Wessen Fragen, wessen Antworten? – Perspektiven auf die Schnittstelle zwischen Behindertenforschung und Aktivismus
Behindertenforschung und Behindertenaktivismus pflegen seit langem eine produktive, wenn auch nicht immer unproblematische Beziehung. Aktivistische Bewegungen haben maßgeblich geprägt, welche Fragen die Behindertenforschung stellt, wie sie diese stellt und wer sie stellen darf. Gleichzeitig hat die Forschung den Bewegungen Konzepte, Argumente und Sichtbarkeit verschafft, dabei jedoch mitunter genau jene Hierarchien reproduziert, die sie eigentlich in Frage stellen wollte.
Im Zentrum dieser Spannung steht die Frage nach dem Wissen: Wer produziert es, unter welchen Bedingungen und in wessen Interesse? Während partizipative und emanzipatorische Forschungsansätze darauf abzielen, Menschen mit Behinderungen von passiven Untersuchungsobjekten zu aktiven Mitforschenden und Wissensproduzenten umzudefinieren, bleiben Fragen nach Macht, Ressourcen und Rechenschaftspflicht bestehen. Ähnliche Ambivalenzen entstehen, wenn sich die Forschung dem Behindertenaktivismus und der Selbstvertretung selbst zuwendet: Sie kann die Stimmen derjenigen verstärken, die bereits organisiert und sichtbar sind, Advocacy-Bemühungen akademische Autorität verleihen oder politische Ausgrenzung aufdecken – während sie gleichzeitig Gefahr läuft, Hierarchien zwischen etablierteren und weniger etablierten Formen der Selbstvertretung zu reproduzieren oder sogar zu bestimmen, welche Formen des Aktivismus überhaupt als legitim gelten. Und während Forschung und Aktivismus sich gegenseitig befruchten mögen, werden die Vorteile dieses Austauschs – Sichtbarkeit, Ressourcen und Glaubwürdigkeit – selten gleichmäßig verteilt.
Betrachtet man diese Dynamiken aus einer internationalen Perspektive, erhält die Diskussion eine weitere Ebene. Die Behindertenforschung als akademische Disziplin entwickelte sich vor allem in Westeuropa und Nordamerika. Ihre grundlegenden Rahmenkonzepte beinhalten kulturelle und politische Annahmen, die nicht unhinterfragt hingenommen werden, sondern zunehmend von Behindertenforscher*innen weltweit hinterfragt werden, die ihre Universalität in Frage stellen und sich auf unterschiedliche Konstruktionen des Individuums, der Gemeinschaft und der gegenseitigen Abhängigkeit stützen, um alternative Verständnisse von Behinderung, Gerechtigkeit und Solidarität zu artikulieren. Gleichzeitig haben sich sowohl Forschung als auch Aktivismus oft in regionalen und nationalen Kontexten entwickelt, und die Frage, wie echte transnationale Solidarität – über unterschiedliche politische Realitäten, Ressourcen und Traditionen hinweg – aussehen könnte, bleibt offen.
Prof. Dr. Tsitsi Chataika, Dr. Šárka Káňová und Prof. Dr. Jan Šiška werden kurze Einblicke in den Zusammenhang zwischen Behindertenforschung und Aktivismus geben und die Teilnehmenden zu einem offenen und interaktiven Austausch über die verschiedenen Facetten des Themas einladen. Im Anschluss an die Veranstaltung sind alle Teilnehmenden herzlich eingeladen, noch zu bleiben und den Austausch bei Snacks und Getränken fortzusetzen.
Alles auf einen Blick
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Bitte beachten Sie:
Die hybride Vorveranstaltung findet vollständig in englischer Sprache statt. Die Teilnahme ist kostenlos.