Prof. Dr. Reinhild Kreis
Reinhild Kreis erforscht die Geschichte der Gegenwart und fragt, wie Konsum, Medien, Politik und gesellschaftlicher Wandel unsere Lebenswelt geprägt haben. Seit 2021 ist sie Professorin für Geschichte der Gegenwart an der Universität Siegen. Zuvor führten sie Stationen an die Universitäten Mannheim, Duisburg-Essen, Augsburg und München sowie als Visiting Fellow an das Deutsche Historische Institut in Washington, D.C. Mit ihrer Forschung verbindet sie internationale Perspektiven mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen und eröffnet neue Zugänge zur Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts.
Woran forschen Sie aktuell? Und warum ist das Thema wichtig?
Momentan forsche ich vor allem zur Geschichte von Wettbewerb und Wettbewerben. Das führt tief hinein in die Geschichte von Leistung, von Vergleichen und damit zur Herstellung sozialer Ordnung. Gerade Gesellschaften, die sich als Meritokratien verstehen, sind und waren immer darauf angewiesen, soziale Ordnungen über Vergleiche und die Sichtbarkeit von merit, also Verdiensten, zu legitimieren. Mich fasziniert, dass im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts immer mehr Tätigkeitsfelder wettbewerbsförmig gestaltet wurden – Chance oder Zumutung?
Welche Frage treibt Sie in Ihrer Forschung schon lange um?
Ich interessiere mich ganz besonders dafür, wie und nach welchen Kriterien Gesellschaften sich strukturieren. Dafür scheinen mir nicht nur große Ideen und Theorien wichtig, sondern ich blicke vor allem auf vermeintlich unspektakuläre Alltagsphänomene, die zusammengenommen aber eine unglaubliche gesellschaftliche Prägekraft hatten.
Was fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet besonders?
“The past is a foreign country; they do things differently there.” Dieses Zitat von L.P. Hartley bringt vieles auf den Punkt, was mich fasziniert: Geschichte ist vertraut und fremd zugleich, sie ist niemals eindeutig oder offensichtlich – sie fordert immer wieder neu heraus.
Gab es einen Moment in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn, der Sie besonders geprägt hat?
Den einen Moment gab es nicht – eher viele richtungsweisende Gespräche, Aktenfunde oder Texte, die meine Neugier und Begeisterung immer wieder neu entfacht haben.
Was lernen Studierende in Ihren Veranstaltungen?
Ich hoffe, dass sie neben profunden fachlichen und methodischen Kenntnissen die Lust am weiter-fragen und weiter-denken mitnehmen. Und ich hoffe, dass sie in meinen Veranstaltungen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass Historiker:innen viel Verantwortung haben, wenn sie Geschichte vermitteln und deuten.
Ein typischer Satz, den man von Ihnen in Seminaren oft hört?
Eine gute Frage ist mindestens so viel wert wie eine gute Antwort.
Was ist Ihr Lieblingsort auf dem Campus?
Alle Orte, von denen man den unglaublichen Ausblick in die Ferne genießen kann, die der AR-Campus bietet.
Woran arbeiten Sie gerade außerhalb von Forschung und Lehre mit besonderer Begeisterung?
Seit einiger Zeit habe ich das Kochen für mich (neu) entdeckt und setze manchmal einen gewissen Ehrgeiz in Zubereitung neuer Gerichte. Vor ein paar Jahren hätte ich sicher nicht gedacht, dass mir das so viel Spaß machen würde.
Was machen Sie, wenn Sie einmal nicht an die Uni denken?
In einem Leben mit viel Schreibtischarbeit und vielen Zugfahrten: Sport, Freunde und Familie.