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Nachruf auf Prof. Dr. Volker Roloff (1940 - 2026)

Das Romanische Seminar der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen trauert um Prof. Dr. Volker Roloff, der am 8. September im Alter von 85 Jahren verstorben ist.

Prof. Dr. Volker Roloff im Seminar

Volker Roloff wirkte von 1991 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 als Professor mit der Venia legendi „Romanische Literaturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Französisch und Spanisch“ an der Universität Siegen und blieb über die Emeritierung 2005 hinaus Projektleiter im SFB/FK 615. Er war eine der prägenden Gestalten des Faches und insbesondere seiner kultur- und medienwissenschaftlichen Öffnung. Mit seinem Namen verbindet sich das Konzept der Intermedialität, das der Siegener Romanistik, im Austausch mit Germanistik und Anglistik, den Ruf innovativer Kraft und Zukunftsorientiertheit einbrachte. Volker Rolofff hat Generationen von Lehramtsstudierenden und jungen Forschenden inspiriert und im deutschsprachigen Raum ebenso wie in Frankreich und Spanien eine immense Wirkung entfaltet. Seine fachliche Autorität und Kreativität, seine Menschenfreundlichkeit und sein Humor regten den Forschergeist an und schufen Wahlverwandtschaften.

Volker Roloff wurde am 6. November 1940 in Berlin geboren, der Vater war Journalist. In Kindheitserinnerungen liegen jeden Morgen zahlreiche Zeitungen auf dem Tisch; mit der Zeitungslektüre begann der Tag. Die Jugendjahre verbrachte er in Essen, wo er die Goetheschule besuchte, von deren imposantem Uhrturm aus man den Stadtteil Bredeney überblickt. Dass Volker Roloff mitten im Zweiten Weltkrieg geboren wurde, prägte sein ganzes Leben, erzog ihn zu Humanismus und Pazifismus.

Nach dem Abitur studierte Volker Roloff Romanistik, Germanistik und Philosophie in Köln, München und Toulouse. An der LMU München promovierte er mit der Studie Reden und Schweigen. Zur Tradition und Gestaltung eines mittelalterlichen Themas in der französischen Literatur (Wilhelm Fink Verlag, 1973), 1982 wurde er mit der Schrift Werk und Lektüre. Zur Literaturästhetik von Marcel Proust (Insel Verlag, 1984) habilitiert. Volker Roloff wohnte zu dieser Zeit schon und bis zu seinem Lebensende in München, zusammen mit seiner Frau, der Pianistin Liana Kotopuli. Allen, die die beiden besuchten, klingen noch der Name der U-Bahn-Station – „Arabellaplatz“ – und Stücke Débussys und Skrjabins im Ohr, die Liana jedem Gast mit großer Freude darbot. 

Volker Roloff vertrat das Fach, was selten geworden ist, „in seiner gesamten Breite“, Schwerpunkte setzte er früh in der Marcel-Proust-Forschung und mit Schriften zum französischen Theater. Forschungsaufenthalte des Privatdozenten der LMU München in Barcelona, Madrid und auf Kuba sowie die Vertretung einer Professur in Erlangen ebneten den Weg für Rufe an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (1985) und, als Nachfolger Hans-Ulrich Gumbrechts, an die Universität Siegen (1991), damals noch Gesamthochschule; einen weiteren Ruf an die Universität Duisburg-Essen lehnte er 1996 ab. In diesem Jahr lernte ich Volker Roloff kennen, es war der Beginn einer geglückten Zusammenarbeit und einer 30-jährigen Freundschaft. 

An der Universität Siegen und besonders im Rahmen der interdisziplinären Forschungen des SFB 240, Ästhetik, Pragmatik und Geschichte der Bildschirmmedien (bis 2000) und des SFB/FK 515, Medienumbrüche (2002-2010) entwickelte und vertiefte Volker Roloff das Konzept der Intermedialität, das weit über die Romanistik hinaus Beachtung fand, dem Fach die Stellung zukommen ließ, die es verdient, und den philologischen Blick auf die Bildwelten von Malerei, Fotografie und Filmen hin weitete. Mit der Intermedialität wurde das Konzept der Intertextualität um eine medienwissenschaftliche Perspektive bereichert, die es ermöglichte, im „Dialog der Künste“ komplexe Formen und Zwischenwelten von Wirklichkeit und Traum zu erkennen – sei es im Nachleben der Romantik, im französischen und spanischen Surrealismus, in Literaturverfilmungen, in der Theatralität von Filmen des poetischen Realismus und der Nouvelle Vague sowie im Werk Marcel Prousts. Neben zahlreichen Tagungsbänden und Artikeln zu diesen Themen wirft das kleine Buch Proust und Tausendundeine Nacht. Marcels Lieblingslektüre und der Orientalismus in der ‚Recherche‘ (Verlag der Marcel-Proust-Gesellschaft, 2009) ein besonders schönes Licht auf Volker Roloffs Forschungsinteressen, seine Offenheit für interkulturelle Einflüsse und die Faszination, die Fantasie, Bilder und Träume auf ihn ausübten. 

Volker Roloff wurde 85 Jahre alt, zwei Jahre älter als Victor Hugo es wurde, dessen bildreiche Texte und fantastische Zeichnungen ihn ansprachen, dessen politische Überzeugungen er teilte. Er hatte, wie seine Frau jetzt sagt, „ein gutes Leben“. Die weltgeschichtlichen Krisen aber und der Schrecken darüber, dass der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist, verdüsterten die letzten Lebensjahre. Große Optimisten sind stets Melancholiker. 

Das Romanische Seminar der Universität Siegen, Kollegen und Kolleginnen, die zahlreichen Schüler und Schülerinnen trauern um Volker Roloff und gedenken seiner mit großem Respekt, in tiefer Dankbarkeit und Verbundenheit.

 

Im Namen des Romanischen Seminars und derer, die mit Volker Roloff zusammenarbeiteten und ihm nahestanden,

Prof. Dr. Walburga Hülk-Althoff

 

Durch die Lektüre, ihre Sinnlichkeit und Theatralität, entsteht ein imaginäres, tagtraumanaloges Ich, eine Figur, die die Intensität der Sinne, bestimmter Glücks- und Erinnerungsmomente spüren, nacherleben und neu erleben kann, aber immer auch deren Flüchtigkeit [...].

Volker Roloff, 2008