Gelati per tutti? Öffentlicher Eisgenuss und die Wissensräume des Verkaufs, der Vermarktung und des Verzehrs (ca. 1870–1950)
Projektstatus: laufend
Gefördert durch: Gerda Henkel Stiftung
Das Forschungsprojekt nutzt den öffentlichen Konsum von Speiseeis als analytische Sonde, um die Entwicklung, Aushandlung und Aneignung von Wissen im Übergang zur Moderne zu untersuchen. Damit erschließt sich eine neue, alltagsgeschichtliche Perspektive auf die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft und die damit verbundenen Kämpfe um Teilhabe, Sichtbarkeit und Mitsprache in der industriellen Lebenswelt. Im Zentrum der Untersuchung steht der urbane Straßenhandel, der den Eisgenuss ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem Massenphänomen machte. Auf der Basis von neu erschlossenen, reichhaltigen Quellenbeständen werden wissensbasierte Praktiken der Popularisierung und Reglementierung auf drei Untersuchungsebenen verortet:
In einem ersten Schritt rekonstruiert das Projekt die zunehmende Verbreitung von Eiswagen und Eisdielen im materiellen Raum. Die Aufmerksamkeit richtet sich dabei einerseits auf interregionale Wissenstransfers innerhalb des deutschen Nationalstaats unter Einbeziehung von Österreich-Ungarn und Italien, andererseits auf die kleinräumige Ausweitung des Eisverkaufs auf öffentlichen Straßen und Plätzen innerhalb des Stadtraums. Auf diese Weise werden Akteure und Netzwerke identifiziert, die Wissen über nationale und regionale Grenzen hinweg verbreiteten.
In einem zweiten Schritt geht es um die Aushandlung von Konflikten im sozialen Raum. Mobile Gewerbetreibende verkauften ihre Ware in der Innenstadt, an Ausflugszielen und Sportplätzen, vor Schulen und Fabriken. Sie traten damit in Konkurrenz zu Cafés und Konditoreien, erschlossen neue Konsumräume und Zielgruppen, veränderten das Stadtbild und machten Genuss zu einer öffentlich sichtbaren Angelegenheit. Damit einher gingen vielfältige Debatten und Konflikte um Hygiene und Gesundheit, Wettbewerb und Gewerbefreiheit, Vergnügen und Sittlichkeit. Das Projekt nimmt diese Dynamik in den Blick und fragt nach dem jeweils spezifischen Wissen von Gewerbetreibenden und Verwaltungsbeamten, Konsumierenden und Konsumkritikern.
In einem dritten Schritt werden kulturelle Leitbilder und Ordnungsvorstellungen untersucht, die den Eiskonsum begleiteten, begrenzten oder vorantrieben. Dazu gehörten hoffnungsvolle Bilder von Wohlstand und Friedlichkeit, aber auch kulturkritische Warnungen vor Krankheit, Kriminalität und Materialismus. Das Projekt ordnet diese Deutungsmuster in zeitgenössische Diskurse ein und fragt nach ihrer handlungsleitenden Bedeutung im kommunalen Konfliktfeld.