„Der letzte Himmel“: Alena Jabarine liest an der Universität Siegen
Siegen, 21. Oktober 2026 – Mit großem Interesse ist am gestrigen Dienstagabend die Lesung der Hamburger Journalistin Alena Jabarine an der Universität Siegen aufgenommen worden. Rund 200 Gäste kamen, um die Autorin des Spiegel-Bestsellers „Der letzte Himmel“ zu hören und mit ihr zu diskutieren. Moderiert wurde der Abend von den Siegener Professoren Mohamed Barakat (Mathematik) und Friedemann Vogel (Diskurslinguistik).
Plädoyer für einen gemeinsamen Maßstab
In seinen einleitenden Worten erinnerte Prof. Dr. Friedemann Vogel an den Grundsatz des Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar ist – und daran, dass dieser Grundsatz ebenso wie das Völkerrecht für alle Menschen und Völker gleichermaßen gelte. „Eben das war die essenzielle Lehre nach dem Zweiten Weltkrieg: nicht selektive Moral, sondern ein gemeinsames verbindliches und damit auch verbindendes Recht“, so Vogel.
Die öffentliche Debatte in Deutschland werde diesem Anspruch bislang kaum gerecht. Sie sei stark polarisiert und von Freund-Feind-Schemata geprägt; wer verschiedene Perspektiven verstehen und an einem rechtlich verbindlichen Maßstab messen wolle, gerate schnell unter Verdacht. Mit der Veranstaltung wollten die Organisatoren daher zu einem demokratischen Diskurs über das Leben der Palästinenserinnen und Palästinenser in Israel, Gaza und dem Westjordanland beitragen.
Alltag zwischen Checkpoints und nächtlichen Razzien
Alena Jabarine ist Deutsch-Palästinenserin, studierte Politikwissenschaft in Hamburg und Barcelona und war als freie Journalistin insbesondere für öffentlich-rechtliche Formate tätig. Im Januar 2020 zog sie für drei Jahre ins besetzte Westjordanland, wo sie für eine deutsche Stiftung tätig war. Über diese Zeit hat sie ihr Buch geschrieben.
Jabarine las verschiedene Auszüge aus dem Buch, darunter eine Szene, in der sie Zeugin einer nächtlichen Hausdurchsuchung durch das israelische Militär wird, die sie als willkürlich und widerrechtlich schildert. Das Buch beschreibt zahlreiche Situationen, in denen Palästinenserinnen und Palästinenser in ihrem Alltag massiv eingeschränkt oder der Willkür von Behörden, Soldaten und Siedlern ausgesetzt sind: die Unsicherheit an Checkpoints, Siedlergewalt gegen Kinder auf dem Schulweg in Masafer Yatta, Land- und Hausraub durch Siedler mit Unterstützung der Armee, unangekündigte Durchsuchungen zu jeder Tages- und Nachtzeit, monatelange Inhaftierungen ohne Rechtsgrundlage sowie die Erklärung von Wohngebieten zu „militärischem Sperrgebiet“.
Vieles davon sei für die Menschen Alltag, gegen den sie sich faktisch nicht wehren könnten, berichtete Jabarine. Eingeschränkt werde ihr selbstbestimmtes Leben dabei nicht nur durch das israelische Militär, sondern auch durch Gewalt der Palästinensischen Autonomiebehörde, der es an demokratischer Legitimation fehle.
Lage hat sich weiter verschärft
Nach Jabarines Einschätzung hat sich die Situation in Gaza und im Westjordanland in den vergangenen Monaten weiter verschlimmert. Massive Siedlergewalt richte sich inzwischen offen gegen Palästinenser, aber auch gegen solidarische Israelis und sogar gegen Botschaftspersonal anderer Staaten – ohne Konsequenzen für die Täter.
Die in Deutschland bevorzugte Forderung nach einer Zweistaatenlösung bezeichnete Jabarine als zu einfach: Sie klinge nach gutem Ausgleich, sei unter den gegenwärtigen Bedingungen aber schon lange unrealistisch. In Fachkreisen werde ebenso das Einstaatenkonzept diskutiert, in dem alle Menschen unabhängig von Religion und Ethnie gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger eines Staates wären.
Kritisch äußerte sie sich zu deutschen Waffenlieferungen an eine Regierung, die sich vor dem Internationalen Gerichtshof mit dem Vorwurf des Völkermords konfrontiert sieht. Es sei wichtig, politische Entscheidungsträger in Deutschland an ihre Bindung an Verfassung und Völkerrecht zu erinnern.
Konstruktive Diskussion
Das Publikum folgte der Lesung sehr aufmerksam. In der anschließenden Diskussion nutzten viele Gäste die Gelegenheit, Fragen an die Autorin zu richten; das Gespräch verlief konstruktiv und sachlich. Die Veranstalter zogen ein rundum positives Fazit eines gelungenen Abends.
Zum Buch
Alena Jabarine: Der letzte Himmel. Sachbuch, Ullstein Verlag. Das Buch stieg direkt an die Spitze der Spiegel-Bestsellerliste ein.