ZOOGESTURES: Technikevolution zwischen Mensch und Tier
Basieren frühe technische Errungenschaften wie die Entwicklung neuer Werkzeuge oder Baukonstruktionen allein auf menschlichen Eigenschaften wie Kognition und Problemlösungskompetenz? Oder haben möglicherweise auch Tiere beziehungsweise die nicht-menschliche Umwelt als Inspirationsquelle einen erheblichen Teil dazu beigetragen? Das untersucht ein internationales Team aus Wissenschaftler*innen – Dr. Johannes Schick (Universität Siegen), Dr. Shumon Hussain (Universität zu Köln) und Prof. Catherine Hobaiter (St Andrews University) – in dem neuen Forschungsprojekt „The Zoomorphology of Gestures: Interspecies Learning and Technical Invention in Early Human Evolution (ZOOGESTURES)“.
Im Rahmen der hochkompetitiven Förderlinie „Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten“ der VolkwagenStiftung wird das internationale Verbundforschungsprojekt der drei Universitäten gefördert: Das Vorhaben erhält 1,3 Millionen Euro Gesamtförderung über vier Jahre von 2026 bis 2029. Davon fließen knapp 500.000 Euro an die Universität Siegen.
In Siegen ist das Projekt am Medienwissenschaftlichen Seminar im Bereich Science, Technology and Media Studies angesiedelt und wird von Dr. Johannes Schick betreut.
Tiere und Menschen nutzen Technik
Im Rahmen von ZOOGESTURES vereint das Forschungsteam philosophische, anthropologische, archäologische und primatologische Expertise – die Uni Siegen steuert dabei die philosophische und technik-anthropologische Perspektive bei. Die Forscher*innen gehen der Frage nach, wie sich technische Gesten aus Wechselwirkungen zwischen Mensch und Tier herausgebildet haben und wie tierische Gesten zur Technikevolution beigetragen haben. Das Projekt erschließt dabei den neuen Forschungsbereich der sogenannten „Interspecies Gestural Studies“. Im Zentrum steht die These, dass die Imitation und das Lernen von anderen Lebewesen bereits die kulturelle Entwicklung unserer eiszeitlichen Vorfahren ganz entscheidend mitgeprägt haben.
„Wir fragen nicht: ,Was ist der Mensch?´ Sondern: ,Wie entstehen technische Gesten aus einem Zusammenspiel von unterschiedlichen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren?´ Wir wollen die Idee aufbrechen, dass technische Gesten etwas spezifisch Menschliches sind. Dafür verwenden wir prozessorientierte und relationale Ansätze, die versuchen, den Menschen in Beziehung zu anderen Systemen zu verstehen“, erklärt Dr. Johannes Schick, Projektleiter an der Universität Siegen.
Die Wissenschaftler*innen wollen erforschen, ob Menschen und Tiere gemeinsam frühe technologische Nischen schufen – das würde bedeuten, dass menschliche Technikentwicklung stark von nicht-menschlichen Akteuren beeinflusst wurde. Das interdisziplinäre Pioniervorhaben entwickelt erstmals einen umfassenden Theorieentwurf, um diese Zusammenhänge genauer zu erforschen und die notwendige Terminologie dazu zu entwickeln, indem es Konzepte aus Anthropologie, Technikphilosophie, Tierstudien, Ökologie und Verhaltenswissenschaft integriert. Außerdem greifen die Forscher*innen auf indigenes Wissen aus Nordamerika, Australien und Afrika zurück, um die Relevanz des tierischen Verhaltens beurteilen zu können.
Feldforschungen in Afrika geplant
Für die kommenden vier Jahre planen die Teams Feldforschungsexpeditionen in West- und Ostafrika (Guinea und Uganda) zum Verhalten verschiedener Schimpansen- und Berggorillagruppen sowie deren Interaktionen mit lokalen menschlichen Gemeinschaften, mit denen sie zusammenleben. Ziel ist es, herauszufinden, ob sich in der überlieferten „Oral History“ und in lokalen Wissenssystemen Hinweise auf einen Beitrag dieser Tiere zum Gesten- und Technikrepertoire der Menschen finden lassen.
Das Projekt untersucht darüber hinaus in archäologischer, zeitlicher Tiefenperspektive, welche nicht-menschlichen Techniken – zum Beispiel das Jagdverhalten von Wölfen, der Nestbau von Vögeln oder Bisontrails, die landwirtschaftlich erschlossen wurden – mögliche Ausgangspunkte für menschliche Innovationen waren. „Die Forschung gibt uns gleichzeitig ein besseres Verständnis davon, was wir selbst als Menschen sind, was uns als technische Wesen ausmacht, aber auch welche Rolle unser Verhältnis zu Tieren spielt. Mit dem Projekt könnten wir einen Teil zur Entdeckung eines komplett neuen Forschungsfeldes beitragen – das passiert sehr selten“, sagt Schick. Die Förderung durch die VolkswagenStiftung biete dem internationalen Team die einmalige Chance, unkonventionelle Wege in der Forschung zu gehen.
Hintergrund zur Förderung
Die Initiative „Pioniervorhaben – Explorationen des unbekannten Unbekannten“ der VolkswagenStiftung fördert radikal explorative Forschungsvorhaben, die wissenschaftliches Neuland betreten und eine hohe Relevanz im Bereich der wissenschaftlichen Grundlagenforschung haben. Die jeweils geförderten Initiativen besitzen erhebliches Potenzial für fundamentale wissenschaftliche Durchbrüche, sie sind aber auch mit einem gewissen Risiko verbunden.