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Selfies beim Kaffeekränzchen

Moderne Technologien haben das Potenzial, ältere Menschen im Alltag zu unterstützen. Dennoch nutzen viele SeniorInnen kaum digitale Geräte und Medien, weil ihnen der Zugang fehlt. Das Forschungsprojekt ACCESS entwickelt Lernformen, um digitale Teilhabe zu ermöglichen.

»Das lerne ich nie mehr«, war Edith Heide (Name geändert) überzeugt, als sie das erste Mal ein Tablet in die Hand nahm. Edith Heide lebt seit jeher in dörflicher Umgebung und hatte mit digitalen Technologien, dem Internet und sozialen Medien keinerlei Berührungspunkte. Auch habe sie digitale Technik nicht sonderlich interessiert, erzählt die 75-Jährige – bis sie an einem Forschungsprojekt der Universität Siegen teilnahm und speziell für ihren Alltag den Nutzen digitaler Geräte kennenlernte.

So wie Edith Heide geht es nicht wenigen älteren Menschen in Deutschland. Viele können digitale Werkzeuge – seien es Endgeräte wie Tablets und Smartphones oder Produkte wie Apps – nicht effizient nutzen, da ihnen der Zugang zu modernen Technologien fehlt. »Das liegt unter anderem daran, dass digitale Produkte meist nicht auf Menschen fortgeschrittenen Alters zugeschnitten sind. Und natürlich steht bei SeniorInnen fast immer zunächst die Frage nach dem konkreten Nutzen von Technologie im Vordergrund«, erklärt Wirtschaftsinformatikerin Professorin Dr. Claudia Müller, die an der Universität Siegen zu IT für die Alternde Gesellschaft forscht. Dabei hätten zahlreiche digitale Medien und Produkte das Potenzial, ältere Menschen im Alltag zu unterstützen und ihr Wohlbefinden zu erhöhen.

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»Das fängt bei Messengerdiensten an, mit denen schnell mit Angehörigen kommuniziert werden kann. Darüber hinaus können das auch Haushaltshelfer wie Staubsaugerroboter sein bis hin zu digitaler Blutdrucküberwachung oder digitaler Blutzuckermessung«, so Müller. In ihrem aktuellen europäischen Forschungsprojekt ACCESS (Englisch für Zugang) erforscht sie, warum viele SeniorInnen digitale Geräte nicht nutzen, welche sozialen, ökonomischen und räumlichen Hindernisse bestehen und wie wir mit entsprechenden Bildungsangeboten auf diese Barrieren eingehen können. Solche Barrieren können Unsicherheit vor Veränderung sein, also davor, etwas Neues lernen zu müssen, fehlende soziale Kontakte, mit denen sich ältere Menschen austauschen können, oder schlichtweg nicht vorhandene technische Voraussetzungen – etwa Internetzugang oder Endgeräte.

Digitale Technologie in den Alltag bringen

Im Rahmen des auf drei Jahre angelegten Projektes beschäftigen sich Müller und ihr Forschungsteam nicht bloß mit der Frage, welche digitalen Technologien ältere Menschen im Alltag unterstützen können. Dreh- und Angelpunkt ihrer Forschung ist vielmehr die Frage, wie man SeniorInnen dazu befähigen kann, sich Technik einfacher anzueignen und einen gewissen Grad an digitaler Kompetenz zu erlangen. Dazu stellt sie die Bedürfnisse der NutzerInnen in den Vordergrund der Entwicklung. In einem partizipativen Prozess bezieht sie ältere Menschen mit ein, testet digitale Lösungen in deren Alltag und macht sie so zu MitentwicklerInnen – so wie bei Studienteilnehmerin Edith Heide. Das geht nicht ohne eine gute und vertrauensvolle Beziehung zu den StudienteilnehmerInnen. »Gerade hier hat sich gezeigt, dass unsere DoktorandInnen weitaus mehr Fähigkeiten benötigen als nur technische Skills. In unserer Arbeit sind wir immer auch ein Stück weit SozialarbeiterInnen oder BrückenbauerInnen, müssen Technikforschung mit Sozialforschung zusammenbringen«, so Müller.

Deshalb sind ihre Forschungsprojekte multidisziplinär ausgerichtet. In ACCESS erforscht, entwickelt und implementiert ihr Team neue Formen von sozial eingebetteten Lernmöglichkeiten für ältere Erwachsene mit geringen technischen Fähigkeiten. Sozial eingebettet heißt in dem Zusammenhang, dass sowohl die Forschungsarbeit als auch das spätere Lernen dort geschieht, wo ältere Menschen sich wohlfühlen. Im besten Fall ist das zuhause bei den ProjektteilnehmerInnen oder etwa in Gemeinschaftsräumlichkeiten einer Seniorenwohnanlage. »Dazu gehört übrigens auch immer Kaffee und Kuchen«, berichtet Müller. »Eine lockere, ungezwungene Atmosphäre ist unheimlich wichtig für eine gute Zusammenarbeit und für Lernprozesse.«

Generell seien ältere Menschen nicht abgeneigt, moderne Technologie einzusetzen, solange sie einen konkreten Nutzen für ihren Alltag erkennen können. Dann können sie auch dazu motiviert werden, sich neues Wissen anzueignen. »Heute möchte ich Handy und Tablet nicht mehr missen. Ich habe so viel von den Forschern der Uni gelernt«, erzählt Edith Heide heute. Eine weitere Teilnehmerin berichtete davon, wie sie mit ihrem Tablet beim Geburtstagskaffee Selfies mit ihrer Enkelin machte und diese direkt an deren Freundinnen versendete. »Hast du eine coole Oma«, war die Reaktion. 

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NutzerInnen entwickeln mit 

Das Forschungsteam entwickelte Workshops, die sich auf den nachhaltigen partizipatorischen Ansatz stützen. Das heißt, die Betroffenen werden aktiv in die Forschung, aber auch die Gestaltung von Lernmöglichkeiten einbezogen. Gemeinsam haben ForscherInnen und ältere Menschen eine Toolbox entwickelt, mit deren Hilfe diese auch Wissen weitergeben können. Dazu mussten die Forschenden zunächst bestehende Probleme beim Umgang mit digitaler Technologie und beim lebenslangen Lernen älterer Menschen verstehen. Hierzu führten die MitarbeiterInnen ausführliche Interviews. Darüber hinaus schafften sie unterschiedliche Geräte vom Staubsaugerroboter über vernetzte Sprachassistenten bis hin zu digitalen Blutdruckmessgeräten an, die TeilnehmerInnen in ihrem Alltag testen und bewerten konnten. Ihr Feedback hielten sie in Tagebüchern fest oder drehten kurze Videos, in denen sie erklärten, warum ihnen ein Gerät wie etwa ihr Smartphone besonders wichtig ist. Diese Videos haben einerseits den Effekt, dass ältere Menschen selbst darüber reflektieren können, welche Vorteile ihnen bestimmte Endgeräte bringen. Andererseits dienen die Videos in der Toolbox als Testimonial für spätere TeilnehmerInnen. Schritt für Schritt entwickeln sie so Interesse und Motivation, sich mit digitaler Technik auseinanderzusetzen und erlangen letztendlich höhere digitale Kompetenz. Um einen nachhaltigen Effekt von ACCESS zu gewährleisten, ist es wichtig, die Erkenntnisse auch über das Projektende hinaus in die Gesellschaft zu tragen. Daher bezog das Forschungsteam möglichst früh externe Organisationen wie Kommunen oder ehrenamtlich tätige Vereine als Partner ein, die künftig das Lehrangebot eigenständig anbieten sollen.

Warum ist digitale Teilhabe wichtig?

Aus unserem Alltag sind digitale Technologien und Endgeräte nicht mehr wegzudenken. Während jüngere Generationen ganz intuitiv mit dem Internet, Smartphones oder anderen Geräten umgehen, haben ältere Menschen oftmals Schwierigkeiten. Ihnen fehlt der Zugang zu modernen Technologien. Das spiegelt auch der Altersbericht »Ältere Menschen und Digitalisierung« (2020) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wider, an dem Müller beteiligt gewesen ist. Dort heißt es, dass von digitalen Technologien und dem Internet nur Menschen profitieren können, die nicht nur Zugang zu ihnen haben, sondern auch die verfügbare Technik akzeptieren. Die zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen bestehenden Unterschiede im Zugang zum Internet und in der Nutzung von digitalen Technologien bezeichnet man als »digitale Spaltung«. Ein souveräner Umgang mit aktueller Technologie hat somit nicht nur das Potenzial, ältere Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen. Er ermöglicht auch gesellschaftliche Teilhabe und mehr Selbstbestimmung im Alter 

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Was heißt »Partizipatives Design«?

Hierbei handelt es sich um die beteiligungsorientierte Gestaltung von zum Beispiel Software unter Einbezug der späteren NutzerInnen. Diesen Ansatz haben norwegische Technikforschende, Unternehmen und Gewerkschaften in den 1970er Jahren entwickelt, um die Computerisierung von Arbeitsplätzen auf demokratische Weise umzusetzen. Partizipatives Design basiert auf den Kernprinzipien »Demokratisierung«, »Emanzipation« und »Produktqualität«.

Partnerorganisationen

• Juniorprofessur Wirtschaftsinformatik / IT für die alternde Gesellschaft am Institut für Wirtschaftsinformatik, Universität Siegen, Deutschland (Koordination)
• Institut für Gerontologie
• Institut für Soziologie, Universität Wien, Österreich
• School of Educational Sciences and Psychology, University of Eastern Finland
• INRCA Istituto Nazionale di Riposo e Cura per Anziani, Italien
• Deutsches Institut für Japanstudien

Förderung

Die Joint Programming Initiative (JPI) »More Years, Better Lives« wird von J-Age II unterstützt. J-Age II wird durch das EU-Rahmenprogramm für Forschung und Innovation Horizon2020 finanziert (Nr.: 643850); Förderungssumme: rund 890.000 Euro 
https://access.wineme.fb5.uni-siegen.de/


Text: Sandro Abbate
Fotos: Sascha Hüttenhain Photography
Portraitfoto Prof. Müller: privat