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Alumni-Portrait: Thomas Brinkmann

Die Emissionen im Blick – Für die Klimapolitik im Zentrum der EU-Kommission. Dr.-Ing. Thomas Brinkmann ist seit 18 Jahren bei der Europäischen Kommission tätig. 1990 entschied er sich für ein Chemiestudium an der Universität Siegen. Als Politikreferent arbeitet er nun seit 2023 an dem neuen CO2- Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism).

Die Emissionen im Blick – Für die Klimapolitik im Zentrum der EU-Kommission

Dr.-Ing. Thomas Brinkmann ist seit 18 Jahren bei der Europäischen Kommission tätig. Nach seinem Zivildienst entscheidet er sich 1990 für ein Chemiestudium an der Universität Siegen. Als Politikreferent arbeitet er nun seit 2023 an dem neuen CO2- Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism).

„Ich wollte immer im Bereich Umweltschutz arbeiten“

Von der Arbeit beim Umweltbundesamt in Berlin bis hin zu der Arbeit bei der Europäischen Kommission – Brinkmann bleibt seiner Liebe zur Umwelt treu. Seit 2007 durchläuft er bei der Europäischen Kommission mehrere Generaldirektionen. Diese seien oftmals vergleichbar mit Bundesministerien. Gestartet hat Brinkmann zunächst im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. „Inzwischen ist es meine vierte Generaldirektion, in der ich arbeite“, fügt er hinzu. Nach seiner dreijährigen Tätigkeit in der Entwicklungspolitik in Brüssel, arbeitet er weitere zehn Jahre an der gemeinsamen Forschungsstelle der EU (Joint Research Centre) – diesmal in Spanien. Für die EU-Industrieemissions-Richtlinie identifiziert er in Sevilla die besten verfügbaren Techniken (BVT), mit denen sich die Umweltauswirkungen von großen Industrieanlagen verringern lassen. „Es geht um die Verringerung von Emissionen in Wasser und in die Luft, aber auch um den Energieverbrauch“, erklärt Brinkmann. Am Ende dieses Prozesses entstehen Standards, die auf der Basis der besten Anlagen in der EU definiert und innerhalb eines bestimmten Zeitraums umgesetzt werden. Auf diese Weise müssten alle Anlagen in der EU diese besten verfügbaren Techniken umsetzen. Brinkmann ergänzt: „Es war eine sehr technische Arbeit, die dann in die Gesetzgebung eingeflossen ist.“

Thomas Brinkmann arbeitet seit 2020 im Bereich Klimapolitik. Auf die Frage, seit wann sein Interesse an diesem Sektor bestehe, antwortet er auf diese Weise: „Ich wollte immer im Bereich Umweltschutz arbeiten“. In Karlsruhe kommt er zum ersten Mal während seiner Promotion in der Wasserchemie mit dem Wasserbereich in Berührung. Seither hat er sich viel mit Wasserreinhaltung sowie Wasseraufbereitung beschäftigt. Wie es der Zufall will, geht Brinkmann anschließend beim Umweltbundesamt einer Tätigkeit im Wasserbereich nach. Seine Passion für Umweltthemen hat sich seitdem nur noch verstärkt.

Im Inneren der EU-Kommission

Zu seinen Aufgaben als Politikreferent gehören zum einen die Vorbereitung und die Umsetzung von EU-Gesetzen. Die EU-Richtlinien und -Verordnungen werden von der Kommission vorgeschlagen und die technische Vorarbeit sowie die Folgenabschätzung als auch das Schreiben eines Entwurfs wird von den Generaldirektionen vorgenommen. Anschließend findet ein politischer Prozess zwischen dem Rat und dem EU-Parlament statt, den die Kommission technisch wieder begleitet. Unterhalb dieser Richtlinien und Verordnungen erarbeitet die EU-Kommission auch weitere, technischere Gesetze wie zum Beispiel Durchführungsverordnungen. Auch diese bearbeitet Brinkmann technisch und schreibt Entwürfe. Diese werden wiederum von einer Gruppe von Vertretern der Mitgliedstaaten begutachtet, die schließlich über diese Entwürfe abstimmen.

Brinkmann kümmert sich aber nicht nur um die Gesetzesvorbereitung. Im Team erstellt er auch Ratgeber – sogenannte Guidelines – die veröffentlicht werden. Diese seien dazu da, um den Unternehmen Handreichungen und Hilfen zu bieten, wie der bodenständige Chemiker erklärt.

Das sei aber noch nicht alles: „Wir führen natürlich auch ganz viele Konsultationen mit den Betroffenen oder beteiligten Kreisen und Industrien durch und sind mit den Mitgliedstaaten und Umweltvertretern im ständigen Austausch, sowohl was die Gesetze an sich als auch deren Umsetzung angeht. Es ist also ein kontinuierlicher Prozess“, ergänzt Brinkmann.

Mit seinem Beruf ist Thomas Brinkmann mehr als zufrieden. Die Arbeit sei für ihn aus mehreren Gründen äußerst attraktiv: „Zum einen arbeitet man auf einer internationalen Ebene, das heißt man arbeitet mit KollegInnen aus allen anderen EU-Staaten zusammen. Diese Mischung von Kulturen ist sehr interessant und die Zusammenarbeit macht mir wirklich sehr viel Spaß.“ Auch sei es von Vorteil, dass man innerhalb der EU-Kommission zwischen den Generaldirektionen relativ einfach wechseln könne. Am herausragendsten sei es aber, dass Brinkmann selbst an einem Gesetz mitarbeiten kann und das erlebt, was viele Menschen nur aus der Presse lesen. In Sevilla hat er an BVT-Merkblättern (beste verfügbare Technik) gearbeitet und sich dabei unter anderem mit der Chlorindustrie beschäftigt. Das Projekt, an dem Brinkmann gearbeitet hat, habe unter anderem dazu geführt, dass Anlagen mit dem umweltschädlichen Quecksilberverfahren inzwischen auf das sauberere und energieeffizientere Membranverfahren umgestellt haben. Es ist ein Erfolg, der sichtbar ist und dieser erfülle einen Menschen mit Stolz – auch Brinkmann.

Vom Arbeiterkind zum Kosmopoliten
Cover einer wissenschaftlichen Arbeit über Chlor-Alkail

Der gebürtige Münsterländer entscheidet sich entgegen den Wünschen seiner Eltern für ein Chemiestudium an einer Universität, die fern von seiner Heimat Warendorf liegt. Der zweifache Familienvater erinnert sich: „Meine Eltern hätten es gut gefunden, wenn ich eine Ausbildung bei der Sparkasse gemacht hätte. Ich wollte das aber nicht. Ich wollte etwas anderes machen.“ Brinkmann folgt seiner Intuition und geht seinen eigenen Weg, der ihn sogar ins Ausland führt. Er gehört zu der ersten Generation, die 1993 als Naturwissenschaftler der Universität Siegen ein Auslandsstudium im Rahmen eines Erasmus-Programms absolviert. „Für Sprachwissenschaftler war das normal, aber für Naturwissenschaftler war das völlig ungewöhnlich“, teilt er schmunzelnd mit.

Zusammen mit einem Freund besucht Brinkmann nach dem Vordiplom einen Spanischkurs an der Universität, um anschließend an dem Programm teilzunehmen. Die Reise führt ihn nach Sevilla. Dort lernt er auch seine spätere Ehefrau kennen. Viele Jahre später, in 2010, führt ihn die Arbeit wieder zurück nach Sevilla zur Gemeinsamen Forschungsstelle.

Er schafft es als Arbeiterkind ins Zentrum der aktuellen Politik – nämlich in die EU-Kommission. Dass er mal für die Europäische Kommission arbeiten würde, hätte der Hobbymusiker sich damals nicht mal erträumen können: „Ich wäre im Leben nicht darauf gekommen, mal im Ausland zu arbeiten und dann auch noch für die EU. Das hätte ich mir nie träumen lassen.“

Es ist kein Geheimnis, dass der Bildungsstand der Eltern das berufliche Leben der Kinder prägen. So haben Kinder von Akademikern meist eine höhere Chance auf einen Hochschulabschluss als Nichtakademikerkinder. Diese Tatsache hat den Erstakademiker aber nicht davon abgehalten. Seine Faszination für chemische Strukturen und organische Synthesen, verleihen Brinkmann den Antrieb, seine Promotion im Bereich der Wasserchemie erfolgreich abzuschließen. Sein Erfolg ist unter anderem auch an der Überarbeitung der Regularien für den Emissionshandel sichtbar, an der Brinkmann 2023 mitgearbeitet hat. Durch diesen Emissionshandel sollen Emissionen schrittweise reduziert werden, damit die EU in 2050 ihr selbstgesetztes Ziel der Klimaneutralität erreicht.

„Am ersten Tag wurden wir einfach so ins Labor geworfen“

Von vier Universitäten, die zur Auswahl standen, entscheidet sich Brinkmann damals für die Universität Siegen. Es ist die Überschaubarkeit und die damit verbundene, enge Betreuung, die sich Brinkmann erhofft. Er bemerkt aber auch, dass das Siegerland einige Mankos mit sich bringt: „In Siegen regnet es schon ziemlich viel. Ich bin morgens immer mit dem Fahrrad eine halbe Stunde den Berg hochgefahren zum Labor und musste abends wieder zurück.“ Im Winter sei die Fahrradfahrt den berühmten Haardter Berg hoch für den Warendorfer aus dem flachen Münsterland umso anstrengender gewesen.

Auch wenn das Studium schon mehr als 30 Jahre zurückliegt, bleiben einige Begebenheiten ein Leben lang im Gedächtnis haften. Wie die Aussage eines Assistenten. Brinkmann erinnert sich lachend: „Am ersten Tag wurden wir einfach so ins Labor geworfen. Der Assistent meinte: Da stehen die Chemikalien und das Material, fangt an.“

Die ersten vier Semester hinterlassen also deutlich ihre Spuren. Ganz besonders die Laborzeiten, wie Brinkmann gesteht: „Es gab Tage, an denen ich von 8 bis 18 Uhr im Labor stand, von denen aber nur fünf Stunden für das Studium angerechnet wurden. Dann verbrachte ich den ganzen Tag in diesem Labor und bin anschließend wieder im Dunkeln nach Hause gefahren.“ Dass das Chemiestudium und das Leben in der 1990er-Arä sich etwas anders als heute gestaltete, erkennt man nicht nur an der zeitaufwendigen Laborarbeit, die fast schon einem Vollzeitjob gleicht. Denn nach Feierabend muss sich Thomas Brinkmann anschließend schnell aufs Rad schwingen. Der Grund dafür ist trivial, aber elementar. Da die Geschäfte bereits um 18.30 Uhr schließen, bleibt Brinkmann nur wenig Zeit, um eine Bäckerei zu finden und sich noch ein Brot zu ergattern. Trotz aller Erschwernisse vermisse er die Arbeit im Labor manchmal schon: „Ich habe gerne im Labor gearbeitet. Wenn man ein bisschen etwas Praktisches macht, hat man am Ende des Tages das Gefühl, heute habe ich was geschafft.“ Anders sei es bei der Büroarbeit. Den ganzen Tag E-Mails zu bearbeiten, verleihe einem nicht immer das Gefühl von Produktivität. Dennoch weiß Brinkmann, dass seine Laborarbeit in der Vergangenheit liegt. Er bleibe weiterhin bei der Europäischen Kommission und könne sich gut vorstellen, auch noch bei anderen Generaldirektionen zu arbeiten.

Neben seiner zeitintensiven Arbeit als Politikreferent, geht Brinkmann in seiner vorhandenen Freizeit seinen musikalischen Fähigkeiten nach. Als E-Gitarrist der Rockband „The Wobblies“, treten die 4 Freunde in der Brüsseler Musikschule für Rockmusik auf. Anders als gewöhnliche Musikschulen, unterrichte diese besondere Schule hauptsächlich Bands. Die regelmäßigen Konzertabende, auf dem Brinkmann und seine Band auch spielen, können von jedem Musikliebhaber besucht werden.

Naturwissenschaftler für die EU

Für die Zukunft wünscht sich Brinkmann mehr Personal mit natur- oder ingenieurwissenschaftlichem Hintergrund für die EU-Kommission. Dort seien hauptsächlich viele Juristen, Politik- und Wirtschaftswissenschaftler tätig. Brinkmann appelliert an alle IngenieurInnen und NaturwissenschaftlerInnen: „Schauen Sie doch mal, ob die Arbeit bei der EU nicht was für Sie wäre.“ Die EU-Kommission hat zum Beispiel ein Trainee-Programm, mit etwa 2000 bezahlten Stellen pro Jahr. Über das EPSO (European Personal Selection Office), also das Büro für die europäische Personalauswahl, können Absolventen sich auch – wenn sie an einer befristeten Stelle interessiert sind – in eine Datenbank eintragen. Bei freien Stellenausschreibungen werde man dann zu einem Interview eingeladen und wenn es das Schicksal will, ist man vielleicht wie Brinkmann ganze zwei Jahrzehnte mit dabei.

 

Duygu Cicek, Alumni-Redaktion

Portrait von Thomas Brinkmann