Scham in Annie Ernaux' autosoziobiographischen Erzählungen
Distanzierung, (Selbst-)Objektivierung und 'Unbeschämbarkeit'
Die Nobelpreisträgerin Annie Ernaux ist bekannt für ihre schonungslose Darstellung ihres Herkunftsmilieus, aus dem sie sich herausgearbeitet oder auch „herausgeschrieben“ hat. In ihrer quasi-ethnografische Rekonstruktion kleinbürgerlicher Lebenswelten analysiert sowohl soziale als auch geschlechtliche Machtverhältnisse.
Anhand ausgewählter Passagen aus Texten wie „La Place“ oder „L’Événement“ zeigte Sarah C. Hechler, inwiefern Scham eine konstante Begleiterin - ein Movens des Schreibens - in Ernaux’ Werk ist. Besonders eindrücklich war, wie die Studierenden des Kurses bemerkten, Hechlers Darstellung der Szene, in der sich Ernaux an ihre Schulzeit erinnert und daran, wie ihre Klassenlehrerin und ihre Mitschüler die Mutter im schmutzigen Bademantel an der Haustür erblickt hatten. Das Kleidungsstück, das eigentlich verhüllen und schützen sollte, verriet in seiner visuellen Beredsamkeit das Milieu der Autorin, die, zu einem Perspektivwechsel gezwungen, ihre Familie, ihre Herkunft und sich selbst mit dem Blick der anderen wahrnimmt. Hechler führte alsdann vor, wie ‚ungerührt‘ Ernaux sich in der Erzählgegenwart zeigt; scheinbar schamlos gebe sie das Erfahrene wieder. Sie verzichte bewusst darauf, Empathie zu erzeugen, und setze damit einen Kontrast zur oft wütenden Sprache ihrer frühen Werke und zu klassenkämpferischen Texten ähnlicher Art. Ernaux biete, so Hechler, keine unmittelbar identifikatorische Lektüre an, vielmehr dominiere ein sachlicher Ton, der einerseits dazu diene, das damals Unsagbare „sagbar zu machen“ und andererseits eine Möglichkeit eröffne, sich der eigenen Scham kontrolliert auszusetzen.