Informationsveranstaltung und Exkursion zur JVA Attendorn
Hinter Gittern – Einblicke in den Gefängnisalltag
Informationsveranstaltung und Exkursion zur JVA Attendorn bieten Studierenden praxisnahe Perspektiven auf psychologische und soziale Arbeit im Justizvollzug
Bereits zum dritten Mal in Folge lud die Professur für Sozial- und Wirtschaftspsychologie von Prof. Dr. Andreas Kastenmüller am 13. Mai 2026 zu einer Informationsveranstaltung rund um den Justizvollzug ein. Unter dem Titel „Einblick in den Gefängnisalltag – Psychologisches und sozialdienstliches Arbeiten in der JVA Attendorn“ erhielten Studierende der Universität Siegen sowie weitere interessierte Gäste im Hörsaal US-C 114 am Campus Unteres Schloss einen eindrucksvollen Einblick in ein Arbeitsfeld, das gesellschaftlich hochrelevant, zugleich aber vielen Menschen kaum bekannt ist.
Prof. Dr. Andreas Kastenmüller eröffnete die Veranstaltung, die im Rahmen des gemeinsamen Kolloquiums der Psychologie stattfand. Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Berufsgruppen der Justizvollzugsanstalt Attendorn stellten den Alltag im offenen und geschlossenen Vollzug vor und berichteten offen über Herausforderungen, Verantwortung und menschliche Begegnungen „hinter Gittern“. Mit dabei waren Mitarbeitende des Psychologischen Dienstes, des Sozialdienstes, der Suchtberatung sowie des Allgemeinen Vollzugsdienstes.
Im Mittelpunkt standen die vielfältigen Aufgabenbereiche des psychologischen und sozialdienstlichen Arbeitens im Vollzug. Vorgestellt wurden unter anderem diagnostische und therapeutische Tätigkeiten, Suizidprävention, Suchtberatung, Resozialisierung sowie die Vorbereitung der Gefangenen auf die Entlassung. Dabei wurde deutlich, dass Justizvollzug weit mehr bedeutet als reine Verwahrung: Ziel ist es, Menschen unter schwierigen Bedingungen zu stabilisieren, Rückfälle zu vermeiden und gesellschaftliche Wiedereingliederung zu ermöglichen.
Besonders eindrucksvoll war die Offenheit, mit der die Referierenden über die ethischen und emotionalen Herausforderungen ihres Berufs sprachen. Auch die Frage aus dem Publikum, ob belastende Ereignisse aus dem Arbeitsalltag die Mitarbeitenden bis ins Privatleben begleiten, führte zu einem intensiven Austausch. Insgesamt war das Interesse der Studierenden außergewöhnlich groß; es wurden zahlreiche differenzierte Fragen gestellt, die die hohe Aufmerksamkeit und Reflexionsbereitschaft der Teilnehmenden zeigten.
Neben den inhaltlichen Einblicken informierte die JVA Attendorn auch über konkrete Berufs- und Einstiegsmöglichkeiten im Justizvollzug. Vorgestellt wurden Voraussetzungen, Karrierewege und Verdienstmöglichkeiten sowohl im psychologischen Dienst als auch im Sozialdienst. Gerade für Studierende der Psychologie und Sozialen Arbeit eröffnete sich dadurch ein praxisnahes Bild eines Berufsfeldes, das anspruchsvolle Tätigkeiten mit gesellschaftlicher Verantwortung verbindet.
Ein besonderes Highlight war erneut der auf dem Schlossplatz präsentierte Gefangenentransporter. Die Teilnehmenden konnten das Fahrzeug von innen besichtigen und sich die Sicherheitsausrüstung des Vollzugsdienstes erklären lassen. Der praktische Einblick ergänzte die Vorträge auf anschauliche Weise und sorgte auch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung für zahlreiche Gespräche und Diskussionen.
Eine Woche später, am 20. Mai 2026, folgte für besonders interessierte Studierende eine Exkursion zur JVA Attendorn. Insgesamt nahmen elf Psychologie-Studierende sowie zwei Mitarbeitende der Universität Siegen teil. Die dreistündige Führung ermöglichte seltene Einblicke sowohl in den geschlossenen als auch in den offenen Vollzug.
Nach der Sicherheitskontrolle im geschlossenen Vollzug erhielten die Teilnehmenden zunächst eine kurze Einführung in Aufbau und Organisation der Anstalt. Anschließend konnten verschiedene Bereiche der Einrichtung besichtigt werden, darunter die Räumlichkeiten des Psychologischen Dienstes, unbewohnte Hafträume, Einzelhaftzellen sowie einen besonders gesicherten Haftraum, in dem unter anderem suizidgefährdete Inhaftierte untergebracht werden können. Auch die Bibliothek, die Sporthalle und der Innenhof wurden gezeigt. Inhaftierte Personen waren während der Führung nicht zu sehen.
Besonders eindrucksvoll empfanden viele Teilnehmende den anschließenden Besuch des offenen Vollzugs. Dort präsentierte sich ein deutlich anderer Alltag: Die Wohnbereiche erinnerten teilweise eher an Jugendherbergen als an klassische Haftanstalten, und auf dem weitläufigen Gelände mit altem Baumbestand, Gewächshaus, Sportanlagen, Hühnerstall, Enten und Bienenstöcken wurde deutlich, wie stark der offene Vollzug auf Eigenverantwortung und Resozialisierung ausgerichtet ist. Die meisten der dort Inhaftierten arbeiten innerhalb der Anstalt. Einige gehen sogar regulären beruflichen Tätigkeiten nach und kehren erst nach Feierabend in die Einrichtung zurück. Gerade an diesem Unterschied zwischen offenem und geschlossenem Vollzug wurde sichtbar, welche zentrale Rolle psychologische und sozialarbeiterische Unterstützung bei der Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben nach der Haft spielt.
Die Resonanz auf Exkursion und Informationsveranstaltung fiel durchweg positiv aus. Mehrere Studierende äußerten den Wunsch, vergleichbare Exkursionen künftig regelmäßig anzubieten; einzelne Teilnehmende erkundigten sich bereits konkret nach Bewerbungs- und Einstiegsmöglichkeiten im Justizvollzug.
Die Professur für Sozial- und Wirtschaftspsychologie bedankt sich herzlich bei der JVA Attendorn und allen beteiligten Mitarbeitenden für die engagierte Zusammenarbeit und die offenen, praxisnahen Einblicke in ein Berufsfeld, das oftmals im Verborgenen arbeitet und zugleich eine wichtige gesellschaftliche Funktion erfüllt. Aufgrund der großen Resonanz ist bereits geplant, die Informationsveranstaltung auch im Frühjahr 2027 erneut anzubieten.