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"Die meisten Familien möchten ihre schmutzige Vergangenheit gerne vergessen"

"Samstags um 12" startete ins Wintersemester. Zu Gast war die Kunsthistorikerin Prof.in Christina Strunck aus Erlangen-Nürnberg mit ihrer Familiengeschichte: "Die Aufsteiger. Deutscher Mittelstand unter Hitler".

Christina Strunck, Samstags um 12, 31-10-26

Prof.in Christina Strunck stellte ihre fesselnde Familiengeschichte vor. Sie ist das Resultat intensiver Recherchearbeit.

Christina Strunck zählt international wie national zu den renommiertesten Kunsthistorikerinnen. Ihr Fokus liegt auf der Kunst der frühen Neuzeit. Als Expertin ihres Fachs setzt sie sich aber auch mit Artefakten unserer Epoche auseinander – beispielsweise mit Fotografien. Deren Bedeutung und Deutung spielen in ihrem Sachbuch „Die Aufsteiger: Deutscher Mittelstand unter Hitler. Eine Familiengerichte“ eine gewichtige Rolle. So startet ihr Vortrag bei „Samstags um 12“ mit der Herstellung eines Fotobuchs im Jahr 1936 durch Herbert, den jüngsten Bruder ihres Großvaters Arthur. Der Anlass der Erinnerungsarbeit ist traurig. 1936 verstarb Katharina Strunck, Ehefrau von Johann Strunck II und Mutter der fünf Kinder Hans, Käthi, Arthur, Erika und eben Herbert. Christina Strunck: „Das war eine ganz normale Familie, vielleicht etwas wohlhabender als die meisten – eine typische mittelständische Unternehmerfamilie“. Die Strunck-Werke (Zementwaren und Weinbau) wurden im Jahr 1906 von Johann Strunck I gegründet und prosperierten vor allem während und kurz nach dem 1. Weltkrieg. Eine eigene Arbeitersiedlung wurde geplant und zum Teil realisiert. In den 1920er Jahre geriet das Unternehmen durch Inflation und Wirtschaftskrise in den Abwärtsstrudel. Christina Strunck: „Das Unternehmen bewegte sich am Rande des Ruins.“ Die Kinder Hans und Käthi mussten ihre Studien abbrechen, um im elterlichen Unternehmen zu helfen.

Patriarch Johann Strunck II begann sich politisch zu engagieren. Die Anbiederung an die aufkommende NSDAP versprach sowohl dem Firmeninhaber als auch seinen Kindern wirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteile. Alle fünf Kinder waren in führender Positionen in Jugendorganisationen der Partei vertreten. Alle fünf, so Christina Strunck, „stehen für unterschiedliche Aspekte der Naziherrschaft.“ Das Buch von Christina Strunck verfolgt deren teils tragische Lebensgeschichten: „Die meisten Familien möchten ihre schmutzige Vergangenheit gerne vergessen.“ Die Neugierde von Christina Strunck stand dem entgegen. Entfacht worden war diese bereits früh, als Großmutter Tilly eine Brottüte mit Erinnerungen vorzeigte – darunter ein Foto von Christina Struncks Großvater Arthur in Uniform mit Totenkopfemblem. Später war die Schwarz-Weiß-Aufnahme verschwunden.

Die Autorin recherchierte akribisch und lässt die Leserinnen und Leser daran teilhaben. Sie streut eigene Tagebucheinträge aus der Kinderzeit ebenso ein wie Aufzeichnungen einer jungen Sprendlingerin während der Nazi-Herrschaft. So wird nicht nur die zum Teil erschreckende Familiengeschichte sichtbar, sondern auch die des Örtchens Sprendlingen in Rheinhessen, in dem Urgroßmutter Katharina Strunck im Jahr 1923 das pittoreske Rathaus kaufte. Nachgezeichnet wird die Geschichte der Familie Schloss, des jüdischen Metzgers in Sprendlingen und seiner Tochter Ilse, einer „Halbjüdin“. Auch die Pogromgeschichte des 10. November 1938 wird in ihren Eskalationsstufen beschrieben. Eine Fotoaufnahme des Arztes Willi Brüser (verheiratet mit Erika Strunck) lenkt das Augenmerk auf Schandtaten der Wehrmacht im Osten: Fotowirksam wird einem Mann inmitten einer Schar deutscher Soldaten der Bart abgeschnitten. Die Soldaten wirken entspannt. Sie setzen sich für die Aufnahme in Pose: „Das Foto zeigt, dass sie kein Unrechtsbewusstsein hatten.“ 

Das Ende des Zweiten Weltkriegs ist für die Struncks, die auch Zwangsarbeiter beschäftigten, ernüchternd – kein Familienmitglied hatte nachhaltig Vorteile erhalten können. Herbert Strunck fiel gegen Kriegsende an der Ostfront, andere Familienmitglieder gerieten in Gefangenschaft, einige landeten vor Gericht, wurden entweder verurteilt oder als Mitläufer eingestuft. Ein Familienmitglied wurde wegen traumatisierender Kriegserlebnisse psychisch krank; von der unehelichen Tochter Herbert Struncks erfuhren die Nachkommen des Patriarchen erst durch Zufall. An schwere Schuld eines anderen Familienmitglieds erinnert mittlerweile ein Gedenkstein. Das Unternehmen war geplündert, das stolze Rathaus wurde 1951 vermutlich nicht zuletzt unter Gesichtspunkten der Wiedergutmachung weit unter Wert an die Kommune veräußert.

Für Christina Strunck - Inhaberin des Lehrstuhl Kunstgeschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg - ist vor allem das Zwei-Klassen-Denken der Nationalsozialisten brandgefährlich: „wir“ und „die“, „wir Deutsche“ und die „anderen“, die Untermenschen, die nicht zählen, keinen Wert haben. Ihr Fazit: „Die meisten Deutschen waren irgendwie beteiligt, als Täter oder zumindest Unterstützer des Systems.“ Und: „Mich beschäftigt die Frage, ob das so wieder geschehen könnte.“

Christina Strunck machte den Gästen des Formats „Samstags um 12“ Mut, sich mit der  eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen: „Man kommt innerhalb der Familie neu miteinander ins Gespräch und geht neu aufeinander zu.“ Und weiter: „Es ist sehr interessant, nicht nur auf die Haupttäter zu schauen.“ Die Professorin hatte Tipps parat, die bei einer solchen Recherchearbeit hilfreich sein können.