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Schreiben, das etwas riskiert

Aus einem Seminar ist in den vergangenen Jahren eine feste literarische Gemeinschaft geworden: In der Schreibwerkstatt der Universität Siegen entstehen Texte, die persönlich, mutig und diskussionsfreudig sind. Mit ihrer ersten Anthologie treten die Studierenden nun erstmals gemeinsam als Autorinnen und Autoren an die Öffentlichkeit.

Teilnehmer der Schreibwerkstatt

Studierende der Schreibwerkstatt, die mit ihren Texten im Buch vertreten sind.

Es ist das erste Treffen im Semester und der Seminarraum füllt sich. Viele Gesichter sind Dr. Roland E. Koch vertraut. Plaudernd läuft der Dozent durch die Reihen. Grüßt hier, erkundigt sich dort, witzelt ein bisschen. Natürlich über Bücher, natürlich über Autoren. Schließlich ist er selber einer. Ein Schriftsteller und Dozent, der an der Universität Siegen verschiedene Seminare zum Schreiben, szenischen Lesen und Debattieren anbietet.

Man spürt schnell, hier kommen Studierende immer wieder hin. Nicht aus Pflicht, sondern aus Überzeugung. Auch wenn Studienleistungen erworben werden, ist zwischen Prosa, Lyrik und dem Spiel mit Worten, ein Raum entstanden, den einige schlicht ihre „Insel“ im Uni-Alltag nennen. Weil sie einen Ort gefunden haben, an dem sie sich literarisch ausprobieren können und lernen, mit Kritik umzugehen, ohne den eigenen Ton zu verlieren.

In diesem Sommer tritt die Schreibwerkstatt nun mit einem Buch an die Öffentlichkeit: Eine Anthologie mit Texten von 24 Studierenden erscheint im universi Verlag. Es ist eine Sammlung, die zeigt, was entsteht, wenn junge Autorinnen und Autoren sich trauen, persönlich zu schreiben und wenn sie auf eine Gruppe treffen, die genau einen passenden Resonanzraum für ihre Texte bietet. Seit 2011 leitet Roland E. Koch die Schreibwerkstatt. Seine Haltung ist klar: „‘Schön geschrieben‘ und damit ist es gut – das bringt niemanden weiter.“ Es gehe in der Schreibwerkstatt nicht um glatte Texte, sondern um solche, die etwas wagen. Um Geschichten, die spürbar etwas mit den Schreibenden zu tun haben.

Fantasy-Epen oder „neue Harry-Potter-Universen“ sucht man hier eher vergeblich. Stattdessen dominieren Kurzgeschichten, maximal drei Seiten lang, oft autofiktional, nah am eigenen Leben. Themen wie Familie, Trauer, Beziehungen, das Ringen mit sich selbst sowie mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen ziehen sich durch.

Der Ablauf des Seminars ist klar strukturiert. Ein oder zwei Studierende tragen ihre Texte vor. Die anderen lesen mit. Auf Papier. Machen sich Notizen und geben dann eine Einschätzung zum Text. Der Autorin oder dem Autor kommt anschließend eine Welle von Lob oder kritischen Anmerkungen entgegen. Zuerst geht es um den „roten Faden“, die Figuren, den Aufbau, ob und was die Leser*innen gepackt hat. Später blickt die Gruppe auf sprachliche Details und seziert dabei scharf. Wer vorgetragen hat, muss anschließend schweigen. Was schwer ist. „Aber sie sollen nichts erklären, nichts verteidigen, sondern aufnehmen, was gesagt wird“, so Koch. Das unmittelbare Feedback, das gemeinsame Nachdenken über Sprache, Struktur und Wirkung, lasse Texte wachsen. „Man arbeitet gemeinsam daran, dass der Text besser wird.“

Manchmal fließen auch Tränen. Nicht wegen der Kritik. Die ist immer konstruktiv und wertschätzend. „Wir sprechen immer über den Text, nie über den Menschen“, betont der Dozent. „Aber Schreiben ist sehr emotional, und das Gelesene kann stark berühren.“ 

Seit 2019 findet die Schreibwerkstatt regelmäßig ihren Weg aus dem Seminarraum hinaus in die Öffentlichkeit, an einen besonderen Ort: das Museum für Gegenwartskunst Siegen. Zwischen Installationen und Ausstellungen lesen Studierende ihre Texte vor, dazwischen gibt es Live-Musik.

Das Publikum wird immer größer. Es kommen nicht nur Studierende, sondern auch Menschen aus der Stadt. Alle, die Lust auf Literatur haben. Die Atmosphäre sei einzigartig, sagt Koch. Vielleicht, weil im Museum Kunstformen aufeinandertreffen. Vielleicht auch, weil die Texte in diesem Rahmen noch einmal anders wirken.

Die Anthologie, die gerade entsteht, knüpft an diese Lesungen an. Versammelt sind Texte von 24 Autorinnen und Autoren, die bereits im Museum gelesen haben. Einige sind mit einem, andere mit zwei Beiträgen vertreten. Das Cover stammt von Schreibwerkstattsmitglied Dana Kopsan. Auch das ein Zeichen dafür, wie sehr die Schreibwerkstatt als Gemeinschaft funktioniert. Die Bandbreite ist groß: von leisen Momentaufnahmen bis hin zu experimentelleren Formen wie Lautpoesie.  „Entscheidend ist nicht das Genre, sondern die Qualität der Texte“, betonen Ole Kemper und Sevinç Ebru Kesdiren-Aksoy, die beide schon lange bei der Schreibwerkstatt mitmachen und deren Texte im Buch zu finden sind, ebenso wie die von: Agnes de Lucca, Alexander Mosig, Annelie Seibold, Christine Eck, Dana Kopsan, Daniel Blokesch, Johanna Brauner Johannes Herbst, Kateryna Boiko, Kathy Subat, Lutz Dehenn, Mark Remisch, Melek Curuk, Michael Fassel, Nora Hille, Ole Kemper, Olivia Jabbour, Phillip Ahrberg, Séverin Yisharh Badolo Sevinç Ebru Kesdiren-Aksoy, Susanna Mengel, Valentin Ramachandran, Victoria Neuser und Viviane Börner.

Die nächste Lesung und die Buchpräsentation finden am Donnerstag, 23. Juli, um 18 Uhr, im Museum für Gegenwartskunst statt. Der Eintritt ist frei.

Weiterführende Links

Lesung im MGK

Roland E. Koch 

 

 

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