Universität Siegen trauert um Doris Funk
Nachruf
1938 in Bonn-Beuel geboren, gehörte die Evakuierung der Mutter mit drei Töchtern im letzten Kriegsjahr ins heutige Polen und die beschwerliche Rückkehr (z.T. zu Fuß) nach Bonn sowie die entbehrungsreichen Nachkriegsjahre zu den einschneidendsten Erlebnissen ihrer Kindheit. Diese deutsche Geschichte ließ sie Zeit ihres Lebens nicht mehr los, es war ihr immer wichtig, sich gegen Krieg und für eine Wiedergutmachung der Gräuel des Nationalsozialismus einzusetzen. Als First Generation-Akademikerin studierte sie Philosophie, Germanistik und Geschichte in Bonn, Saarbrücken und Heidelberg und arbeitete bereits während ihres Studiums als Deutschlehrerin für internationale Studierende. In die Studienzeit fällt auch die Geburt ihrer beiden Kinder im Januar 1965, sie wagte schon damals den schwierigen Spagat zwischen Familie und Beruf. Doris Funk war Germanistin durch und durch; sie zeichnete sich aus durch einen stets reflektierten und sorgfältigen Umgang mit der deutschen Sprache –eine Sorgfalt, die sie auch als Herausgeberin des jährlich erscheinenden, von ihr initiierten Heftes „Frauen-Info“ an den Tag legte, das sich an alle weiblichen Hochschulangehörigen richtete.Ihr leidenschaftliches Interesse an Literatur pflegte sie auch in den Jahren ihrer Amtstätigkeit als Frauenbeauftragte, sei es im kollegialen Austausch mit der Romanistin Ursula Böhmer, sei es in der Erkundung der Literatur von Frauen. Die von ihr ins Leben gerufenen jährlich stattfindenden Schreibwerkstätten für Frauen sind vielen Teilnehmerinnen unvergessen.
Doris Funk begegnete ihren Mitmenschen grundsätzlich mit der ihr eigenen freundlichen, aufmerksamen und zugewandten Art. Insbesondere die Studierenden profitierten immer wieder von ihrer motivierenden Haltung und ihrer Kommunikation auf Augenhöhe. Gleichzeitig setzte sie sich sehr engagiert und konsequent für die Belange der Frauen aller Statusgruppen an der Hochschule ein und zeigte dabei eine sehr klare Haltung.
In der Frauenförderung an Hochschulen war Doris Funk eine Frau der ersten Stunde. Bereits an der Pädagogischen Hochschule Bonn, an der sie seit 1970 als Lektorin in den Bereichen Didaktik der deutschen Sprache und Sprecherziehung (damals eine Zusatzausbildung und Pflichtfach für angehende Lehrkräfte in Nordrhein-Westfalen) tätig war, schloss sie sich einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlerinnen an, die versuchten, die Diskussion um Frauenförderung und Frauenbeauftragte an Hochschulen in die Breite zu tragen. Zu den Zielen der Gruppe gehörte auch die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft zur Frauenforschung.
Aus Anlass der Umstrukturierung der Pädagogischen Hochschulen und weil sie von Prof. Augst angefragt worden war, wurde sie 1985, damals bereits verbeamtete Studienrätin im Hochschuldienst, ab 1987 dann Oberstudienrätin, an die Universität-Gesamthochschule Siegen versetzt. Doris Funk war insgesamt 16 Jahre an der Universität-Gesamthochschule Siegen tätig und als Germanistin eingebunden in die Lehrkräfteausbildung, das Siegener Institut für Sprache und Kommunikation im Beruf (SISIB) sowie in den innovativen Diplomstudiengang Medienplanung, -Entwicklung und –Beratung.
1989 wurde sie für insgesamt 6 Jahre die erste Frauenbeauftragte der Universität-Gesamthochschule Siegen, eine für sie sehr prägende Zeit. Zur Einrichtung des Amtes der Frauenbeauftragten war es durch neue gesetzliche Vorgaben des Landes NRW gekommen. Das „Wissenschaftliche Hochschulgesetz (WissHG NRW)“ von 1987 hatte die Förderung von Frauen zu einer Aufgabe der Hochschulen und die Einrichtung des Amtes einer Frauenbeauftragten für die Hochschulen verbindlich gemacht. Zur Umsetzung der neuen Vorgaben wurde an der Universität-Gesamthochschule Siegen im Wintersemester 1987/88 eine Frauenvollversammlung einberufen, aus der eine Vorbereitungsgruppe zur Ausarbeitung einer Wahlordnung für die Wahl der Frauenbeauftragten hervorging. Doris Funk, bis zu ihrer Wahl zur Frauenbeauftragten auch Mitglied des wissenschaftlichen Personalrats und hier besonders für das Thema Frauenförderung zuständig, beteiligte sich an den Vorarbeiten. Im Juli 1988 verabschiedete der Senat die Wahlordnung für die Wahl eines Frauenrates, aus dessen Reihen die Frauenbeauftragte gewählt werden sollte. Die Wahl des ersten Frauenrates – eine Direktwahl durch die Frauen an der Universität-Gesamthochschule Siegen - erfolgte im Dezember 1988, die Wahl der ersten Frauenbeauftragten und ihrer Stellvertreterinnen im Januar 1989.
Doris Funk und ihre Stellvertreterinnen Inge Ripplinger, Ulrike Hinz und Katharina Dickel, mit denen sie eng zusammenarbeitete, fanden schwierige Ausgangsbedingungen für die neue Tätigkeit vor. So fehlte es schon an einer Grundausstattung wie Arbeitsmitteln und Räumlichkeiten, aber auch an einer angemessenen Freistellung zur Ausübung des Amtes, denn von Seiten des Landes wurden für die neue Aufgabe keine zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung gestellt. Bis zur Verabschiedung der an das neue WissHG angepassten Grundordnung durch Senat und Konvent im Juni 1989, die das Amt der Frauenbeauftragten und ihre Mitwirkungsmöglichkeiten an der Universität-Gesamthochschule Siegen festschrieb, waren die gewählten Frauen kommissarisch im Amt.
Mit der offiziellen Amtsübernahme Ende Juni 1989 war die Frauenbeauftragte ab sofort in alle Berufungs- und Stellenbesetzungsverfahren einzubeziehen und hatte außerdem die Möglichkeit, an den Sitzungen der weiteren Gremien mit Antrags- und Rederecht teilzunehmen. Für die Wahrnehmung dieser und vieler weiterer Aufgaben wurden Doris Funk und ihre Stellvertreterin Inge Ripplinger mit je der Hälfte ihres Lehrdeputats freigestellt. Dass innerhalb kürzester Zeit und trotz der zunächst sehr mangelhaften Ausstattung eine beeindruckende Fülle an Aktivitäten entstand, verdankt sich dem großen Einsatz der Frauenbeauftragten und ihrer Stellvertreterinnen sowie dem Frauenrat und weiteren engagierten Frauen.
Die Ausgestaltung des neuen Amtes, die Zusammenarbeit mit den Gremien, die Entwicklung von Verfahren, die eine systematische Beteiligung der Frauenbeauftragten an Stellenausschreibungen und Stellenbesetzungsverfahren sicherstellen konnten und auch die Erarbeitung des gesetzlich geforderten Rahmenplans zur Frauenförderung erforderten eine grundständige Befassung mit den bis dahin gängigen Prozessen und allem voran eine Bestandsaufnahme zur Situation der Frauen an der Hochschule. In Zusammenarbeit mit dem Personaldezernat wurde noch 1989 eine Erhebung des Frauenanteils auf den verschiedenen Karrierestufen und in den einzelnen Bereichen der Hochschule durchgeführt. Der Frauenanteil an Professuren betrug an der Universität-Gesamthochschule Siegen zu dieser Zeit 2,7%, was der absoluten Zahl von insgesamt sieben Professorinnen entsprach.
Anlässlich der Wahl der ersten Frauenbeauftragten gaben Doris Funk und der Frauenrat 1989 das erste „Frauen-Info“ heraus. Dieses nun jährlich erscheinende Periodikum diente der Information über die Arbeit der Frauenbeauftragten und des Frauenrats, war ein Forum zur Diskussion frauenrelevanter Themen und informierte über Veranstaltungen wie Workshops und Seminare, Vorträge und Aktionen an der Universität-Gesamthochschule Siegen, aber auch in Stadt und Region sowie teilweise darüber hinaus. Insbesondere war es dazu gedacht, die Gruppe der Studentinnen besser zu erreichen. Die Reihe „Frauen-Info“ dokumentiert bis heute, welche Initiativen ergriffen und welche Angebote geschaffen wurden. So organisierte Doris Funk in Kooperation mit dem „Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen“ 1990 eine der ersten Veranstaltungen zur Karriereförderung von Frauen an der Universität-Gesamthochschule Siegen, das interdisziplinäre Frauenseminar mit dem Titel „Frauen in der Hochschule“. Die zweitägige Veranstaltung bot ein breites Themenspektrum rund um die Karriereplanung in der Wissenschaft und um die Bewegungsräume in der Hochschule selbst. Eine erste gruppenübergreifende Schreibwerkstatt im August 1990 fand große Resonanz und wurde von nun an jährlich durchgeführt. Große Aufmerksamkeit fand der „Frauenhochschultag“ am 7. Juni 1991. Hier wurden Veranstaltungen angeboten, die sich an alle Frauen der Universität richteten. Integriert wurde zudem die Ausstellung „Frauen + Krieg“, die von zwei wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen der Universität-Gesamthochschule Siegen vor dem Hintergrund des Golfkrieges 1980-1988 konzipiert worden war. Als besonders schwierig gestaltete es sich in den Anfangsjahren der Frauenförderung an der Hochschule, Veranstaltungen für die Zielgruppen der Frauen in Technik und Verwaltung anzubieten. Hausinterne Weiterbildungsangebote fehlten für diese noch ganz und an externen Veranstaltungen konnten sie häufig aus familiären Gründen nicht teilnehmen. In Ermangelung bereitstehender Finanzmittel musste die eine und andere Veranstaltung im Rahmen von wissenschaftlicher Weiterbildung finanziert werden. In Kooperation mit den Frauenbeauftragten von Stadt und Kreis wurde 1993 die Ausstellung „Schwestern, vergesst uns nicht“ nach Siegen geholt, die das Elend der von den Nationalsozialisten verfolgten Frauen in den Konzentrationslagern zum Inhalt hatte.
Im Hochschulbetrieb bestand die größte Herausforderung darin, eine Akzeptanz für die Arbeit der Frauenbeauftragten zu finden und die Einhaltung der neuen Regularien durchzusetzen. Denn trotz Anweisung durch die damalige Hochschulleitung, den Bestimmungen des Frauenförderungsgesetzes NRW zu entsprechen, stand die Frauenbeauftragte in der täglichen Praxis nur zu oft Fachbereichen und Berufungskommissionen gegenüber, die sich daran nicht gebunden fühlten. Widerstände entzündeten sich vor allem an der leistungsbezogenen Quotierungsregelung und der grundsätzlichen Stellenausschreibungspflicht, die mit dem Frauenförderungsgesetz in Kraft getreten waren. Bei der Besetzung von Stellen im akademischen Mittelbau wurde die Ausschreibung anfangs mehrheitlich verweigert. Stärkere Unterstützung von Seiten der Verwaltung erhielt die Frauenbeauftragte erst mit den „Verfahrensgrundsätzen zur Umsetzung des Frauenförderungsgesetzes in den Hochschulen“, die Ende 1990 zur Erprobung an die Hochschulen geschickt wurden. Erfahrungen von Machtasymmetrie innerhalb der Hochstrukturen, aber z.T. auch erlittene persönliche Kränkungen hinterließen im Laufe der Jahre ihre Spuren und oft genug haderte Doris Funk mit den häufig langwierigen schwierigen Diskussionen, den Widerständen von vielen Seiten und der erst zu erarbeitenden Akzeptanz der Arbeit der Frauenbeauftragten. Dennoch ließ sie in ihrem Engagement nicht nach, manchmal bis hin zu gesundheitlich riskanten Erschöpfungszuständen. Als Gegengewicht zu diesen Erfahrungen setzte sie auf den Austausch mit anderen Frauenbeauftragten auf regionaler und überregionaler Ebene und zeigte auch bei dieser von Solidarität geprägten Netzwerkarbeit ein großes Engagement
Etliche Jahre nahm die Erarbeitung und Verabschiedung des ersten Frauenförderplans der Hochschule in Anspruch, der in den Gremien zu heftigen Debatten führte. Herzstück des in Kooperation mit den Personalräten sorgfältig ausgearbeiteten Dokuments war die Herstellung von Transparenz bei der Stellenvergabe auf allen Hierarchiestufen der Universität-Gesamthochschule Siegen. Es enthält darüber hinaus umfassende Regelungen zu vielen weiteren Themen wie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der Verhinderung von Gewalt und sexueller Belästigung, der Weiterqualifizierung von Frauen in Technik und Verwaltung sowie der Förderung von Frauen in Studium, Forschung und Lehre, einschließlich der Gender Studies. In den Gremien hart umkämpft waren insbesondere die zu bestimmenden „Ausnahmen von der Ausschreibungspflicht“. Der 1996 schließlich vom Senat verabschiedete „Rahmenplan zur Frauenförderung“, ab 2002 dann „Rahmenplan zur Gleichstellung von Frauen und Männern“, besteht mit einigen redaktionellen Änderungen bis heute fort. Er kann als ein Vermächtnis der ersten Frauenbeauftragten und der sie unterstützenden engagierten Frauen des Frauenrates gesehen werden.
Die Universität Siegen trauert um Doris Funk, die am 4. Februar 2026 in Konstanz im Alter von 87 Jahren verstorben ist. 1985 von Bonn an die damalige Universität-Gesamthochschule Siegen versetzt, wurde sie 1989 erste Frauenbeauftragte der Universität. Sie amtierte bis 1995 und lehrte bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2001 als Oberstudienrätin im Hochschuldienst in der Germanistik (Didaktik der deutschen Sprache).