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Tobias Orfgen

Germanistik - Neuere deutsche Literaturwissenschaft - Wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in

Büroadresse

H-B 5411
Ebene 5
Hölderlinstraße 3
57076
Siegen

Postfach: Hölderlin-Campus, Ebene 4, Gebäudeteil D

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Lehre

Jean-Paul Sartre prägte 1947 mit dem Begriff der „littèrature engagée“ („engagierte Literatur“) in seinem Essay „Qu’ est-ce que la litteraturé?“ („Was ist Literatur?“) einen Gegenentwurf zum Konzept der Kunstautonomie. Die Autonomieästhetik postulierte seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, dass die Kunst frei von jeder Zweckbestimmung zu sein habe. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierte sich dieses ästhetische Programm im Ausspruch „l’art pour l’art“ („die Kunst um der Kunst willen“). Sartre sah die Schriftsteller:innen jedoch unentrinnbar mit den Fragen ihrer Zeit verstrickt; ein literarisches Werk habe sich demnach auch mit Haltung zur Gegenwart zu verhalten – ‚reine Kunst‘ sei ‚leere Kunst‘.

In der Literaturgeschichte begegnet man immer wieder Werken, die sich für einen ‚außerästhetischen‘ Zweck engagieren oder sich gegen Unterdrückung, Unmenschlichkeit und Diskriminierung wehren. Im Seminar werden wir uns mit einigen theoretischen und literaturhistorischen Grundlagen beschäftigen; wir werden anhand eines Gedichtes Uwe Kolbes einen kurzen Ausflug in die dissidente Literatur der DDR machen; uns vor allem aber ausführlich mit zwei Werken der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur – Shida Bazyars „Drei Kammeradinnen“ (2021) und Kim de l’Horizons „Blutbuch“ (2022) – auseinandersetzen. Welche Formen und Strategien erprobt Literatur heute, um engagiert und wehrhaft zu sein? Dabei stellt sich auch die Frage, ob eine Unterscheidung zwischen engagierter und widerständiger Literatur zu machen ist.

Wir werden auf die Suche gehen nach Potenzialen der Widerständigkeit: Welche literarischen Verfahren der postmigrantischen und queeren Literatur ermöglichen Widerständigkeit? Widerständigkeit gegen politische, gesellschaftliche und kulturelle Zustände, Kontinuitäten, Regressionen. Welche Geschichten und soziale Beziehungskonstellationen erzählen die Romane? Wie beeinflussen die Texte ihre Rezeption? Welche Erzählstrukturen organisieren das Erzählte? Welche Erzählperspektiven und semantische und grammatikalische Setzungen vermitteln uns Welt?

 

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„Für mich war es erleichternd und unheimlich, mir meiner zunehmenden Gerinnung gewahr zu werden. Ich fühlte mich von den Spuren, die ich hinterließ, umzingelt. Schnell wieder verflüssigen, dachte ich.“ (Joshua Groß, Prana Extrem, 2022, 131)
„Auf einmal wusste ich, wie Wilhelm Reich über erstarrte Emotionen gedacht hatte; dass sie sich im Körper ablegen würden, als Charakterpanzer[.]“ (ebd., 170)
„Die Übergänge waren unsichtbar geworden, und das ermöglichte uns Auflösung. Wir alle brauchten Auflösungen; wir wollten unsere Charakterpanzer öffnen.“ (ebd., 269)

Die von Siegmund Freud begründete klassische Psychoanalyse war seit Beginn in den 1890er Jahren mit Analysen literarischer Werke verknüpft: in den Texten Freuds werden klinische Untersuchungen mit psychoanalytischen Entschlüsselungsversuchen literarischer Werke verbunden. Charakter- und Symbolanalysen, die sich an den psychoanalytischen Analyseparametern Freuds orientieren, finden sich auch in den Abhandlungen einer dezidiert ‚psychoanalytischen Literaturwissenschaft‘ – aber nicht nur dort. Mit den Fortentwicklungen der Freud’schen Grundlagen (z.B. durch Jacques Lacan) entwickelten sich weitere tiefenpsychologische Zugänge zur Literatur, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wesentlichen Einfluss auf Literatur- und Kulturwissenschaft hatten.

Aber auch die Literatur selbst reflektiert und übernimmt psychoanalytische Theoriekonzepte seit Beginn des 20. Jahrhunderts (z.B. bei Thomas Mann oder Franziska zu Reventlow). Im Seminar wollen wir uns mit dieser Seite der Beziehung zwischen Literatur und Psychoanalyse beschäftigen: also weniger eine psychoanalytische Literaturwissenschaft betreiben, sondern uns vielmehr vornehmlich anschauen, ob und auf welche Weise psychoanalytische Theoriekonzepte in literarischen Werken verhandelt werden. In Fokus steht dabei die zeitgenössische deutschsprachige Gegenwartsliteratur: Wir werden uns in erster Linie auf das Werk Joshua Groß’ (*1989) fokussieren, aber vergleichend auch einen Blick auf Texte anderer Autor:innen werfen.

 

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Kann eine Erzählung ‚cute‘, ein Roman ‚nice‘ sein? Ist Literatur ‚gut‘ oder ‚wertvoll‘, weil sie ‚inklusiv‘ oder ‚divers‘ ist? Wie kommt es zu derartigen Zuschreibungen und was bedeutet eine solche Kategorisierung für den Status der Literatur? Mit diesen Fragen befassen sich derzeit virulente literaturwissenschaftliche Studien und Feuilleton-Debatten.

Im Seminar wollen wir uns ansehen, wie literarische Texte Erfahrung von Welt vermitteln: auf welche Register greifen sie zurück, welches Vokabular prägen sie. Wir analysieren, welche ästhetischen Kategorien sie vorschlagen, um aisthetische Erfahrungen zu artikulieren. Die literarischen Texte selbst sollen dabei ins Zentrum gestellt werden: Wie reflektieren sie das, was sie als ‚schön‘, ‚gelungen‘, ‚crisp‘‚ ‚cool‘, ‚nice‘‚ ‚juicy‘ usf. erachten und vermitteln?

 

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Forschung

  • deutschsprachige Gegenwartsliteratur
  • Schreibweisen der Gegenwart
  • Gegenwartsästhetiken
  • ästhetische Kategorien

Arbeitstitel: Our aesthetic categories. Ästhetische Selbstbeschreibung und aisthetische Register in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur“

 

Kann eine Erzählung ‚cute‘, ein Roman ‚nice‘ sein? Ist Literatur ‚gut‘ oder ‚wertvoll‘, weil sie ‚inklusiv‘ oder ‚divers‘ ist? Wie kommt es zu derartigen Zuschreibungen und was bedeutet eine solche Kategorisierung für den Status der Literatur? Die ‚Gegenwartsliteratur‘ ist häufig Exklusionsmechanismen eines akademischen und feuilletonistischen Diskurses ausgesetzt. Sind die Register, mit denen Werke ihre ästhetischen Programme konstituieren, nicht kompatibel mit dem, was als ‚wahre‘ und ‚gute‘ Kunst angesehen wird, muss es sich wohl um etwas anderes als Kunst handeln – z.B. Konsumprodukte zum Zweck der Unterhaltung oder moralischen Erbauung. Die (normative) Scheidung der Kunst in Hoch- und Populärkultur ist altbekannt, scheint beinahe überwunden und lässt sich derzeit doch wieder beobachten.

Die spannende Beobachtung, dass sich neue ästhetische Kategorien entwickelt haben, ist derzeit virulenten Studien und Debatten zu verdanken, aber die Frage nach ästhetischen Programmen lässt sich nicht normativ auf der Ebene der Unterscheidung zwischen Kunst und Nicht-Kunst beantworten, indem Kategorien von außen an die Texte herangetragen werden, sondern aus den Texten selbst: Was bieten die Texte selbst an? Wie vermitteln sie Erfahrung von Welt? Wie modellieren sie das Verhältnis von Literatur und Gegenwart? Nur so lassen sich, ohne die Verzerrungen und Blockaden normativer Vorannahmen, Vorschläge zur Beschreibung unseres gegenwärtigen Literatursystems machen.

Das Promotionsprojekt möchte herausfinden, warum die kurrenten ästhetischen Programmierungen literarischer Werke uneindeutiger hinsichtlich ihrer Zuschreibbarkeit zu einem autonomen Kunstsystem zu werden scheinen. Vor dem Hintergrund eines von formalistischen Verfahren und der Autonomieästhetik geprägten Kunstideals drängt sich die Schlussfolgerung auf, es schlichen sich außerliterarische Maßstäbe und Unterscheidungen in die Werke und deren Rezeption ein. Solche Irritationssymptome verweisen auf Transformationsprozesse, die sich in der Breite der Gegenwartsliteratur beobachten lassen. Die Exklusion bestimmter Werke ist eine Reaktion darauf, diese Texte nicht wie gewohnt einordnen zu können (oder zu wollen).

Um über gegenwartsliterarische Werke – und insofern über das literarische System – adäquat sprechen zu können, muss Arbeit an der Analyse ihrer immanenten Ästhetiken geleistet werden. In diesem genuin literaturwissenschaftlichen Projekt sollen Werke danach untersucht werden, welche ästhetischen Kategorien sie vorschlagen, um aisthetische Erfahrungen zu artikulieren. Deshalb werden die Selbstprogrammierungen deutschsprachiger Gegenwartsliteratur beobachtet. Die literarischen Texte selbst sollen ins Zentrum gestellt werden: Wie reflektieren sie das, was sie als ‚schön‘, ‚gelungen‘, ‚crisp‘‚ ‚cool‘, ‚nice‘‚ ‚juicy‘ usf. erachten und vermitteln? Wie lassen sich die an ihnen erarbeiteten Kategorien und Semantiken über einzelne Werke hinaus systematisieren?

Tagungen, Vortäge etc.

Tagung „Schreiben als Un-Ordnen in der Literatur ab dem 20. Jahrhundert“

8.10.2025 – 10.10.2025, Humboldt-Universität zu Berlin

„‚umstellt von Unverständlichkeiten‘. Verfahren der Störung chronologischer Ordnungsstrukturen in Roman Ehrlichs Malé (2020)“

weitere Informationen

Studium

2013-2017
Bachelorstudium Universität Siegen
Literatur, Kultur, Medien
Sozialwissenschaften

2017-2023
Masterstudium Universität Siegen
Literaturwissenschaft: Literatur, Kultur, Medien (Germanistik: Schwerpunkt Neuere deutsche Literaturwissenschaft)

 

Stipendien

2018-2020
Masterstipendium
im Rahmen des Exzellenzprogramms der Young Academy des House of Young Talents der Universität Siegen

 

akademische Laufbahn

2015-2023
Studentische Hilfskraft (SHK) und Wissenschaftliche Hilfkraft mit Bachelorabschluss (WHB)
bei Univ.-Prof. Dr. Niels Werber und Dr. Matthias Schaffrick

2023-2024
Wissenschaftliche Hilfskraft (WHK)
im SFB 1472 Transformationen des Populären, Teilprojekt A01 "Serienpolitik der Popästhetik"

2024
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Germanistisches Seminar, Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft
bei Univ.-Prof. Dr. Maren Lickhardt

seit 2025
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Germanistisches Seminar, Neuere deutsche Literaturwissenschaft I
bei Univ.-Prof. Dr. Niels Werber

  • Deutscher Germanistenverband