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Konkret statt abstrakt: Stadtplanung zum Anfassen

Wie lassen sich Bürgerinnen und Bürger besser in die Gestaltung ihrer Städte und Gemeinden einbinden, vor allem junge Menschen? Das Forschungsprojekt KAIROS der Universität Siegen hat dafür Mixed-Reality-Technologien erprobt – unter anderem bei der Neugestaltung eines Marktplatzes in Bad Berleburg und eines Schulhofs in Erndtebrück.

Gruppenfoto

Die Verantwortlichen des KAIROS-Projektes blickten auf ein gelungenes Projekt zurück – und sehen für die Zukunft zahlreiche Anknüpfungspunkte, um die Technologie weiterzuentwickeln.

Die Universität Siegen hat gemeinsam mit der netzfactor GmbH, der Stadt Bad Berleburg und der Gemeinde Erndtebrück neue Wege der Bürgerbeteiligung bei der Stadtplanung erprobt. Im Mittelpunkt des Projekts KAIROS stand die Frage, wie sich geplante Veränderungen im öffentlichen Raum anschaulich darstellen und gemeinsam weiterentwickeln lassen. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Zum Projektabschluss Ende September ziehen die Beteiligten Fazit.

Die Entwickler verbanden virtuelle Elemente mit realen Umgebungen. Bürgerinnen und Bürger konnten auf diese Weise geplante Veränderungen beispielsweise über Smartphones oder Virtual-Reality-Brillen betrachten und ihre Ideen in die Planung einbringen. Besonders junge Menschen sollten auf diese Weise stärker erreicht werden. „Ausgangspunkt und Crux war, dass vor allem junge Menschen nur selten an Bürgerbeteiligungen teilnehmen. Deshalb war es unser Ziel analoge Beteiligungsformate zu ergänzen und hybride Räume zu schaffen“, sagt Prof. Dr. Thomas Ludwig, Projektleiter von KAIROS an der Universität Siegen. Der Wittgensteiner hatte das Projekt zunächst für die Fernuniversität Hagen und dann – nach seinem Wechsel – für die Universität Siegen koordiniert. 

Marktplatz und Schulhof als konkrete Anwendungsfälle

In Bad Berleburg flossen die Ideen des Zukunftsrats mit zahlreichen Jugendlichen in die Planung der Neugestaltung des Marktplatzes ein. In Erndtebrück entwickelten Schülerinnen und Schüler der Realschule konkrete Vorschläge für ihren Schulhof. Beide Kommunen konnten damit Erfahrungen aus dem Beteiligungsprozess in reale Planungen überführen. Einen weiteren Anwendungsfall gab es auf dem Gelände des alten Friedhofs in Erndtebrück. Dort steht die Umsetzung der entwickelten Ideen noch aus. Auch für das neue Areal des Odebornzentrums in Bad Berleburg liegen Gestaltungsansätze aus dem Projekt vor.

„Mit KAIROS war es möglich, Planungsprozesse ganz neu zu denken. Das ist eine riesige Chance für künftige Prozesse“, sagt Henning Gronau, Bürgermeister der Gemeinde Erndtebrück. „Aus abstrakter Stadtplanung wird etwas Konkretes, etwas Sichtbares. Auf diese Weise kann es gelingen, Menschen in Prozesse dieser Planungen einzubeziehen. Und die Lebensqualität bei uns vor Ort nicht nur zu erhalten, sondern permanent weiter zu steigern“, erklärt Volker Sonneborn, Bürgermeister der Stadt Bad Berleburg. 

Von der Forschung zur weiteren Anwendung

Klar ist: Mit Abschluss des Projektes gibt es kein fertiges Produkt. „Forschungsförderung ist so ausgelegt, dass sie sogenannte Demonstratoren hervorbringt, die der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt werden – so wie jetzt in Bad Berleburg und Erndtebrück. Unternehmen können die Ideen aufgreifen und daraus ein Geschäftsmodell machen, wenn sie es wollen“, erklärt Thomas Ludwig. Um beispielsweise mittels Smartphones oder VR-Brille virtuelle Objekte in eine reale Umgebung zu platzieren, bedarf es zuvor eines hohen Vorbereitungsaufwandes. Technisch bereits alles möglich und im KAIROS-Projekt zur Anwendung gekommen. Für Bad Berleburg und Erndtebrück hatte das Unternehmen netzfactor GmbH stets passgenaue individuelle Lösungen kreiert. Um Marktreife zu erlangen, müsste ein universelles Werkzeug entstehen, das die Bedarfe generell abdeckt. „Wir müssten das Projekt aus der Laborumgebung in die Projektentwicklung geben, um daraus eine Software zu schaffen“, erklärt Prof. Dr. Jörg Muschiol, Geschäftsführer der netzfactor GmbH.

Für die Universität Siegen ging es dabei nicht allein um einzelne Bauvorhaben. Die Forschenden wollten zeigen, welche Möglichkeiten hybride Beteiligungsformate eröffnen. „Es gibt viele Anknüpfungspunkte und Simulationsmöglichkeiten, beispielsweise mit Blick auf Klimaanpassung, Dürre, unsere Wälder, die zivile Sicherheit, Fluchtwege auf Großveranstaltungen wie etwa dem Stünzelfest“, schlägt Ludwig vor. „Das Zusammenspiel von virtueller Realität und künstlicher Intelligenz kann und wird da eine ganz zentrale Rolle spielen“.
 

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