Vom Schweigen zum Erzählen
Scham, Stigma und Tabubruch in literarischen Menstruationsnarrativen seit den 1960er Jahren
Am Donnerstag, dem 2. Juli 2026, stellte Dr. Lisa Tenderini (Universität Bonn) im Rahmen des Seminars zur Scham in Ich-Erzählungen von Dr. Cora Rok ihr abgeschlossenes Forschungsprojekt zur Präsenz der Menstruation in den romanischen Literaturen, insbesondere der italienischen Literatur, sowie im öffentlichen Diskurs seit den 1960er Jahren vor. Wie Tenderini anhand von Milena Milanis 1964 erschienenem Roman La ragazza di nome Giulio zeigte, waren – und sind bis heute – explizite Darstellungen der Menstruation Anlass für kontroverse Debatten über die Grenzen von Obszönität und Normalität. Der Roman führte nicht nur zu einem Gerichtsprozess, sondern wurde auch in seinen französischen und deutschen Übersetzungen stark zensiert. Dass diese Auseinandersetzungen keineswegs der Vergangenheit angehören, verdeutlichen aktuelle Diskussionen, etwa um Balthus’ Werk Thérèse rêvant.
Gleichzeitig lässt sich jedoch eine Öffnung des Diskurses beobachten: In den Medien, insbesondere in der Werbung, aber auch in der Wissenschaft hat sich das lange schambesetzte Thema zunehmend etabliert. Zahlreiche Publikationen zur cultural history of menstruation belegen diese Entwicklung. Dennoch, so betonte Tenderini, zeigt sich selbst in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung ein gewisses Zögern, „die Dinge beim Namen zu nennen“. Literaturwissenschaftliche Arbeiten zu Texten, in denen Menstruation eine zentrale Rolle spielt und etwa eine narrative Funktion erfüllt, greifen häufig auf Euphemismen zurück – genau jene sprachlichen Umschreibungen, die Tenderini in ihrem kommenden Buch aus literarischen und medizinischen Quellen seit dem Mittelalter herausgearbeitet hat. Damit machte sie deutlich, dass auch die Wissenschaft selbst diskursprägend wirkt und eine Form der Zurückhaltung gegenüber einem oft als profan geltenden Thema fortbesteht.