Prof. Dr. Ingo Baldermann verstorben
Nachruf auf Prof. Dr. Ingo Baldermann (1929 - 2026)
Das Seminar für Evangelische Theologie der Philosophischen Fakultät der Universität Siegen trauert um Prof. Dr. Ingo Baldermann, der am 27. August im hohen Alter von 97 Jahren verstorben ist. Er wirkte von 1965 bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1994 als Professor für „Evangelische Theologie und ihre Didaktik“ an der Gesamthochschule und späteren Universität Siegen. Er war eine der prägenden Gestalten in den Anfangsjahren unserer Universität und des Faches Evangelische Theologie. In 30 Jahren Forschung und Lehre hat er Generationen von Lehramtstudierenden religionsdidaktisch und theologisch inspiriert und geprägt. Seine zahlreichen innovativen Beiträge zur „Biblischen Didaktik“ entfalteten im gesamten deutschsprachigen Raum eine immense Wirkung. Schon zu Lebzeiten galt Ingo Baldermann zu Recht als ein Klassiker der evangelischen Religionsdidaktik des 20. Jahrhunderts.
Ingo Baldermann wurde 1929 in Berlin geboren. Sein Vater war Mittelschullehrer. Kindheit und frühe Jugend waren geprägt vom Krieg und den traumatischen Erfahrungen der Flucht und des Kriegsendes im zerstörten Berlin. Mit 15 Jahren gehörte Baldermann noch zu jenem letzten Aufgebot Hitlerjungen, die dem Führer treu ergeben als Kindersoldaten ohne Ausbildung mit Panzerfäusten in der Hand den amerikanischen Panzern entgegengeschickt wurden. Baldermann hat über diese „schreckliche Verblendung“ seiner Jugendzeit immer wieder selbstkritisch reflektiert und als Zeitzeuge Rede und Antwort gestanden. Die Auseinandersetzung mit dieser biographischen Krisenerfahrung prägte sein theologisches, gesellschaftliches und friedenspolitisches Wirken. So waren er und seine Frau überzeugte Gegner einer Wiederbewaffnung der BRD und der Westintegration unter Konrad Adenauer. Als Anhänger Gustav Heinemanns und später als SPD-Mitglieder unterstützten sie die Entspannungspolitik unter Willy Brandt, waren engagiert in der Friedensbewegung der 1980er Jahre bis hin zum konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ingo Baldermann war tief sensibilisiert für die Überlebenskrisen der Menschheit, die er zum Ausgangspunkt seines theologischen Nachdenkens machte.
Nach dem Abitur in Wolfenbüttel 1947 schloss sich ein Lehramtsstudium in Braunschweig (1948–51) sowie das Studium der Evangelischen Theologie an (1951–55). 1957 legte er das 2. Theologische Examen ab und wurde zum Pfarrer der Hannoverschen Landeskirche ordiniert; danach war er Mitarbeiter am Katechetischen Amt Loccum. In dieser Zeit entstand seine Dissertation zu den „Grundformen der Erzählung bei den Synoptikern in ihrer didaktischen Bedeutung“, mit der er 1962 an der Universität Hamburg promoviert wurde. Von 1963 bis 1965 wirkte er als Dozent am dortigen Pädagogischen Institut, bevor er 1965 dem Ruf an die damalige Pädagogische Hochschule Siegerland folgte, aus der über manche Metamorphosen hinweg 1972 die Gesamthochschule, 1980 die Universität-Gesamthochschule und schließlich 2003 die Universität Siegen wurde.
Baldermanns Forschungsinteresse galt zeitlebens der „Biblischen Didaktik“, die er vor dem Hintergrund der unleugbaren Krise des traditionellen schulischen Bibelunterrichts völlig neu konzipiert hat. Er löste sich frühzeitig von einer Didaktik der Wissensvermittlung zugunsten einer Didaktik, die auf Selbsttätigkeit setzt und eigenständige Lernerfahrungen ermöglicht. Die Bibel sei nicht das Objekt des Lernens, sondern ihre Sprache habe eine eigene didaktische Kompetenz, die zu eigenen Lernerfahrungen führen kann. Baldermanns Zutrauen zur inneren Kraft und Gegenwärtigkeit biblischer Texte war immens. Diese alten Texte seien „erstaunlich lebendig und bestürzend verständlich“. Nicht angelerntes Wissen, sondern die eigenständige lebendige und klug angeleitete Begegnung mit biblischen Texten boten ihm die Gewähr, dass Schülerinnen und Schüler das für ihren Glauben Notwendige lernen und eine tragfähige Hoffnung entwickeln. Tragfähig sei eine Hoffnung dann, wenn sie angesichts der seelenzerstörenden Krisen der Welt Wege aufzeigen kann, Hoffnungsvolles zu tun und im Horizont dieser Hoffnung zu leben. Besonders bekannt wurde er durch seinen Umgang mit den biblischen Psalmen. Hier suchte er in einzelnen Psalmworten Sprachformen der Freude oder auch der Angst und des Schmerzes freizulegen, mit denen schon Grundschulkinder eine Sprache für ihre eigenen emotionalen Erfahrungen finden konnten. Baldermanns einschlägige Lehrbücher erschienen in hohen Auflagen, wurden breit rezipiert, wissenschaftlich auch kontrovers diskutiert und immer wieder nachgedruckt. Und sie waren vor allem praxistauglich. Immer wieder suchte Ingo Baldermann den Kontakt mit der schulischen Praxis und stand in regem Austausch mit den Lehrerinnen und Lehrern, die bei ihm studiert hatten. Eher klein und unscheinbar von Gestalt und zurückhaltend und leise im Gestus, war Ingo Baldermann ein mit einem besonderen Charisma ausgezeichneter Hochschullehrer.
Eine besondere, oft wenig beachtete Seite von Baldermanns Wirken galt der Religionspädagogik in der DDR, die sich als Katechetik unter schwierigen politischen Bedingungen im Binnenraum der Kirche und außerhalb der Schule etablierte. Nach seiner Ansicht hatte der deutsche Größenwahn, an dem er einst teilhatte, die deutsche Teilung verursacht, für die vor allem die Ostdeutschen die Zeche zu zahlen hatten. Nach dem Bau der Berliner Mauer unternahm er häufige Reisen in die DDR und suchte auf allen erdenklichen Wegen regelmäßigen Kontakt zu Katechetinnen und Katecheten in der DDR. Ingo Baldermann sah sich selbst als „Grenzgänger im geteilten Deutschland“ und war auf zahlreichen Katechetenfortbildungen und Kirchentagen in der DDR präsent und geschätzt. Er blieb dies auch nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung.
Auch außerhalb der Universität hat Ingo Baldermann breit gewirkt. In seiner heimatlichen Martini-Gemeinde in Siegen hat er oft gepredigt und in Gemeindeseminaren biblische Themen behandelt. Viele Jahre war er im Herausgeberkreis des „Jahrbuchs für biblische Theologie“. 1984 gründete er zusammen mit dem Siegener Unternehmer Klaus Hoppmann die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft e.V. Siegen, deren Ehrenvorsitzender er bis zu seinem Tod war. In den langen Jahren seines Ruhestands war Ingo Baldermann viele Jahre als Forschender und Lehrender aktiv wie eh und je.
Wer fast 100 Jahre alt wird, macht die Erfahrung, dass er zunehmend vergessen wird, zuerst von der eigenen Universität, dann auch von den nachwachsenden Generationen. Mitstreiter von einst haben das Zeitliche gesegnet und man selbst bleibt zurück. Vor einigen Jahren starb seine liebe Frau nach einer langen, über 60 Jahre währenden, engen Lebensgemeinschaft. In den letzten Jahren seines Lebens las Ingo Baldermann in den Abendstunden immer wieder im biblischen Buch Hiob, das er sich aus dem Hebräischen neu übersetzte. Es ging ihm dabei so, wie es schon Søren Kierkegaard bezeugte, der in den Reden und Klagen dieses biblischen Rebellen und Dulders einen unaussprechlichen Trost fand. Die Bibel blieb für Ingo Baldermann bis zuletzt das Buch seiner Sehnsucht und seiner Hoffnung.
Das Seminar für Evangelische Theologie der Universität Siegen gedenkt seines verstorbenen Kollegen Ingo Baldermann mit großem Respekt, in Verbundenheit und tiefer Dankbarkeit.
Im Namen des Seminars für Evangelische Theologie
Prof. Dr. Thomas Naumann