Internationale Aufmerksamkeit für Siegener Hirnforschung
Die Forschung des Siegener Psychologie-Professors Dr. Tim Klucken zu Belohnungsprozessen im Gehirn hat internationale Aufmerksamkeit erhalten: Ein wissenschaftlicher Artikel seines Teams wurde vom Wissenschaftsverlag Wiley als „Top Viewed Article 2025“ der renommierten Fachzeitschrift „Human Brain Mapping“ ausgezeichnet. Damit zählt die Studie zu den meistgelesenen Beiträgen des Jahres in einer der international führenden Fachzeitschriften für Hirn- und Neurowissenschaften. Zusammen mit der Abteilung für Psychotherapie und Systemneurowissenschaften der Universität Gießen haben die Siegener Psycholog*innen untersucht, wie Menschen bestimmte Signale mit Belohnungen verknüpfen – und welche Hinweise dabei besonders intensive Hirnreaktionen auslösen. Im Mittelpunkt standen pornografische Inhalte, Geldreize und Computerspiel-Szenen.
„Die Auszeichnung freut uns sehr, weil sie zeigt, dass die Forschung der Universität Siegen auch international wahrgenommen wird“, sagt Klucken, der an der Universität Siegen unter anderem zu Emotionen, psychischen Störungen, Lernprozessen sowie Mediennutzung und Sucht forscht.
Für die Untersuchung nutzte das Team funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT), um Hirnaktivitäten sichtbar zu machen. 31 gesunden jungen Männern wurden geometrische Symbole gezeigt, die jeweils eine bestimmte Belohnung ankündigten: Einige standen für Geldgewinne, andere für Screenshots aus Computerspielen oder pornografische Inhalte. Die Teilnehmenden lernten schnell, welche Symbole mit welchen Belohnungen verbunden waren. Bereits das Anzeigen der neutralen Zeichen löste anschließend messbare Aktivierungen in relevanten Hirnregionen aus.
„Erstaunlich ist, dass bereits ein einfaches geometrisches Symbol Verlangen und Lustempfinden im Gehirn auslösen kann“, erklärt Klucken. „Unsere Ergebnisse zeigen, wie schnell das menschliche Gehirn lernt, bestimmte Hinweise mit Belohnungen zu verbinden.“
Besonders deutlich fiel die Reaktion auf pornografische Inhalte aus: Die damit verbundenen Symbole aktivierten das Belohnungssystem stärker als Geld- oder Gaming-Reize.
„Pornografische Inhalte besitzen offenbar einen besonders hohen Belohnungswert“, sagt Klucken. „Ähnlich wie Nahrung oder Sexualität gelten solche Reize evolutionär als primäre Belohnungen. Geld oder Gaming erhalten ihre Bedeutung dagegen stärker durch Lernen oder gesellschaftliche Zuschreibungen und erzeugten in unserem Experiment schwächere neuronale Effekte.“
Die Studie entstand im Rahmen einer transregionalen Forschungsgruppe zu Verhaltenssüchten, die seit dem Jahr 2021 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird. Im Fokus stehen dabei problematische und exzessive Formen der Nutzung von Computerspielen, Online-Shopping, Internetpornografie und sozialen Medien. „Problematische Internetnutzung ist ein relativ junges Phänomen, das noch nicht so intensiv erforscht ist. Unser Ziel ist es, besser zu verstehen, welche Rolle Belohnungs- und Lernprozesse im Gehirn beim Konsum digitaler Medien spielen“, sagt Klucken. Die unterschiedlichen Reaktionen auf verschiedene Reize könnten helfen zu verstehen, warum manche digitalen Inhalte ein höheres Suchtpotenzial besitzen, als andere.
In einem zweiten Teil der Studie hat das Forschungsteam untersucht, ob Menschen mit problematischer Mediennutzung bestimmte Reize anders verarbeiten als Personen ohne entsprechende Symptome. Die Ergebnisse sollen in Kürze veröffentlicht werden.
Weiterführender Link
Artikel in der Zeitschrift Human Brain Mapping
Die Doktorandin Kseniya Krikova aus Kluckens Team ist Erstautorin des prämierten Artikels.