Technik gegen Einsamkeit
Fast jeder fünfte Mensch in Deutschland fühlt sich manchmal einsam. Auch unter jungen Menschen ist Einsamkeit verbreitet: Betroffen sind vor allem technikaffine Jüngere, die viel Zeit am Smartphone oder Computer verbringen und wenige „reale“ zwischenmenschliche Kontakte haben. Hinzu kommt, dass Menschen immer häufiger über Distanz leben, arbeiten und lieben. Messenger, Videoanrufe oder soziale Netzwerke sind dann die einzigen Wege, mit Freunden, Familie und Arbeitskollegen in Kontakt zu bleiben. Wie kann auch aus der Ferne und vermittelt über interaktive Technologien ein Gefühl von Nähe entstehen? Das haben Wissenschaftler*innen der Universität Siegen zusammen mit Kolleg*innen von weiteren Universitäten im Forschungsprojekt „VEREINT“ untersucht. Entstanden sind Modelle, wie Technik so gestaltet werden kann, dass sie Beziehungen stärkt.
„Es gibt einerseits wahnsinnig viele technische Möglichkeiten und spannende Ansätze, wie Technologien Menschen miteinander verbinden können. Andererseits nimmt die Einsamkeit in westlichen Gesellschaften zu. Das zeigt, dass nicht jede Technik, jede gute Idee für die Menschen auch tatsächlich funktioniert. Wirkliche emotionale Verbundenheit zu erzeugen ist ein komplexer Prozess, der von vielen Faktoren abhängt. Das haben wir uns im Projekt genauer angeschaut“, sagt die Diplom-Psychologin und Siegener Projektleiterin Christiane Wenhart.
Expertinnen und Experten aus den Disziplinen Psychologie, Gestaltung, Informatik und Ethik von insgesamt fünf verschiedenen Universitäten arbeiteten im Projekt VEREINT eng zusammen. Koordiniert wurde das Vorhaben von der Siegener Professur für Wirtschaftsinformatik/Ubiquitous Design unter Leitung von Prof. Dr. Marc Hassenzahl. Gemeinsam untersuchten die Forschenden: Was bedeutet Verbundenheit eigentlich genau? Wie können Technologien Verbundenheit erzeugen? Akzeptieren und nutzen Menschen die Technologien auch langfristig?
„Häufig benötigen wir keinen weiteren Kanal, nicht noch mehr Kontakt um uns miteinander verbunden zu fühlen – sondern es sind kleine, aber bedeutungsvolle Gesten oder Dinge im Alltag, die emotionale Verbundenheit schaffen“, erklärt Christiane Wenhart. Zum Beispiel eine gemeinsame Kaffeepause über Distanz – technisch realisiert über miteinander vernetzte Untersetzer: Stellt ein Partner seine warme Kaffeetasse auf seinen Untersetzer, leuchtet in einer anderen Stadt ein kleines Licht auf, ausgelöst durch einen Temperatursensor, übermittelt via WLAN. Kein Ping, keine Nachricht, sondern einfach ein stilles Zeichen: „Ich mache gerade Pause – Du vielleicht auch?“
Die Rahmenbedingungen und wissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung solcher Verbundenheitstechnologien zu schaffen, war ein wesentliches Ziel von VEREINT. Entstanden ist unter anderem eine offene Datenbank mit Konzepten und Prototypen zum Thema „Nähe über Distanz“. Die Forschenden entwickelten zudem Gestaltungsstrategien, mit denen sich Verbundenheit fördern lässt und identifizierten ein zentrales Gestaltungsprinzip: Verbundenheit und Nähe entstehen nur dann, wenn Menschen sich dabei selbstbestimmt fühlen.
In zehn verschiedenen, mit VEREINT vernetzten Anwendungsprojekten entstanden konkrete Prototypen bzw. Demonstratoren für Verbundenheitstechnologien – entwickelt von kleineren Konsortien aus Universitäten und Industriepartnern. Dabei wurden unterschiedliche Zielgruppen wie Paare, Familien oder Freundesgruppen angesprochen. Das Verbundprojekt VEREINT begleitete die Entwicklung dieser unterschiedlichen Anwendungen. Im Rahmen einer Messe wurden zum Projektabschluss die entstandenen Prototypen vorgestellt: Von den miteinander gekoppelten Kaffeetassen-Untersetzern über ein interaktives Augmented-Reality-Spiel bis hin zu einer „Sprechanlage“, über die Kinder mit ihren Großeltern kommunizieren und sich von ihnen vorlesen lassen können.
Ein besonderer Schwerpunkt des Projektes VEREINT lag außerdem auf der Bürger*innen-Forschung und der Wissenschaftskommunikation. Mit der Internetplattform „näheüberdistanz.de“ schufen die Forschenden ein dauerhaftes Angebot für Bürgerinnen und Bürger. Entstanden ist außerdem ein Booklet: Es bündelt einfache Rituale, Alltagsideen und konkrete Anregungen, die dabei helfen können, über Distanz Momente der Verbundenheit zu schaffen. Alle zwölf Ideen sind bereits erprobt und so aufbereitet, dass Bürger*innen sie möglichst einfach ausprobieren können.
Hintergrund:
Im Projekt VEREINT haben Wissenschaftler*innen der Universität Siegen mit Kolleg*innen der Universität Duisburg-Essen, der LMU München, der RWTH Aachen und der Hochschule Flensburg zusammengearbeitet. Das Projekt lief über drei Jahre und wurde vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit 1,73 Mio. Euro gefördert.
Die digitale Version des Booklets kann hier direkt heruntergeladen werden. Auf Wunsch sendet das Projektteam Interessierten die Druckversion auch per Post. Dazu bitte hier melden: hello@experienceandinteraction.com