr. Hans Merzendorfer her. Der lernte Ali kennen und ermöglichte ihm die Aufnahme in sein Forschungsprojekt zur Rolle von ABC-Transportern bei der Elimination von Insektiziden. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Da die DFG seit zwei Jahren ein Unterstützungsprogramm für geflüchtete WissenschaftlerInnen anbietet, konnte Merzendorfer einen Zusatzantrag für Ali stellen. „Denn inhaltlich passen seine bisherigen Arbeiten in der Biochemie sehr gut zu unserem Projekt“, sagt Merzendorfer.

Jetzt lernt Ali seinen neuen Arbeitsplatz kennen. Etwas unsicher folgt er seinem Professor durch die Universitätsflure. Auch wenn sein Asylantrag längst anerkannt ist, er die Sammelunterkunft verlassen konnte und nun sogar einen Arbeitsplatz hat, scheint er der neu gewonnenen Sicherheit nicht zu trauen. Vor allem die Sorge um seine Frau, ebenfalls eine Christin, die noch in Malaysia ist, treibt ihn um. Malaysia ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Christen machen etwa zehn Prozent der Bevölkerung aus.

Eher zufällig entstand damals Alis Kontakt zu einer christlichen Gemeinde. Nicht ungefährlich für einen Muslim. Immer wieder gibt es Anschläge auf Kirchen. Zu Gottesdiensten ging Ali nur, wenn sie in privaten Wohnungen stattfanden. Nach einem Jahr ließ er sich taufen, verheimlichte den Glaubenswechsel aber. Angst wurde zu seinem ständigen Begleiter. „Alle meine Unterlagen waren ja in der iranischen Botschaft, und die hatten ohnehin ein Auge auf mich“, so Ali. Wenn man als Iraner im Ausland studieren dürfe, sei man Repräsentant des Landes und werde entsprechend kontrolliert. Wie weit diese Kontrolle ging, wurde Ali aber erst später bewusst. „Als ich in Malaysia ankam, gab es andere Iraner, die sich um mich „gekümmert“ haben. Sie wollten mir das Einleben in dem fremden Land erleichtern – habe ich gedacht. Aber tatsächlich ging es darum, mich zu beobachten.“ Dabei habe man wohl kaum befürchtet, dass er zum Christentum übertreten würde. „Es ging eher darum, zu sehen, wie ich mich als schiitischer Moslem in einem sunnitisch geprägten Land wie Malaysia verhalte“, erklärt Ali.

Zuerst war es nur ein Gefühl, verfolgt zu werden. Dann fürchtete er, dass sein Religionsübertritt bekannt geworden ist. Eines Tages sei er auf offener Straße angegriffen worden. Ali winkt während des Erzählens ab, so als könne er die dunklen Erinnerungen beiseiteschieben. Vielleicht auch, weil er denkt, dass man hier im Büro einer deutschen Universität, konfrontiert mit dieser ganz persönlichen Fluchtgeschichte, das Ausmaß seiner Ängste nicht wirklich nachvollziehen kann. „They wanted to kill me“, murmelt er nur noch und wechselt schnell das Thema. Redet davon, wie dankbar er ist, dass er jetzt in Deutschland sein darf. Wie dankbar, dass er an der Universität arbeiten kann. Dankbar, ja, so dankbar. Aber glücklich? Dazu sind die Sorgen um seine Frau zu groß. „Uns ging es mal gut. Wir hatten Geld gespart, wir hatten gut Jobs.“ Jetzt stehe er völlig allein da. Und dann ist da auch noch seine Familie im Iran. Ali vermeidet den Kontakt, um sie nicht zusätzlich in Schwierigkeiten zu bringen. „Ich habe alles verloren, aber ich würde mich wieder so entscheiden. Ich möchte in dem, was ich denke und was ich glaube, nicht beschränkt sein.“

Dr. Merzendorfer unterstützt seinen wissenschaftlichen Mitarbeiter soweit er kann. Hilft bei der Wohnungssuche in Siegen, stellt ihm die neuen Kolleginnen und Kollegen vor. Jetzt hofft Ali vor allem, dass ihm seine Frau bald nach Siegen folgen kann. „Wir sind jung und können nochmal von vorne anfangen.“

DFG Förderung für geflüchtete Wissenschaftler

Seit Dezember 2015 bietet die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Förderoptionen für WissenschaftlerInnen, die aus ihren Heimatländern geflohen sind. Die Zusatzanträge können auf alle Mittel gerichtete sein, die eine Einbindung der Flüchtlinge ermöglichen. Die Anträge können formlos gestellt werden. Es muss begründet werden, dass durch die Mitarbeit des Flüchtlings zusätzliche Impulse in das Projekt eingebracht werden, die einen Mehrwert darstellen. Außerdem müssen Informationen zum Flüchtlings- beziehungsweise Aufenthaltsstatus vorliegen.

Forschungsprojekt zu ABC Transportern

Warum verlieren Insektizide nach einer gewissen Zeit ihre Wirkung im Pflanzenschutz? Dieser Frage geht Dr. Hans Merzendorfer nach. Der Professor für Molekularbiologie an der Uni Siegen beschäftigt sich in seinem Forschungsprojekt mit der Rolle der ABC-Transporter. ABC-Transporter sind mikroskopisch kleine Pumpen, die eine Vielzahl von Stoffen über die Membranen der Zellen transportieren. Merzendorfer und seine Arbeitsgruppe wollen herausfinden, welche Rolle die ABC-Transporter bei der Insektizid-Resistenz spielen. „Bei Insekten führen verschiedene Mutationen dazu, dass die Wirksamkeit der Pflanzenschutzmittel aufgehoben wird. Entweder ist das Angriffsziel direkt mutiert, die Substanzen werden vermehrt abgebaut oder aber vermehrt aus den Zellen heraus transportiert. Wir interessieren uns für den zuletzt genannten Mechanismus. Das Forschungsziel ist zunächst, diejenigen Proteine zu identifizieren, die Insektizide aus den Zellen herauspumpen“, erklärt Merzendorfer.“ In einem nächsten Schritt wird erforscht, wie das Wissen über die Rolle der ABC-Transporter genutzt werden kann, um bekannte Pflanzenschutzmittel wieder wirksam zu machen. In diesem DFG-Projekt wird der geflüchtete Biochemiker Ali künftig mitarbeiten.