Pflege am Limit: Wie realistisch sind Roboter im Pflegealltag wirklich?
In einem interview, das am 3. Februar 2026 in der Siegener Zeitung veröffentlichten Interview äußerte sich Prof. Claudia Müller von der Universität Siegen zur Realität von Robotern in Pflegeheimen. Basierend auf ihren Erfahrungen als Leiterin des Forschungsprojekts „Be+BeRobot“ erörterte sie die aktuellen Möglichkeiten, Grenzen und ethischen Implikationen der robotergestützten Pflege als Lösungsansatz für den gravierenden Fachkräftemangel. Hier sind die wichtigsten Erkenntnisse, die sie im Gespräch geteilt hat.
Einleitung Der Pflegenotstand in Deutschland verschärft sich drastisch. Das Statistische Bundesamt prognostiziert bis zum Jahr 2049 eine Lücke von bis zu 690.000 Pflegekräften. Die Bundesregierung fördert daher die Forschungslinie „Robotische Systeme in der Pflege“ mit 20,5 Millionen Euro. Doch können Maschinen den Menschen wirklich ersetzen? Prof. Claudia Müller von der Universität Siegen, Leiterin des Forschungsprojekts „Be+BeRobot“, ordnet die aktuelle Lage ein.
Was Roboter heute schon können Derzeit konzentriert sich die Forschung auf verschiedene Einsatzbereiche:
- Soziale Roboter: Modelle wie „Pepper“ (bereits im Siegener Marienheim im Einsatz) sollen Bewohner aktivieren und gegen sozialen Rückzug helfen. Sie können Musik spielen und sprechen, müssen aber stets von Personal begleitet werden.
- Transport und Logistik: Roboter, die Wäsche transportieren oder Patienten zum Röntgen begleiten, sparen dem Personal lange Laufwege. Auch selbstfahrende Nachttische werden erforscht.
- Körperliche Unterstützung: Die Uni Oldenburg testet Roboterarme, die beim Waschen von Patienten helfen, indem sie Gliedmaßen halten, während die Pflegekraft wäscht.
Der Mythos Japan Oft gilt Japan als Vorreiter in der Pflegerobotik, doch Prof. Müller dämpft die Erwartungen. Ihre Feldforschung vor Ort zeigte, dass die dort ausgerufene „Roboter-Revolution“ in der Praxis kaum stattfindet. Dass Roboter Patienten aus dem Bett heben, sei laut Prof. Müller „eine große Geschichte“, aber kaum Realität. Deutschland habe jedoch die Chance, es besser zu machen, indem Pflegekräfte direkt in die Entwicklung eingebunden werden.
Grenzen und ethische Fragen Die Technik stößt schnell an Grenzen. „Der Teufel steckt im Detail“, so Prof. Müller. Unterschiedliches Gewicht und empfindliche Haut bei Patienten erfordern eine Sensorik, die Roboterarme noch nicht zuverlässig bieten. Zudem gibt es soziale Hürden:
- Beziehungsarbeit: Pflegekräfte befürchten, dass durch automatisierte Bringdienste wichtige soziale Kontakte (z. B. beim Essenbringen) wegfallen.
- Ethik bei Demenz: Der Einsatz von Roboter-Tieren (Hunde/Katzen) wird kontrovers diskutiert. Darf man Demenzkranken vorspielen, es handele sich um echte Tiere?
Fazit:
Die Vorstellung vom autonomen Pflegeheim hält Prof. Müller für unrealistisch. „Ich sehe nicht den großen Wurf, dass der humanoide Roboter ankommt und zu Oma Müller nett ist“, sagt sie. Die wahre Lösung liegt laut der Expertin woanders:
- Bürokratieabbau: Das größte Potenzial liegt in der Reduzierung der Dokumentationsarbeit durch intelligente IT-Systeme.
- Automatisierung im Hintergrund: Bettputzanlagen und digitale Akten, die Messwerte automatisch speichern, könnten Pflegekräften den Rücken freihalten.
Schlusswort Die Naharbeit am Patienten – Waschen, Ausscheidungen, Kommunikation – muss menschlich bleiben. Technik soll vor allem eines leisten: Freiräume schaffen, damit Pflegekräfte wieder mehr Zeit für die eigentliche Pflege haben.