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Obwohl die allermeisten Menschen niemals in einem CIA-Foltergefängnis waren, haben sie doch ein Bild im Kopf, wie es dort zugeht – dank einschlägiger TV-Serien wie »24« oder »Homeland«. Obwohl eine Reise in die Vergangenheit unmöglich ist, meinen wir doch zu glauben, wie es damals war – weil wir historische Romane wie »Der Medicus« oder »Der Name der Rose« gelesen haben.
»Produkte der Populärkultur üben einen starken Einfluss auf unser Bild von Gesellschaft aus«, sagt Prof. Dr. Niels Werber, Sprecher der Sonderforschungsstelle »Populäre Kulturen« an der Universität Siegen. Dieser Einfluss betreffe nicht nur die Kunstsparten und Medien, sondern reiche mittlerweile weit hinein in die Welten von Politik, Medizin und Wirtschaft. Und dennoch habe nicht nur in der kulturellen Elite, sondern auch in der Wissenschaft, lange Zeit unter Generalverdacht gestanden, was die breite Masse mochte: So etwas kann doch nicht gut sein! So etwas kann doch kein würdiger Forschungsgegenstand sein.
Der Literatur- und Medienwissenschaftler Nils Werber sieht das anders. In seiner 2015 eingerichteten Sonderforschungsstelle arbeiten Forschende unterschiedlichster Fachrichtungen zusammen, um sich interdisziplinär dem Phänomen der populären Kultur zu nähern. Eine elementare Frage, die sich dabei stellt: Wie ist der Begriff »populär« heute zu verstehen?
Harry Potter und Hulk als Forschungsgegenstände
»Das Populäre, also das, was die Masse, den Pöbel, begeisterte, wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als etwas gesehen, das im Gegensatz zur Hochkultur stand und per se als unwürdig und vulgär abgetan«, sagt Werber. Dies lässt sich nicht mehr halten, weil das Populäre, das große Beachtung findet, sich längst nicht mehr abtun lässt und Popularitätswerte selbst zu einer harten Währung geworden sind. »Wir wollen daher eine Forschung aufsetzen, die ihre populären Forschungsgegenstände genauso als wissenschaftliche Herausforderung versteht wie einen Kafka-Roman oder einen Tarkowski-Film.«
Zu Werbers Forschungsgegenständen zählen deshalb Harry Potter-Romane, Blockbuster-Superhelden- Filme wie »Hulk« und »Ant-Man«, oder die deutsche SciFi-Heftromanserie »Perry Rhodan«, die Werber auch persönlich am Herzen liegt. Von der populärsten Serie der deutschsprachigen Literaturgeschichte, die seit 1961 ununterbrochen erscheint, wurden Stand 2016 etwa zwei Milliarden Hefte verkauft. »Die enorme Popularität der Serie ist in der Forschung allerdings meist als Ausweis ihres kulturellen Unwerts gedeutet worden«, so Werber. »Man ist gar nicht auf die Idee gekommen, dass ›Perry Rhodan‹ auch für sich ein relevantes Universum in der Literatur sein könnte.«
Zeit dafür, das Populäre neu zu denken, ist es längst. Denn gar nicht so heimlich, still und leise habe sich der Wind gedreht – und die Konsequenzen seien überall in der Gesellschaft zu spüren: »Die Asymmetrie zwischen Hoch- und Massenkultur ist entscheidend unter Druck geraten – wenn sie sich nicht bereits komplett aufgelöst hat«, konstatiert Werber. Die kulturellen Spannungen, die sich hieraus ergeben, seien ein elementares Thema der Forschungsstelle.
Die Macht der Rankings
Ob Theater, Museen oder Universitäten – anders als noch im 19. Jahrhundert würden die alten Institutionen der Hochkultur, die früher Qualität definiert haben, heute hochgradig hinterfragt und müssten anhand ihrer Popularitätswerte rechtfertigen, dass ihre Angebote Beachtung verdienen. Ihre Herausforderer: Bestenlisten-Rankings, die das Internet beherrschen, schwer nachzuvollziehende Algorithmen, die unser Verhalten beeinflussen. »Wir gehen zum Arzt mit den besten Bewertungen bei Jameda, buchen das beliebteste Hotel bei Trip Advisor, orientieren uns auf Twitter an den Menschen mit den meisten Followern.«
Dadurch habe sich auch die Auffassung vom Populären selbst verändert. »Populär ist heutzutage erst einmal das, was Beachtung findet, was im quantitativen Sinn populär ist.« Diese Arbeitsdefinition der Forschungsstelle entkoppelt den Begriff von einer wertenden Einordnung, sieht ihn erst einmal ganz nüchtern.
Eine Nüchternheit, von der Werber glaubt, dass sie auch außerhalb der Literaturwissenschaft helfen könne, alte normative Reflexe zu vermeiden. Zum Beispiel in der Politikwissenschaft: »Dort gelten Populisten ja erst einmal als Leute, die etwas falsch machen, die die Spielregeln der Demokratie verletzen. Und ihre Anhänger stehen als ›verblendetes und manipulierbares Pack‹ im Gegensatz zu einer moralisch überlegenen, aufgeklärten Elite.« Gerade dieses Verfallen in die alte, hierarchische Asymmetrie führe aber in eine Sackgasse. Es sei auffällig, so Werber, dass hohe Popularität fast überall als erstrebenswert gelte. Der vordere Platz im Ranking wird geschätzt. Wenn man sich aber danach umschaue, was hohe Popularität aufweise, aber keine Beachtung finden solle, dann kämen sofort Populismen in den Blick. Die Siegener ForscherInnen untersuchen daher etwa den Populismus Donald Trumps als Fall unerwünschter Popularität. Die millionenfache Beachtung Trumps wird von seinen vielen Fans als Ausweis der Legitimität ihrer politischen Position angesehen, von allen anderen aber als Bedrohung.
Dass möglichst hohe Popularität zunehmend als einziger Qualitätsmesser herangezogen wird, fordere unsere Kultur massiv heraus, meint Werber: »Ist der Bestseller auf Platz 1 wirklich das qualitativ beste Buch? In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, welche Instanz heutzutage festlegen kann und soll, was qualitativ gut ist und was schlecht.«
Das neu auszuhandeln sei eine der großen Herausforderungen unserer Generation, glaubt Werber. Man werde sich nicht den Algorithmen der Popularitätsermittlung überlassen wollen, die auf allen digitalen Plattformen unermüdlich feststellen und mitteilen, was populär ist (ein Film, ein Buch, eine Aktie, ein Tweet, eine Politikerin) und daher beachtet werden sollen. Ignoriert werden können diese Werte aber auch nicht – nicht einmal von etablierten Institutionen der Hochkultur. Sicher bleibt am Ende nur eins: Die Debatte bleibt spannend.