Seit der Krieg zurück ist in Europa, werden Räumen und Raumsemantiken wieder größere Dringlichkeit beigemessen. Auch die Realpolitik kommt nicht mehr ohne geopolitische Referenzen aus. Die hoffnungsvolle Erwartung, dass neueste Medien und Technologien den Raum abschaffen oder supranationale Einrichtungen geostrategische Machtprojektionen obsolet werden lassen, wird kaum noch geteilt.
Die große Beachtung, die das Geopolitische in jüngster Zeit erfährt, ist jedoch nicht unproblematisch: Gerade besonders populäre Konzeptionen verdanken ihren Erfolg nicht notwendig ihrem Sachgehalt, sondern einer Aufmerksamkeitsökonomie, deren Logiken anderen Regeln folgen als denen der Politik- oder Geschichtswissenschaften, der Humangeographie oder der Raumsoziologie.
Die Fragestellung des SFB 1472 zielt auf die Bedingungen und Folgen der Popularität oder Nicht-Popularität geopolitischer Begriffe, Mythen, Topoi und Analysen, die in den westlichen Gesellschaften kursieren und mittlerweile das politische Handeln wie auch die wissenschaftliche Reflexion mitbestimmen. Warum hat ein geopolitisches Szenario, das als Buch zum Bestseller wird, größere Chancen, den Diskurs zu prägen als andere Ansätze? Welche Folgen hat das Format des Wissenschaftspodcasts für die Perspektive auf geostrategische Krisen?
Große öffentliche Beachtung für wenige Akteure und Szenarien impliziert, dass andere Akteure und Szenarien keine oder wenig Aufmerksamkeit finden und auch in der politischen Entscheidungsfindung keine Rolle spielen. Es wäre vorstellbar, dass geopolitische Klischees von großer Popuarität die Bestimmung der Lage gerade verhindern, weil sie alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen und damit zugleich andere Ansätze und Expertise unsichtbar werden lassen. Die viel beschworene Ökonomie der Aufmerksamkeit betrifft – dies ist die Arbeitshypothese des SFB – auch geopolitische Fragen. Wer dringende geopolitische Fragen popularisiert, um politische Beachtung zu finden, begibt sich in eine Arena, in der Resonanz nicht nur von wissenschaftlicher Stimmigkeit abhängt, sondern auch von Prominenz, Inszenierungstalent, rhetorischer Prägnanz oder dem Mut zur Vereinfachung. Jedenfalls stehen Popularität und geopolitischer Diskurs in einem intrikaten Verhältnis – und genau dieses Verhältnis macht die Jahrestagung 2026 zu ihrem Thema.
Das vollständige Programm finden Sie unter dem folgenden Link: https://sfb1472.uni-siegen.de/veranstaltungen/jahrestagung-2026-populaere-geopolitik