YoungPoetry zum Thema Resilienz: "Wenn die Welt unser wäre"
Der Autor Christian Linker zu Gast an der Esther-Bejarano-Gesamtschule.
1945, 1988, 2025 – diese Jahreszahlen stehen für markante Ausschnitte in der Lebensgeschichte dreier Protagonisten in Christian Linkers Jugendroman „Wenn die Welt unser wäre“. Der Autor war auf Einladung des Hauses der Wissenschaft der Universität Siegen im Format YoungPoetry zu Gast an der Esther-Bejarano-Gesamtschule Freudenberg. Im Fokus der Lesungsreihe „Mentale Gesundheit im Spiegel aktueller Jugendliteratur“ stand diesmal das Thema „Resilienz“. In der Mensa zugegen war die Jahrgangsstufe 9. Stattliche 90 Minuten lang herrschte konzentrierte Stille im Raum.
Die drei Episoden aus der Jugendzeit von Harald, Jennifer und Nadiem haben es in sich. Linker begann seine Lesung im Zeitablauf in der Gegenwart – mit Nadiem. Der ist mit seiner Schulkameradin Ayla im Freibad. Es kommt zu einer Rangelei unter jungen Männern, die gefilmt wird. Nadiem, der „Vorzeigeflüchtling“, wird aufs Polizeirevier gebracht. Seine Pflegemutter Jennifer muss in abholen. Während dieser kritischen Phase ruft sich Nadiem, der aus Afghanistan nach Deutschland geflohen ist, Handlungstipps seines Therapeuten in Erinnerung. Sie helfen ihm, nicht die Kontrolle über sich und die Situation zu verlieren.
Jennifers Hände zittern, ihr Blick ist angsterfüllt, als sie Nadiem auf der Wache abholen muss. Ihre Reaktion basiert auf einem Trauma aus ihrer Jugendzeit. Jennifer wächst in der ehemaligen DDR in einer vom Sozialismus überzeugten Familie auf. Ihr Onkel Achim wirbt sie als informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit an. Sie soll eine protestantische Jugendgruppe bespitzeln. Das Vorhaben geht so lange gut, bis Jennifer sich verliebt und ihre Freunde nicht mehr verraten mag. Auf Betreiben ihres Onkels landet sie im geschlossenen Jugendwerkhof Torgau und wird dort misshandelt. In der Haft entflieht sie in Gedanken zu ihrer Freundin Nicole. Diese Fantasiewelt ermöglicht es ihr, die Zustände im Jugendwerkhof zu ertragen. An ihrem 18. Geburtstag wird sie als „unverbesserlich“ aus Torgau entlassen. Wenige Monate später bricht die DDR zusammen. Jennifer geht in den „Westen“ und lebt dort bei ihrer Tante Frieda, die nach Kriegsende vor der Gewalt sowjetischer Soldaten geflohen ist und in der Nähe von Essen gemeinsam mit Harry eine neue Heimat gefunden hat.
Harald (Harry) meldet sich im Alter von 15 Jahren vor Kriegsende 1945 zu den „Werwölfen“, einer nationalsozialistischen Organisation, die den Kampf in bereits besetzten Gebieten fortsetzen sollte. Im Showdown mit den anrückenden USamerikanischen Soldaten wird er durch die Schuld seines SS-Vorgesetzen schwer verletzt. Die Wege der beiden kreuzen sich nach Kriegsende nochmals. Harald deeskaliert für sich die Situation, indem er auf Gesprächsinhalte mit dem britischen Jugendoffizier Bill Almonds zurückgreift, der ihm neben der Liebe zum Jazz auch die Grundlagen demokratischer Gemeinwesen und friedlichen Zusammenlebens vermittelt hat.