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Web 2.0 und Geschichtswissenschaft: "Social Networking" als Herausforderung und Paradigma

Tagungsort: Siegen, Artur Woll Haus

Beginn: 9. Oktober 2009, 14:00 Uhr

Ende: 10. Oktober 2009, 14:00 Uhr

Ziel der Tagung

Ziel der Tagung ist es, das "Web 2.0" auf seine funktionale Bedeutung für geschichtswissenschaftliche Lehr- und Forschungsprozesse zu justieren. Dies soll unter zwei leitenden Perspektiven geschehen.

  • Zum einen sollen die bereits vorhandenen Erfahrungen mit "Social-Network-Anwendungen" vorgestellt werden. Dabei steht die Frage im Vordergrund, ob und inwieweit mit den neuen technischen Plattformen eine veränderte geschichtswissenschaftliche Lehr- und Forschungskultur einhergeht.
  • Zum anderen soll danach gefragt werden, ob und inwieweit geschichtswissenschaftliche "Social-Network-Anwendungen" ein neuartiges Paradigma für Lehr- und Forschungsprozesse darstellen.

 

Grafik Web 2.0

1) Web 2.0 und Geschichtswissenschaft – ein komplexer Zusammenhang

Die historische Fachinformatik hat sich in den letzten Jahren verstärkt mit dem Web 2.0 auseinandergesetzt. Die Sektion über "Kollaboratives Schreiben, Lehren und Lernen" auf der .hist2006-Tagung in Berlin und das Projekt "Zeitgeschichte online – Docupedia" belegen nachdrücklich, dass eine theoretische Auseinandersetzung und eine methodisch fundierte Erprobung von "kollaborativen Systemen Eingang in die Geschichtswissenschaft gefunden haben.

Die Charakteristika der mit dem Begriff Web 2.0 umrissenen Konzeptionen und Internetanwendungen sind nicht exakt festgelegt, jedoch gibt es eine Reihe an "Schlüsselprinzipien", welche Web 2.0-Anwendungen und die mit ihnen verbundenen Arbeitsweisen beschreiben.

Das Web 2.0 steht "für eine Reihe interaktiver und kollaborativer Elemente des Internets". Es bezieht sich weniger auf spezifische Technologien oder Innovationen, sondern primär auf eine veränderte Nutzung und Wahrnehmung des Internets. Ein zentraler Aspekt besteht dabei darin, dass die Benutzer Inhalte in quantitativ und qualitativ entscheidendem Maße selbst erstellen und bearbeiten. Individuen vernetzen sich in einer großen Anzahl mit Hilfe sozialer Software untereinander und kommunizieren und kollaborieren auf diese Weise. Web 2.0 bedeutet also, dass sich Individuen mit Hilfe von "kollaborativer Software" Plattformen im Internet generieren, mit denen sie Inhalte gestalten und so mit anderen Individuen an "gemeinsamen Projekten" arbeiten und insbesondere kommunikative Komponenten nutzen. Im Kern ist das Web 2.0 demnach ein "Mitmach-Web".

Das "Mitmach-Web" beinhaltet zwei Komponenten, welche die Geschichtswissenschaftlich zentral tangieren. Zum einen verortet sich in ihm die Philosophie des "Sharing knowledge", welche fundamental für (geschichts-)wissenschaftliche Diskurse ist. Zum anderen aber löst sich in ihm die vormals eindeutige Beziehung zwischen einem Text und seinem Autor auf, Texte erfahren eine stilistische und inhaltliche Dynamik, deren Substanz durch das Regelwerk bestimmt ist, das dem "social network" gewissermaßen als dessen Verfassung zu Grunde liegt. Kurzum: Der (geschichts-) wissenschaftliche Autor hat in Web 2.0-Plattformen ein grundlegend neuartiges Verhältnis zu den von ihm verfassten wissenschaftlichen Texten einzunehmen.

Zur Erklärung des Web 2.0 vgl.: Michael Wesch: Web 2.0 ... The Machine is Us/ing Us, in: YouTube, 31.01.2007, URL www.youtube.com/watch?v=6gmP4nk0EOE.


2) Leitfragen der Tagung

  1. Theoretische und methodologische Probleme von „social networks“ in der Geschichtswissenschaft – Vom Nutzen und Nachteil der "social networks"
  2. Konzeption und Implementierung von "Social-Software" in der Geschichtswissenschaft – Erfahrungen und Beispielprojekte
  3. "Knowledge Sharing Using Social Media" als neues Paradigma geschichtswissenschaftlichen Arbeitens?
  4. "Social networks" als neue Pfade historischen Lernens?

Programm und Ablauf der Tagung

9. Oktober 2009

  • 14:00 Uhr 
    Angela Schwarz (Siegen): 
    Begrüßung und Eröffnung
  • 14:15 Uhr 
    Rüdiger Hohls / Jürgen Danyel (Berlin): 
    Docupedia-Zeitgeschichte: Werkstattbericht zu einem Web 2.0 Publikationsmodell
  • 15.15 Uhr 
    Jürgen Beine (Siegen): 
    Wikis als Herausforderung für die Geschichtswissenschaft
  • 16.15 Uhr 
    Kaffeepause
  • 16.45 Uhr 
    Patrick Sahle (Postdam): 
    Das Archiv als virtualisierte Forschungsumgebung?
  • 17.45 Uhr 
    Gregor Horstkemper (München): 
    Eine verzopfte Zunft auf dem Weg zur Bibliothek 2.0? Neue Rollenverteilungen zwischen Bibliotheken und "social communities" beim Aufbau geschichtswissenschaftlich relevanter Online-Angebote
  • 19.00 Uhr 
    Abendessen

10. Oktober 2009

  • 9.30 Uhr 
    Richard Heigl (Regensburg): 
    Wikis und Blogs als neue wissenschaftliche Arbeitsinstrumente
  • 10:30 Uhr 
    Peter Haber (Basel): 
    Geschichte schreiben in digitalen Zeiten
  • 11.30 Uhr 
    Kaffeepause
  • 12.00 Uhr 
    Manfred Thaller (Köln): 
    Das Ende des Kanons: Drohungen und Hoffnungen
  • 13:00 Uhr 
    Abschlussdiskussion

Quelle: Jan Pasternak: Web 2.0 und Geschichtswissenschaft. „Social Networking“ als Herausforderung und Paradigma, Tagung vom 9. bis 10. Oktober 2009 an der Universität Siegen, in H-Soz-u-Kult, Tagungsberichte, 28.11.2009, URL: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-121512

Im Zeitalter des Internets erscheint die Welt multimedialer und interaktiver als noch vor fünfzehn oder zwanzig Jahren. Das gilt ebenso für das Medium des World Wide Web, hier umso mehr, als dass sich dieser Bereich in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort des Web 2.0 deutlich weiter entwickelt hat. Das Internet wird zu einem „Mitmach-Web“ für jedermann. Die Entwicklung macht auch vor der Geschichtswissenschaft nicht halt, zumal Geschichte in popularisierter Form bereits seit vielen Jahren und in vielen Medien, nicht zuletzt im Internet, eine bedeutende Rolle spielt. Dass dies für die etablierte Fachwissenschaft eine Herausforderung sein kann, der man sich stellen sollte, postulierte diese Tagung speziell zum Thema „Web 2.0 und Geschichtswissenschaft“ schon im Untertitel: Das „Social Networking“ war, so das Anliegen der Veranstalter, in seinem ganzen ambivalenten Potenzial als Herausforderung und als Paradigma zu sehen.

Daher trafen sich am 9. und 10. Oktober 2009 an der Universität Siegen Vertreterinnen und Vertreter aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft und einiger Nachbardisziplinen, um das Phänomen des Web 2.0 und seine Bedeutung für die Zukunft geschichtswissenschaftlichen Arbeitens zu diskutieren. Schon in der Eröffnung machte ANGELA SCHWARZ (Siegen) deutlich, dass an einer intensiveren Beschäftigung mit der Materie kaum ein Weg vorbeiführen könne. Sie verwies dabei zum einen auf die wissenschaftlichen Projekte, die digital über das World Wide Web bereits nutzbar sind, seien es museale Aufbereitungen von Geschichte oder digitale Buch- und Quelleneditionen. Dabei, so Schwarz, seien diese aber vielfach noch nicht mit den Techniken des Web 2.0 realisiert worden, sondern nutzen ältere Methoden. Zum anderen zeigte sie auf, dass es inzwischen eine Vielfalt von Geschichte im Netz gebe, dass es viele Nutzerinnen und Nutzer gebe, die bei den großen Community-Portalen, etwa der Enzyklopädie Wikipedia, der Videoplattform YouTube oder dem Bilderdienst Flickr „ihre“ Geschichte in Form von Texten, Filmen oder Bildern schreiben. Sie verwendeten diese Portale wie auch andere Angebote des Internets in der Weise, selbst wenn diese nicht ausschließlich zu dem Zweck konzipiert wurden, Geschichte zu präsentieren. Daraus folgerte die Veranstalterin die Notwendigkeit, dass sich die Geschichtswissenschaft mit der digitalen Aufbereitung von Geschichte im Rahmen des Web 2.0 verstärkt zu befassen habe und betonte die Wichtigkeit des Austausches zwischen der Geschichtswissenschaft, dem Archiv- und Bibliothekswesen wie der (populären) Geschichtsvermittlung generell.

RÜDIGER HOHLS (Berlin) legte einen Werkstattbericht zum derzeit laufenden Projekt Docupedia-Zeitgeschichte vor. Das Projekt stützt sich auf Mechanismen des Web 2.0, um ein elektronisches Handbuch zur aktuellen Forschung im Bereich der Zeitgeschichte zu schaffen, dass aus fachwissenschaftlichen Artikeln, Mediendaten und Dokumenten bestehen soll. Durch den Verzicht darauf, eine Enzyklopädie sein zu wollen, erfolgt eine Abgrenzung in Richtung der Wikipedia, die aber keine Ablehnung bedeute, sondern lediglich der Zielsetzung des Projektes entspreche. Dazu zähle, so Hohls weiter, auch die Betonung der Rolle der Autorin oder des Autors. Das Autorenkollektiv, das dem Web 2.0 zu eigen ist, werde im Docupedia-Projekt zugunsten eines Autoren-Herausgeber-Modells abgeschwächt. Die Autorin bzw. der Autor bleibe mit seinem Text verbunden, dieser werde aber in der „Community“ der „Herausgeberinnen und Herausgeber“ (eine Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern außerhalb der eigentlichen Redaktion des Projekts, die die eingereichten Texte begutachten) diskutiert und kommentiert. Damit stehe der Schaffensprozess bei der Docupedia stark in der Tradition der klassischen Fachwissenschaft, die man zudem nicht so ohne Weiteres aushebeln könne, so Hohls. Letztlich resultiere daraus, das zeigte auch die Diskussion, in der der Begriff vom „Web 1.5“ fiel, ein Projekt, das mit modernen Methoden der Zusammenarbeit via Internet ein traditionelles und bewährtes Publikationsmodell zeitgemäß umsetze. Der große Vorteil liege darin, die Gruppen von Autorinnen und Autoren und Herausgeberinnen und Herausgebern immer wieder erweitern und bestehende Texte schneller den aktuellen Entwicklungen der Forschung anpassen zu können, als dies bei herkömmlichen Publikationsformen möglich wäre.

Einen Schritt weiter ging JÜRGEN BEINE (Siegen), der sich der Frage nach einer wissenschaftlichen Nutzung von bestehenden Web 2.0-Systemen wie den von der Wikimedia Foundation geschaffenen Wiki-Plattformen widmete. Dabei stand neben der Wikipedia als Enzyklopädie, zu der in den vergangenen Jahren doch immer häufiger auch Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler Artikel beisteuerten, was von Seiten der Verantwortlichen ausdrücklich gewünscht werde und bereits ansatzweise zu einer Verwissenschaftlichung von Wikipedia geführt habe, vor allem das Projekt Wikisource im Blickpunkt. In dieser kollaborativen Quellenedition ließen sich laut Beine eigene Editionsprojekte von bislang nicht edierten historischen Quellen durchführen. Wesentlich seien die Standards, die von Wikisource an ein solches Projekt gelegt würden. Dabei würden vor allem die beiden verpflichtenden Korrekturdurchgänge durch die Community und die anschließende Sperrung des Inhalts gegenüber weiteren Änderungen (anders als in der Wikipedia, in der Artikel immer wieder überarbeitet werden können) zu einer stärker wissenschaftlichen Ausrichtung des Projekts beitragen. Dennoch sei das Ziel, eine größere Quellensammlung auf diesem Wege bereitzustellen, schwierig, denn selbst wenn die Quellen generell über Wikisource zitierfähig wären, fehlten noch die Möglichkeiten, mehrere Einzelquellen thematisch zusammenzufassen und in Form eines Portals in Analogie zu den Themenportalen der Wikipedia aufzubereiten und zusammenhängend zu kommentieren.

Über die reine Möglichkeit hinaus, einzelne Quellen digital zu archivieren, ging der Beitrag zum Archiv als virtualisierter Forschungsumgebung von PATRICK SAHLE (Köln). Verbunden mit dem Idealbild einer vollständigen Digitalisierung allen Archivgutes, skizzierte der Vortrag den aktuellen Stand in der Archivlandschaft. Mit Blick auf die Bibliotheken, deren Bestände inzwischen fast flächendeckend online verfügbar seien, würden Archive nur in einem sehr geringen Ausmaß Findmittel online zur Verfügung stellen, obwohl die notwendigen Standards und Schnittstellen vorhanden seien. Darüber hinaus verwies Sahle auf die ersten Versuche, Archivmaterial digital verfügbar zu machen, wobei es zur Zusammenarbeit zwischen Archiven und Anbietern von Web 2.0-Diensten komme, etwa bei Bildbeständen des Bundesarchivs, die über die Wikimedia Foundation auf deren Plattformen verfügbar gemacht werden. In diesen Fällen finde gar eine Bereicherung für die Archive statt, da die Community zusätzliche Informationen zu den Materialien liefern könne, die von den Archiven wiederum für die eigene Kategorisierung genutzt werden könnten. Die Einbeziehung der Community im Sinne des Web 2.0-Gedankens sei angesichts der Massen an Material unumgänglich, wenn eine vollständige Digitalisierung der Archivbestände erreicht werden soll. An diesem Punkt kam in der Diskussion die Frage auf, inwieweit solche Maximalforderungen bezüglich der Archivierung realisierbar seien, wodurch die unterschiedlichen Sichtweisen in der Herangehensweise an das Problem bei gleicher Zielsetzung deutlich wurden: Den maximalen Forderungen auf der einen Seite standen die Vertreterinnen und Vertreter einer Schritt-für-Schritt Vorgehensweise gegenüber, was am generellen Ansinnen, eine möglich vielfältige und umfassende Landschaft digitaler Archive zu schaffen, nichts änderte.

Zum Abschluss des ersten Tages warf GREGOR HORSTKEMPER (München) noch einen Blick auf die Bibliothek 2.0 und damit die Zukunft des Bibliothekswesens im digitalen Zeitalter und dessen Bedeutung für die Geschichtswissenschaft. Dabei nahm er vor allem die bereits laufenden Digitalisierungsprojekte der verschiedenen Sondersammlungen in deutschen Bibliotheken in den Blick und warf die Frage auf, ob derartige Unternehmungen, die es schon seit längerem gebe nun im Zeitalter des Web 2.0 „out“ seien. Zugespitzt auf die Grundsatzentscheidung zwischen der Qualität der wissenschaftlichen Autorin oder des Autors und der „Weisheit der Masse“, erläuterte Horstkemper die Möglichkeiten der Bibliotheken, bei der Digitalisierung mit Usergruppen zusammenarbeiten zu können. Seiner Ansicht nach werde dies vor allem bei älteren Texten zu Problemen führen, da beispielsweise der Sondersammlungsbereich der Bayerischen Staatsbibliothek von Drucken aus dem 16. Jahrhundert für die meisten Webnutzergruppen kaum erschließbar sei. Dennoch sei eine „Public History“ generell wichtig und sinnvoll. Da aber Qualität in jedem Fall an erster Stelle stehen müsse, seien die Einsatzmöglichkeiten solcher Web 2.0-Technologien nach Lage der Dinge schwer abzuschätzen. Allerdings seien größere Netzwerke eher geeignet, kleine und mittlere Aufgaben zu bewältigen und dabei viel Material zu verarbeiten. Komplexere Aufgaben seien eher von kleinen Expertenteams zu lösen.

Am Folgetag standen die Arbeitsmethoden für Historikerinnen und Historiker im Blickpunkt. RICHARD HEIGL (Regensburg) demonstrierte am Beispiel des Projektes „Kritische Geschichte“ wie sich Wikis und Blogs von der Zunft als Arbeitsinstrumente nutzen lassen und welche Konsequenzen sich daraus ergeben können. Heigl führte an, dass im Zuge einer immer stärkeren Vernetzung der einzelnen Systeme das Blog vor allem für die Erreichbarkeit der eigenen Plattform wesentlich sei, zumal Blogs von Suchmaschinen bevorzugt angezeigt würden. Für die Präsentation von Inhalten seien die Wikis hingegen besser geeignet, doch würden sie der Nutzerin und dem Nutzer ihre Eigenlogik aufdrängen, die diese Art von Publikationssystem eben mit sich bringe. Für die Autorin, den Autor werde die Frage der Relevanz eines Beitrages bedeutsamer: Braucht dieser oder jener Aspekt einen eigenen Eintrag oder lässt er sich anderweitig zuordnen, wäre nur eine der Fragen, die sich in dem Zusammenhang stellten. Wesentlicher sei für die Geschichtswissenschaft aber noch die Unfertigkeit der Beiträge, die jederzeit von jedermann erweitert oder bearbeitet werden könnten, also keineswegs fertig sein müssen, wenn sie erstmals eingestellt werden. Blogs hingegen böten eine Möglichkeit der schnellen Kommunikation unter Fachleuten zum Austausch über aktuelle Forschungen und zum Auffinden von aktuellen Forschungsschwerpunkten oder laufenden Forschungsvorhaben. Auf diese Weise entstehe eine neue Form bereits seit langem bekannter Netzwerke, die den Vorteil einer höheren Verbreitungsgeschwindigkeit und Erreichbarkeit mit sich bringe. Daneben könne sich eine Art neuer Expertenkultur entwickeln, die in kürzerer und leicht verständlicher Form über Wikis neue Forschungsergebnisse publiziert, eine Ergänzung zu den bisherigen fachwissenschaftlichen Aufsätzen.

Um den Arbeitsplatz von Historikerinnen und Historikern in digitalen Zeiten ging es im Beitrag von PETER HABER (Basel). Er stellte anschaulich das Berufsfeld der Zunft im aktuellen Wandlungsprozess dar. Auf allen Ebenen der wissenschaftlichen Arbeit gebe es erkennbare Wandlungsprozesse, die längst ein Teil der täglichen Arbeit geworden seien, wie etwa die Suche nach Literatur in digitalen Bibliotheken, die viel schneller eine erheblich größere Zahl an brauchbaren Treffern liefere als frühere Methoden in der Literaturrecherche – und in der Folge zum Problem einer wahren Literaturflut führe. Auch im Bereich der Quellen komme eine neue Herausforderung auf Forscherinnen und Forscher zu, denn originär digitale Quellen kennen das Original im herkömmlichen Sinne nicht mehr, so dass insbesondere bei der Frage der Authentizität noch große Fragezeichen stehen blieben. Für webbasierte Publikationsformen müsse zudem eine neue Schreibkultur in der Geschichtswissenschaft entstehen, die deutlich pointierter argumentiert, als dies in Aufsätzen oder gar Monographien möglich sei. Dennoch werde sich, so Haber weiter, in absehbarer Zeit nichts an der Bedeutung der schriftlichen Publikation ändern. Die wissenschaftliche Monographie bleibe das Maß aller Dinge, aber neue Formen digitalen Schreibens kämen ergänzend hinzu, so wie dies schon in den zahlreichen Onlinerezensionen zu sehen sei, die nicht mehr über wissenschaftliche Zeitschriften, sondern über Portale wie H-Soz-u-Kult publiziert und rezipiert würden. Dazu zähle auch das verstärkte kollaborative Verfassen von Texten, was zwar keineswegs neu sei, doch mit den Möglichkeiten der Online-Zusammenarbeit sehr viel effizienter möglich sei, vor allem, wenn die Zahl der beteiligten Autorinnen und Autoren drei übersteige. Es werde mit Blick auf die Zukunft keinen radikalen Umbruch in den wissenschaftlichen Arbeitsweisen geben, aber durchaus signifikante Veränderungen in bestimmten Bereichen, so das Fazit des facettenreichen Beitrags.

Das „Ende des Kanons“ setzte MANFRED THALLER (Köln), der unter diesem Titel die Entwicklungen und Potentiale der digitalen Welt und ihrer Bedeutung für die Geschichtswissenschaft noch einmal zusammenfasste. Dazu griff Thaller noch einmal verschiedene Aspekte der Thematik auf und veranschaulichte anhand zahlreicher unterschiedlicher Beispiele die generelle Problematik. Ein Kernpunkt aber sei und bliebe die Edition von Quellen, deren digitale Variante schon in diversen Projekten erprobt sei, dort stets auf Basis eines Rollensystems, das den Einsatz wissenschaftlicher Laien in der Edition ohne spürbare Qualitätsverluste ermögliche. Doch ebne die Digitalisierung zugleich einer viel schnelleren Arbeitsfolge den Weg, wenn sie in einem offenen Prozess erfolge, die Parallelisierung der Zeitabfolge in der digitalen Erschießung ermögliche, was auf analogem Wege bislang nicht möglich war. Dadurch werde die Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Nutzerinnen und Nutzern der Quellen und ihren traditionellen Rollen verwischt. Das Ergebnis sei dann im Idealfall eine schnelle und bessere Wechselbeziehung zwischen den Beteiligten, die eine effizientere Erschließung der Quellen ermögliche. Nähme man Wissenschaft als eine Kommunikationsform, so könnte man die Wikipedia von heute in der Tradition der Royal Society sehen, die anfangs selbst eine Gesellschaft von Laien war, die ein wissenschaftliches Interesse teilten. Wichtig sei nicht, so Thaller, wer etwas sage, sondern was gesagt und wie dazu argumentiert werde. Divergierende Meinungen seien in einer Wissenschaft wie der Geschichte wichtig, sofern sie als solche klar erkennbar seien.

Am Ende blieb die Frage offen, ob mit dem „Mitmach-Web“ nun eine neue Epoche für die Wissenschaft eingeläutet werde oder ob man mit der Betrachtung seiner Chancen und Grenzen „nur“ wieder einen Schritt weiter gekommen sei. Doch im Grunde ist die Antwort darauf zweitrangig. Die Tagung konnte sehr wohl zeigen, was sich an Entwicklungen im Bereich eines weitergefassten Web 2.0 auftun und dass diese nicht unerhebliche Konsequenzen für die Geschichtswissenschaft haben werden. In der abschließenden Diskussion herrschte Einigkeit darüber, die begonnen Betrachtungen fortzusetzen und weiter zu diskutieren, natürlich – ganz im Sinne des Web 2.0 – in Form eines Wikis und öffentlich im Netz. Inwieweit dieses Vorgehen Wirkung zeigen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht abgesehen werden – das „Experiment“ läuft noch.[1] Sollten die als „Siegener Thesen“ bezeichneten ersten Ergebnisse im Verlauf der weiteren Diskussion zu weiteren Entwicklungen führen, so würde man sich, auch daran bestand Konsens, zu weiteren Tagungen rund um das Thema Web 2.0 und Geschichtswissenschaft zusammenfinden.

[1] Vgl. „Siegener Thesen“, in: Histnet Wiki, <http://wiki.histnet.ch/index.php/Siegener_Thesen> (Seite offline).