Weder Ruine noch vorbestimmter Wohnplatz - Kant (und andere) über unser Verhältnis zur Erde
Digital Kant-Lecture mit Edward Kanterian (University of Kent)
Das Digitale Kant-Zentrum NRW veranstaltet seine nächste Digital Kant-Lecture. Edward Kanterian (University of Kent) wird zu folgendem Thema vortragen: Weder Ruine noch vorbestimmter Wohnplatz - Kant (und andere) über unser Verhältnis zur Erde.
Der Vortrag findet online (per Webex) statt. Die Vortragssprache ist Deutsch.
Webex-Link:
https://uni-siegen.webex.com/uni-siegen/j.php?MTID=mdd8ef244fdc25620de1b61091b41122e
Abstract:
Von alters her wurde die Erde als der speziell auf uns Menschen zugeschnittene ideale Wohnplatz aufgefasst. Entsprechend galt die Erde tendenziell als alles spendende, unerschöpfliche Mutter. Bis zum 17. Jahrhundert wurden diese Annahmen von den wenigsten hinterfragt (etwa von Lukrez). Mit dem Aufkommen wissenschaftlicher Denkweisen änderte sich das. Theorien der Erde, oft noch mit theologischen Themen verquickt, begannen die Runde zu machen. Eine besonders pessimistische formulierte z.B. der Brite Thomas Burnet 1681: Die nachsintflutliche Erde sei "Ruine und Müll", "ein kleiner schmutziger Planet". Die Antwort der zeitgemäßeren Optimisten ließ nicht auf sich warten; Autoren wie Woodward und Derham insistierten auf die durch die Vorsehung bestellte Zweckmäßigkeit der Erde, deren "Mängel" bloß den Menschen zu Fleiß und Fortschritt antreiben sollten. Dieses physiko-theologische Argument, das leicht in prometheische Hybris umschlagen konnte, wurde auch in Frankreich fortgeführt, etwa von Fontenelle und dem Jesuiten Jean François. Dann kam Hume - er erneuerte die düstere Vision von Burnet und schob, so schien es, jeder physiko-theologischen Auffassung unseres Planeten den Riegel vor. Bis sich schließlich auch Kant dem Thema widmete, insbesondere in der Kritik der Urteilskraft. In meinem Vortrag möchte ich seine Antwort genauer unter die Lupe nehmen und fragen, ob sein Versuch, zwischen der pessimistischen und der optimistischen Position zu vermitteln, gelang. Vieles hängt davon ab, ob wir seine Theorie der objektiven Naturzwecke, also der Organismen und des Lebens, als bloß regulativ zu beschreibende Erscheinungen heute noch akzeptieren können, vor allem im Lichte neo-aristotelischer Versuche in der Biologie (Ernst Mayr, Denis Noble) und der Philosophie (Anthony Kenny, Peter Hacker), Zweck als konstitutive Kategorie wiedereinzuführen. In diesem Zusammenhang interessiert mich auch die Frage, ob die kantische Vision uns wirklich hilft, die Erde nicht nur nicht als "Ruine und Müll" wahrzunehmen, sondern sie in diese Verfassung gar nicht erst zu bringen.