Eine Parkbank, die Menschen zusammenbringt?
Was wäre, wenn Technik uns im städtischen Alltag miteinander ins Gespräch brächte, statt uns voneinander zu isolieren? Diese Frage steht im Zentrum des neuen Forschungsprojekts ENACT, das im Oktober 2026 an der Universität Siegen startet. Das Besondere: Die Forschung findet nicht nur im Labor oder vor dem Computer statt, sondern auch im Theater und im öffentlichen Raum. Designforscherin Judith Dörrenbächer von der Uni Siegen arbeitet gemeinsam mit dem Forum Freies Theater Düsseldorf. Ermöglicht wird das Projekt durch eine Förderung der VolkswagenStiftung in Höhe von rund zwei Millionen Euro – ein starkes Signal für ein ungewöhnliches Vorhaben an der Schnittstelle von Wissenschaft, Kunst und Stadtleben.
Ausgangspunkt des Projekts ist eine Beobachtung, die viele teilen: Im öffentlichen Raum nehmen wir einander immer weniger wahr, Smartphones und Kopfhörer schieben sich zwischen uns und andere Menschen. Gleichzeitig halten stetig mehr Technologien Einzug in die Städte – digitale Assistenzsysteme und künftig wohl auch diverse robotische Technologien. Bisher werden sie vor allem für funktionale Zwecke eingesetzt und entwickelt, etwa zum Reinigen, Liefern oder Kontrollieren. Das Forschungsprojekt ENACT geht einen anderen Weg und fragt: Welche sozialen Rollen kann Technik übernehmen? Wie kann sie zwischen Menschen vermitteln, Empathie fördern oder Konflikte entschärfen? Dörrenbächer möchte Ideen dafür entwickeln, wie smarte Technologien unser Zusammenleben in Städten verbessern können – an Haltestellen oder auf Parkbänken, auf öffentlichen Plätzen oder am Straßenrand. „Wir wollen positive Begegnungen zwischen Menschen mithilfe von Technik gestalten. Damit nutzen wir das, was den realen Raum im Vergleich zum virtuellen so besonders macht: hier treffen unterschiedliche Menschen zufällig und persönlich aufeinander“, erklärt die Designerin.
Forschung zwischen Bühne und Stadtraum
Statt ausschließlich zu analysieren und zu programmieren, setzt das Team auf künstlerische Forschung im Theater und performative Interventionen im öffentlichen Raum. Mögliche Zukünfte mit Technik sollen körperlich erfahrbar und evaluierbar werden, bevor sie wirklich umgesetzt werden. Dafür werden im Projekt auch neue performative Methoden entwickelt.
Ein möglicher Ansatz sind spekulative Rollenspiele. In improvisierten Szenarien schlüpfen Beteiligte in verschiedene Rollen: Sie spielen sich selbst, andere Menschen oder sogar die Technik. Wie könnte ein Roboter in einem Streit reagieren? Wie fühlen sich Menschen, wenn ein robotisches System persönliche Erinnerungen über einen bestimmten Ort sammelt, teilt und Verbindendes beleuchtet? Könnten mobile Parkbänke „Zufallsbegegnungen“ und „Déjà-Vue-Erlebnisse“ zwischen Menschen organisieren und damit das Eis brechen („Habe ich Sie hier nicht schon einmal gesehen?“)?
Konkret könnte das so aussehen: Was wäre, wenn eine Bushaltestelle schlichtet, sobald unter Wartenden Streit oder Konflikt entsteht? „Die Technik könnte als Vermittler wirken und ihre besonderen Stärken ausspielen: Sie ist sehr geduldig, nicht nachtragend und urteilt nicht.“ Vielleicht bringen solche Prototypen Menschen dazu, von ihrem Smartphone aufzublicken und sich in andere hineinzuversetzen. „Vielleicht fühlen sich Wartende an der Bushaltestelle aber auch gestört oder bevormundet. Smarte Technik wirkt oft neutral, ohne es unbedingt zu sein. Wir gehen offen in die Gedankenexperimente hinein und bleiben natürlich kritisch mit ihren Risiken.“ Die Szenerie wird von Performer*innen in verschiedenen Konstellationen gespielt. Dabei beobachten die Forscher*innen, wie sich die Menschen untereinander sowie im Zusammenspiel mit der Technik verhalten.
Solche inszenierten Gedankenexperimente sollen mögliche Zukunftsvisionen greifbar machen. „Es geht uns nicht darum, tatsächlich smarte Bushaltestellen in Städte einzuführen. Wir wollen durch spekulative Entwürfe Wissen darüber erlangen, welche Zukunft mit Technik wünschenswert ist und welche nicht“, so Dörrenbächer. „Welche menschlichen Fähigkeiten kann smarte Technik unterstützen, statt zu ersetzen? Wo bringt Technik ihre eigenen besonderen sozialen Fähigkeiten ein, die wir unbedingt nutzen sollten?“
Von Zukunftsszenarien zum Werkzeugkasten
Zwei Doktorand*innen sollen das Projekt aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven bearbeiten. Der eine arbeitet mit spekulativem Design und bewusst provokanten Zukunftsvisionen, um Debatten anzustoßen. Die andere entwickelt interaktive Systeme, die als Prototypen tatsächlich genutzt und erlebt werden können. Beide arbeiten eng mit Künstler*innen eines internationalen Artist-in-Residence-Programms zusammen, das zusammen mit dem Forum Freies Theater Düsseldorf umgesetzt wird: Über fünf Jahre hinweg entstehen zehn Künstler*innenprojekte. Die Künstler*innen werden nach Düsseldorf eingeladen, bringen eigene Forschungsfragen und Methoden mit und kooperieren mit den Doktorand*innen in gemeinsamen Studien.
Ziel ist die Entwicklung eines praxisnahen Werkzeugkastens. Es entstehen Gestaltungsempfehlungen für smarte Technik im öffentlichen Raum und außerdem erprobte performative Methoden für die Technikentwicklung. Gedacht ist dieser Werkzeugkasten für Technikentwickler*innen, Städteplaner*innen, Kommunen und Initiativen, die öffentliche Räume inklusiver, lebendiger und menschlicher gestalten wollen.
ENACT wird durch die VolkswagenStiftung gefördert. Bundesweit unterstützt sie derzeit acht Forschungsgruppen mit insgesamt rund 14,4 Millionen Euro, die sich der Frage widmen, wie Gesellschaft zukunftsfähig gestaltet werden kann – unter anderem in Siegen, München, Bremen und Hamburg. Für Judith Dörrenbächer ist die Förderung ein Meilenstein. Die studierte Designerin (TH Köln) arbeitete zunächst für NGOs und Unternehmen, forschte und lehrte an der Hochschule Niederrhein, promovierte an der Folkwang Universität in Essen und forschte an der Uni Siegen zu More-than-Human Design, Spekulativem Design und Robotik mit einem besonderen Fokus auf theaterbasierten Methoden. „Ohne die Förderung der VolkswagenStiftung wäre das Projekt nicht möglich“, sagt sie. „Es ist ein großer Karriereschritt für mich – und eine Chance, neue Netzwerke zu knüpfen und wirklich etwas auszuprobieren.“ Das Projekt läuft über fünf Jahre bis 2031.