Zwischen Fußballfest und politischem Pulverfass
Erstmals richten die USA, Mexiko und Kanada die Fußball-Weltmeisterschaft gemeinsam aus. In einer Zeit, in der US-Präsident Donald Trump Kanada mit Annexion und Mexiko mit Militärschlägen droht, Trump an der Grenze zu Mexiko eine Mauer hat bauen lassen, und beide Länder mit horrenden Strafzöllen überzieht. Welche politische Brisanz und Symbolkraft bringt das Turnier mit sich?
Prof. Dr. Daniel Stein: Wie alle globalen Sportereignisse hat die Fußball-Weltmeisterschaft eine unheimliche Symbolkraft. Milliarden Menschen werden an Fernseh- oder Computerbildschirmen die Spiele verfolgen, und viele werden trotz der astronomischen Ticket- und Hotelpreise in die USA, nach Kanada und nach Mexiko reisen, um sich die Spiele anzusehen. Für die US-amerikanische Tourismusbranche, die zuletzt massive Einbrüche erlitten hat, ist das ein wichtiger Markt, und die FIFA wird Rekordgewinne einfahren. Wie immer stellt sich die Frage, was bei den Menschen vor Ort ankommen wird und ob die WM die Wirtschaft ankurbeln kann. Zu befürchten ist, dass die WM dazu genutzt wird, die Bürgerrechte in den USA weiter einzuschränken und von den Repressionen der aktuellen Regierung abzulenken. Amnesty International spricht von der Gefahr, dass der World Cup zu einer „stage for repression“, auf Deutsch: „Bühne für Unterdrückung“, werden könnte und fordert die FIFA und die Austragungsländer auf, alle Fans und Mannschaften fair zu behandeln.
Das Verhältnis der drei Austragungsländer ist trotz anderslautender offizieller Aussagen äußerst angespannt. Viele Kanadier boykottieren Produkte aus den USA und reisen nicht mehr dort hin; Mexiko ist einerseits auf starke wirtschaftliche Beziehungen zu den USA angewiesen, wird von der US-Regierung aber immer wieder unter Druck gesetzt, z.B. durch neue Zölle oder Androhungen militärischer Angriffe gegen die Drogenkartelle. Dass die mexikanische Regierung der iranischen Mannschaft erlaubt hat, ihr Quartier im Land aufzuschlagen, weil Trump sie in den USA nicht willkommen heißen will, zeigt, wie schwierig die Situation ist. Aus der ursprünglich proklamierten kontinentalen Einigkeit ist jedenfalls nicht viel übriggeblieben. Wie genau das im Einzelnen das Turnier und die Berichterstattung darüber in der Presse, aber auch in den Sozialen Medien, beeinträchtigt, wird man sehen.
Die WM findet mitten in einer Phase starker gesellschaftlicher Polarisierung in den USA statt. Wann und wo waren Sie zuletzt in den USA und wie erleben Sie aktuell die Stimmung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft?
Ich war zuletzt Anfang April für zehn Tage in Atlanta, weil wir dort eine Partnerschaft mit der Georgia State University und der Georgia Tech über das Atlanta Global Studies Center aufbauen. Das war einerseits großartig, weil wir dort mit vielen engagierten Menschen zusammenarbeiten durften, die sich sehr für ihre Studierenden und die internationalen Programme engagieren, oft selbst Migrationserfahrungen mitbringen und kritisch auf den wachsenden Autoritarismus in den USA und die Angriffe auf die Universitäten, Minderheiten und politisch Andersdenke blicken. Auch die Stadt ist toll. Andererseits gibt es Momente, in denen die aktuelle politische Lage auf einmal sehr greifbar wird: wenn aufgeregte Passanten fragen, ob die Uniformierten am Ende der Straße ICE-Agenten seien, oder wenn man im lokalen Fernsehen mitbekommt, wie die Möglichkeiten, an Wahlen teilzunehmen, eingeschränkt werden sollen. Die Stimmung ist bei den Menschen, mit denen ich zu tun hatte, ziemlich gedrückt. Viele fragen sich, was gerade mit ihrem Land passiert, und auch die Inflation macht dem meisten zu schaffen. Trotz allem überwiegt aber der Glaube daran, dass sich die Dinge wieder bessern werden.
Auch der US-Präsidentschaftswahlkampf spielt in diesem Jahr eine große Rolle. Inwiefern könnten politische Akteure wie Donald Trump oder allgemein populistische Dynamiken versuchen, ein Ereignis wie die WM für sich zu nutzen? Inwiefern rechnen Sie damit, dass sich Trump und die MAGA-Bewegung gezielt in Szene setzen werden?
Wir haben im Vorfeld des Turniers bereits gesehen, wie die WM politisch ausgeschlachtet wird. Ich denke vor allem an die Anbiederungen des FIFA-Chefs Gianni Infantino, der Trump einen eigens kreierten Friedenspreis überreichte, nachdem der US-amerikanische Präsident den Friedensnobelpreis nicht erhalten hatte. Dass Trump sich nicht zu schade ist, das sportliche Rampenlicht für die eigene Publicity zu nutzen, hat er schon letztes Jahr bei dem in New Jerseys MetLife Stadium ausgetragenen Endspiel des Club World Cup gezeigt. Nachdem Chelsea mit 3:0 gegen Paris Saint-Germain gewonnen hatte, die Spieler den Pokal in die Höhe hielten und die Blitzlichter der Presse zigfach blitzen, blieb Trump neben den Spielern stehen, um das Rampenlicht für die eigene PR zu nutzen.
Es wird für Trump viele Gelegenheiten geben, bei offiziellen Begrüßungsreden und Interviews für seine politische Agenda zu werben und kritische Berichterstattung zu verurteilen. Er ist bekannt dafür, sich nicht an die Gepflogenheiten zu halten und wird daher sicher schamlos agitieren. Ob sich seine MAGA-Basis allzu sehr für die WM interessiert, ist allerdings zu bezweifeln, denn Fußball ist in den USA traditionell eher europäisch konnotiert und hinkt in der Popularität trotz der medienwirksamen Präsenz von Stars wie Lionel Messi in der Major League Soccer weit hinter Sportarten wie Football, Baseball, Basketball und Hockey (und für MAGA ebenfalls relevant: Professional Wrestling) hinterher. Wichtiger scheint mir die Frage, ob durch die große Medienöffentlichkeit, die durch die Berichterstattung über das Großereignis entsteht, der kritische Blick auf die Entwicklungen im Land und ihre Konsequenzen für die Bevölkerung geschärft werden kann.
Anders als in Mexiko, sind die kanadische und US-Bevölkerung nicht unbedingt bekannt dafür, große Fußball-Fans zu sein. Die Frauennationalmannschaft der USA steht im MAGA-Lager immer wieder in der Kritik, weil sie teils progressive Meinungen vertritt. Wie passt das damit zusammen, dass Trump die Fußball-WM für seinen Wahlkampf nutzen will?
Ja, das stimmt. Ich erinnere mich an den Moment, als die US-amerikanische Stürmerin Megan Rapinoe auf die Frage, ob sie sich bei einem Sieg der Frauen-Nationalmannschaft bei der WM 2019 auf eine Einladung ins Weiße Haus freue, gesagt hatte: „I am not going to the fucking White House“. Fans der Major League Soccer haben in den letzten Monaten teilweise sehr deutliche Kritik an dem Vorgehen der ICE-Behörde gegen Latino/Latina-Gemeinschaften im Land geäußert. Fußball hat in den USA immer noch das Image eines Sports der Eingewanderten und der Liberalen, auch wenn er inzwischen durchaus populär geworden ist. Trump wird trotzdem versuchen, die Weltmeisterschaft als politische Bühne für sich zu nutzen – entweder im Positiven, durch schöne Bilder, spannende Spiele und frenetisch jubelnde Fans, die zeigen, dass Menschen weiterhin gerne in die USA reisen, oder im Negativen, durch politische Attacken (z.B. gegen das iranische Team) oder ein hartes Durchgreifen gegen Protestaktionen, womit er sich als starker Mann inszenieren kann. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.
Im Zusammenhang mit internationalen Sportevents fällt oft der Begriff „Sportswashing“. Was bedeutet das im Fall der Fußball-WM? Wo ziehen Sie die Grenze zwischen legitimer sportlicher Begeisterung und der politischen Instrumentalisierung eines Turniers?
Der britische Guardian sprach vor einigen Wochen im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft von einer anstehenden „bonanza of sportswashing“. Das ist besonders brisant, weil diese Weltmeisterschaft nach den Turnieren in Russland (2018) und Katar (2022), bei denen zahlreiche Menschenrechtsverletzungen dokumentiert wurden, eine Großveranstaltung ohne Diskussionen über Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Ausbeutung von Arbeitern und anderen kritischen Themen werden sollte. Das Blatt hat sich nun aber durch die brutale Immigrationspolitik, den Anstieg politischer Gewalt und die deutliche Einschränkung der Pressefreiheit in den USA gewendet. Es ist damit zu rechnen, dass diese „negativen“ Nachrichten durch eine positive Berichterstattung über den Sport und durch medienwirksame Inszenierungen übertüncht werden sollen. Es geht um die Macht der Bilder und der Narrative: Wenn es gelingt, den Fokus weg von den politischen und wirtschaftlichen Problemen und der gesellschaftlichen Spaltung zu lenken und stattdessen ein Gefühl der Begeisterung, der Einheit und der guten Laune zu vermitteln, kann das schon zu einer Image-Verbesserung (einer Reinwaschung) führen und das Bild von einer glücklichen und vereinten Gesellschaft vermitteln, das nicht mit der tatsächlichen Lage übereinstimmt.
Immer wieder werden Boykottaufrufe laut. Welche Gründe werden hier angeführt und was sagt das über die politische Lage in den USA aus?
Die Gründe liegen eigentlich auf der Hand: Neben der brutalen Inhaftierung und Abschiebung vieler Menschen mit Migrationshintergrund und die Tötung von Protestierenden durch ICE-Agenten, wären hier auch die völkerrechtswidrigen militärischen Interventionen (Venezuela) und Kriege (Iran) zu nennen, sowie die Dämonisierung politisch Andersdenkender, Trumps autokratischer Führungsstil, die Korruption auf höchster Ebene, die Androhung von Annexionen (Grönland), das Umschmeicheln von Autokraten wie Putin und Kim Jong-un und vieles mehr. Mein Eindruck ist, dass diese politischen Verfehlungen und die momentane Unfähigkeit der US-amerikanischen Gesellschaft, sich von der MAGA-Bewegung und der gegenwärtigen Regierung zu befreien, den Amerikanern und Amerikanerinnen besonders übelgenommen werden. Gerade bei einem Land, das viele Menschen lange mit den Werten von Freiheit und Demokratie verbanden, ist die Enttäuschung über die aktuellen Entwicklungen besonders groß. Es wird sich zeigen, ob die WM auch eine Chance für das andere, momentan unterdrückte, historisch progressiv denkende Amerika sein kann, sich für die im November anstehenden Midterm Elections in Stellung zu bringen und einen Politikwechsel einzuläuten. Die WM kann dabei ein Faktor unter vielen sein.
Hintergrund
Prof. Dr. Daniel Stein ist Professor für Amerikanistik und Anglistik an der Universität Siegen. Er hat unter anderem an der University of Michigan gelehrt und am Austin College, USA, studiert. Regelmäßig reist er für Forschungsaufenthalte und für Kooperationen in die USA, zuletzt im April 2026 nach Atlanta, Georgia.