MEBCarbon
Nach dem Maschinenbaustudium promoviert Sven Brück an der Universität Siegen im Bereich der Materialwissenschaften und erforscht, wie sich Risse durch Wasserstoff beeinflusst in Edelstahl ausbreiten. Heute ist der 40-jährige bei der Firma Heinrich Georg als stellvertretender Konstruktionsleiter tätig. Seit 2021 geht Brück nebenberuflich seiner Leidenschaft bei MEBCarbon (Manufaktur, Entwicklung und Brück) nach, bei dem er Entwicklungs- und Fertigungsdienstleistungen mit dem Werkstoff Carbon anbietet. 2022 kommen die von ihm mit Carbon ausgestatteten Schlitten der Skeleton-Piloten der deutschen Nationalmannschaft bei den Olympischen Winterspielen in Peking zum Einsatz.
Was ist MEBCarbon?
MEBCarbon steht für Manufaktur, Entwicklung und Brück bzw. Manufacturing, Engineering und Brück und ist ein Ingenieursbüro mit eingegliederter Fertigung. Wir entwickeln mit dem Werkstoff Carbon, Lösungen, die in vielen Bereichen Bauteile erschaffen können, die man mit Metall, Aluminium oder Stahl nicht auf die gleiche Weise erbauen könnte. Diese muss man zunächst einmal auf „Ingenieursart“ am PC entwickeln und mit speziellen Fertigungsmethoden herstellen. Wir haben uns auf Prototypen und Kleinserien spezialisiert, sodass die heimische Industrie oder Spezialfirmen, die nur wenige Bauteile brauchen, bei uns anfragen.
Was ist das Besondere an MEBCarbon?
Die Kombination aus Entwicklung und Herstellung, aber auch der wissenschaftliche Background macht MEBCarbon besonders. Als Unternehmen möchte man immer das Beste für die Kunden rausholen. Das hat bei MEBCarbon bisher sehr gut geklappt, weil wir viel in Einheit und in Zusammenarbeit mit den Kunden entwickeln. Ich arbeitete zum Beispiel mit den Entwicklungsabteilungen der Kunden zusammen an einer Lösung, die das Unternehmen dann weiterbringt. Die Kunden kennen ihre Probleme am besten, mit MEBCarbon können wir einen anderen Blickwinkel auf ihre Thematik lenken.
Viele Sportgeräte werden mittlerweile aus Carbon hergestellt wie Tennis-Schläger, Skier oder Fahrräder. Formel 1 besteht nur aus Carbon. Auch die Luft-und Raumfahrt verwendet diesen Werkstoff. Diese Anwendungsbereiche spiegeln auch den Preis wieder, den das Material hat. Das, was ich tue, ist nie günstiger als das, was die Firmen mit Metall tun können. Weil das Material zu teuer ist, kommt es nur dann zum Einsatz, wenn es ein Problem lösen kann. Als plakatives Beispiel: wenn ein Roboter von A nach B immer etwas bewegen muss, sein Werkzeug dafür aber zu schwer ist, dann macht er wenige Bewegungen von A nach B, was die Produktivität stört. Wenn dieses Werkzeug leichter wird, kann der Roboter schneller arbeiten. Also wenn Dinge an Produktivitätsgrenzen oder an Festigkeitsgrenzen stoßen, dann kommen wir zum Einsatz. Dann ist man auch bereit, diesen Mehrpreis zu bezahlen, der sowohl aus aufwändigem Formenbau als auch aus höheren Materialpreisen resultiert. Kunden die bei mir Carbonteile reparieren lassen, hatten vorher nur noch Plastikschrott und haben nach der Reparatur ein Sportgerät, mit dem sie ihr Hobby wieder ausüben können, ohne in ein neues Gerät investieren zu müssen.
MEBCarbon kommt also zum Einsatz, wenn Probleme zu lösen sind. Das Schöne an MEB ist, dass wenn es mir gelingt, die Probleme zu lösen, der Kunde zufrieden ist. Das ist wiederum spürbar und sofort greifbar. Nachdem ich zum Beispiel den Schlitten von der Skeleton-Pilotin Jacqueline Lölling angefertigt habe, konnten wir sofort ihre Erfahrungen in die Entwicklung einfließen lassen und damit beim World Cup antreten.
Wie kamst du auf die Idee MEBCarbon zu gründen?
Die Idee wurde mir seit ich 17 bin nahegelegt, weil ich damals für Motorräder und andere Geräte schon selbst Teile aus Carbon hobbymäßig laminiert bzw. gebaut habe. Weshalb ich das gegründet habe, ist zeitgleich auch das Coolste, was ich bisher machen durfte: Ich habe für die Olympiasportlerin „Jacka“ einen Schlitten konstruiert. Das ist nichts, womit man als Maschinenbauer oft in Kontakt kommt. So etwas als ersten Auftrag zu haben war schon gigantisch.
Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Für welche Produkte setzt du Carbon zum Beispiel ein?
Bei der Firma Georg arbeite ich als stellvertretender Konstruktionsleiter und bin für Entwicklungsprojekte zuständig – wenn ich das Georg Poloshirt ausziehe, beschäftige ich mich dann in der Werkstatt bei uns oder am PC weiter mit Technik und Entwicklungsprojekten. Aktuell konstruieren wir z.B Fahrräder von Grund auf. Ich nehme gerade auch viele Reparaturen vor, da Carbon ein Werkstoff ist, der sich gut reparieren lässt. Wenn Carbon bricht, kann ich das wieder reparieren. Das durfte ich damals in der Uni-zeit im Rennsport lernen, durch Ingenieure aus der Formel 1, die mich gementort haben. Ich repariere für Kunden Fahrräder, Sportgeräte bzw. die Bauteile, die durch einen Schaden ihre Funktion verloren haben also Carbon, das gebrochen ist. Der Prozess der Entwicklungsarbeit beim Konstruieren von neuen Rädern passiert ab ca. 16 Uhr, wenn ich von meinem Hauptberuf nach Hause oder in die Werkstatt komme.
Du hast die Skeleton-Piloten der deutschen Nationalmannschaft mit Carbon-Teilen ausgestattet. Wie kam es dazu?
Beim Skeleton-Sport darf der Schlitten plus Fahrerin ein Gewicht von 102 Kilo erreichen. Das bedeutet, dass wenn die Fahrerin ein gesundes Gewicht von 70 Kilo hat, der Schlitten dann nur noch sehr wenig wiegen darf. Hier hat Carbon geholfen, die Bauteile gezielt leichter, steifer oder dämpfender zu bauen, um an der richtigen Stelle Gewicht sparen. Nachdem Jacka mit dem von mir mit Carbonteilen angefertigten Schlitten im Winter 2021 gute Fahrzeiten erzielt hat, wurde die deutsche Nationalmannschaft auf mich aufmerksam. Wir haben dann gemeinsame Testfahrten gemacht und zusammen die Teile entwickelt.
Was war deine Reaktion, als du erfahren hast, dass du die Kunststoffteile für die Skeleton-Schlitten für die Olympischen Winterspiele anfertigen sollst?
Purer Stolz. Ich fand das total Klasse, weil ich zu der Zeit noch in einer 12- Quadratmeter-Werkstatt gearbeitet habe. Ich bin damals gegen andere Schlittenbauer angetreten und zwar gegen das FES (Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Sportgeräte). Das ist immerhin ein staatlich finanziertes Institut in Berlin, das sich rund um die Uhr um die Entwicklung von Olympia-Geräten kümmert.
Was war deine größte Herausforderung? Und wie bist du damit umgegangen?
Wenn man sich als Maschinenbauer nur in seinem Fachgebiet aufhält, dann hat man zunächst einmal keine Berührungspunkte mit wirtschaftlichen Aspekten. Für mich ist es daher immer noch schwierig wirtschaftlich zu denken und die Unternehmersicht einzunehmen. Am Anfang habe ich zum Beispiel manche Dinge etwas schlecht kalkuliert und musste dafür Lehrgeld zahlen. Dadurch lernt man aber auch. Mittlerweile habe ich einen Kollegen an meiner Seite, der sich als BWLer mit den wirtschaftlichen Themen deutlich besser auskennt als ich.
Was würdest du Gründern empfehlen?
Früh genug anzufangen, bevor man mitten im Leben steht. Denn wenn man im Leben schon „angekommen“ ist, entsteht ein safespace, der schwer zu verlassen ist. Netzwerken ist auch sehr wichtig. Es gibt dafür Plattformen wie das Entrepreneurship Center oder den Startpunkt57. Hier wurde MEBCarbon im Inkubatorprogramm gefördert. Sich mit diesen Initiativen in Kontakt zu setzen und nicht alleine zu starten, kann extrem wichtig sein. Außerdem lassen sich gewisse Dinge im Team deutlich leichter lösen.
Was möchtest du mit MEBCarbon erreichen?
Das, was ich mit dem Skeleton geschafft habe, möchte ich gerne auch im Mittelstand erreichen – nämlich Probleme derart lösen, dass es nur Gewinner gibt. Sodass Unternehmen hier im Siegerland, die mich beauftragen, durch diese Leichtbaulösungen profitieren können.
Dieses Porträt basiert auf einem Interview mit Sven Brück und wurde von Duygu Cicek verfasst.