Zwischen Ultraschall und Generationen-WG
Vier studentische Teams des MedTech-Startup-Planspiels der Universität Siegen präsentierten ihre innovativen Konzepte im hybriden Pitch-Format vor einer professionellen Jury, die ihr Feedback sowohl live im Artur-Woll-Haus als auch digital zugeschaltet in den Hörsaal gab.
Wenn Studierende Businesspläne nicht nur einreichen, sondern sie vor Investoren und Branchenvertretern pitchen müssen, beginnt Lehre dort, wo die Realität der Gründerszene anfängt. Genau das geschah im Juli an der Universität Siegen: Im Artur-Woll-Haus präsentierten vier Teams des Bachelorstudiengangs Digital Biomedical and Health Sciences (DBHS) der Universität Siegen ihre selbst entwickelten MedTech-Start-up-Konzepte im Rahmen der Lehrveranstaltung „MedTech-Planspiel“ – und damit einer im deutschen Hochschulbetrieb bisher einzigartigen Form akademischer Entrepreneurship-Bildung.
Das „MedTech-Planspiel“ ist mehr als eine Seminarübung. Im Modul „Medizintechnik“ des Bachelorstudiengangs DBHS simulierten die Studierenden über ein Semester reale Start-up-Prozesse: von der Problemidentifikation über Produktentwicklung und Marktanalyse bis zum finalen Investorenpitch. Begleitet wurden die vier Teams von einem Dozententeam der Universität Siegen sowie von vier Partnerunternehmen der Branche, die als praxisnahe Mentoren fungierten. Den Abschluss bildete ein Pitch vor einer interdisziplinären Fachjury.
Vier Projekte – vier Antworten auf reale Versorgungsprobleme
AuraGurt: KI-gestütztes Telemonitoring für Risikoschwangerschaften
Das Team AuraGurt entwickelte einen sensorbestückten Überwachungsgurt für Schwangere mit erhöhtem Risikoprofil. EMG-Sensoren (Elektromyographie), Mikrofone sowie Dehnungs- und Bewegungssensoren erfassen kontinuierlich Herzfrequenz, Kontraktionen und die Lage des Kindes. Die Daten werden per Bluetooth an eine App übertragen und von einer KI in Echtzeit analysiert, die bei Auffälligkeiten automatisch Hebammen oder Ärzte benachrichtigt und bei Bedarf einen Video-Call initiiert. AuraGurt adressiert damit den wachsenden Fachkräftemangel in der Geburtshilfe und schließt die Versorgungslücke zwischen stationären Vorsorgeterminen. Als B2B2C-Modell richtet sich das Start-up primär an Kliniken, Hebammenpraxen und telemedizinische Einrichtungen.
InjectWise: Ultraschall-Gewebescanner für präzisere Insulintherapie
Rund 41,8 Prozent aller insulinpflichtigen Patientinnen und Patienten entwickeln durch wiederholte Injektionen in dieselbe Hautregion schmerzhafte Fettgewebswucherungen (Lipohypertrophien), die zu unkontrollierten Blutzuckerschwankungen führen. InjectWise hat einen kompakten Smartphone-Aufsatz entwickelt, der mittels Dual-Frequenz-Ultraschall (10–18 MHz) das Unterhautgewebe direkt vor der Injektion scannt und über ein intuitives Ampelsystem Rückmeldung gibt. Eine gekoppelte App dokumentiert alle Injektionsstellen. Das Geschäftsmodell folgt dem „Razor & Blade“-Prinzip: niedriger Gerätepreis, sowie wiederkehrendes Umsatzpotenzial durch Verbrauchsmaterial.
MediCue: Smarter Medikamentenbegleiter für Senioren
Rund 23 Prozent der 50- bis 70-Jährigen vergessen regelmäßig ihre Medikamente. In Deutschland führt eine Nichteinnahme jährlich zu rund 250.000 Todesfällen und Kosten von 19 Milliarden Euro. MediCue setzt auf eine mehrstufige Erinnerungslösung: Vibration am Handgelenk, Lichtsignal, Tonsignal oder Telefonanruf – kombiniert mit einer Angehörigen-App und einem Notfall-Frühwarnsystem. Zukünftige Funktionen umfassen Sturzerkennung und Apotheken-Direktservice. Das Produkt ist als MDR-konformes Medizinprodukt konzipiert, das heißt, dass es die strengen gesetzlichen Richtlinien der EU erfüllt.
CareConnect: Plattform für generationsübergreifendes Wohnen
Einsamkeit im Alter, Pflegekräftemangel und Wohnraummangel bilden ein gesellschaftliches Problemdreieck. CareConnect löst es mit einer digitalen Vermittlungsplattform, die ältere Menschen mit Familien oder jüngeren Personen zusammenbringt – zur gegenseitigen Unterstützung in Haushalt und Alltag. Intelligentes Matching, transparente Bedarfsprofile und integrierte Kommunikationsfunktionen sollen generationsübergreifende Wohngemeinschaften erleichtern und damit präventiv Einsamkeit und Systembelastung reduzieren.
Wissenschaftliche Lehre trifft unternehmerische Wirklichkeit
„Das Planspiel-Format schließt eine Lücke, die in der universitären Ausbildung zu oft übersehen wird: den Weg von der Idee zum marktfähigen Produkt“, sagt Dr. Olaf Gaus, Universitätsdozent und Geschäftsführer des Zentrums für interdisziplinäre Gesundheitsforschung der Universität Siegen (ZiGS). „Unsere Studierenden haben nicht nur medizintechnische Innovationen erarbeitet – sie haben gelernt, wie man eine Idee unternehmerisch denkt, finanziert und kommuniziert.“
Das Dozententeam der Universität Siegen bestand aus Prof. Dr. Kai Hahn, Dr. Christian Weber und Dr. Olaf Gaus. Ergänzt wurde es durch die Partnerunternehmen der Conze Informatik GmbH, der Inch Health GmbH, der Medisanté Group AG und der NursIT Institute GmbH. Die Fachjury setzte sich zusammen aus Unternehmensvertretern, dem Entrepreneurship Center der Universität Siegen (Julia Förster und Karin Horchler) sowie Luca Heinz als Vertreter des Siegerlandfonds der Sparkasse Siegen. Die Einbindung eines regionalen Venture-Capital-Spezialisten in das Lehrformat ist eine Besonderheit in der wissenschaftlichen Hochschullehre. Die Einbindung realer Partnerunternehmen und eines Venture-Capital-Vertreters verleiht der Veranstaltung Pilotcharakter für evidenzbasierte Entrepreneurship-Lehre. Die Universität Siegen betrachtet das Format als Teil ihrer Transferstrategie – und als Keimzelle künftiger Ausgründungen aus dem Studiengang Digital Biomedical and Health Sciences.