Forschung
Forschungsbericht: IKT-gestütztes Frühwarnsystem zur Minderung von Mensch–Löwen-Konflikten in Botswana
Dieses Projekt befasst sich mit Mensch–Wildtier-Konflikten (Human–Wildlife Conflict, HWC) zwischen ländlichen Gemeinschaften und frei lebenden Löwen im Okavango-Delta in Botswana. In dieser Region stellen Übergriffe von Löwen auf Nutztiere eine ernsthafte Bedrohung für lokale Lebensgrundlagen dar und führen häufig zu Vergeltungstötungen von Löwen. Das Projekt wurde in Zusammenarbeit mit der Naturschutzorganisation CLAWS Conservancy und lokalen Gemeinschaften entwickelt, mit dem Ziel, Konflikte mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zu reduzieren.
Die zentrale Intervention ist ein IKT-gestütztes Frühwarnsystem, das Gemeinschaften benachrichtigt, wenn sich GPS-besenderte Löwen Weideflächen oder Dörfern nähern. Das System integriert biologische Daten (Bewegungsmuster der Löwen), räumliche Informationen (virtuelle Geofences) sowie Kommunikationstechnologien, um Landwirtinnen und Viehhalterinnen nahezu in Echtzeit zu warnen. Diese Warnungen ermöglichen vorbeugende Maßnahmen, etwa das Verbringen von Vieh, eine erhöhte menschliche Präsenz oder die Verstärkung von Gehegen, bevor es zu Begegnungen kommt. Das Warnsystem wurde im Laufe der Zeit auf Grundlage empirischer Erkenntnisse und von Rückmeldungen aus den Gemeinschaften kontinuierlich weiterentwickelt.
Methodisch folgt das Projekt einem transdisziplinären und partizipativen Ansatz. Die Feldforschung umfasst eine langfristige Zusammenarbeit mit Naturschutzpraktikerinnen und lokalen Bewohnerinnen, ethnografische Beobachtungen, Interviews sowie iterative Design-Workshops. Eine zweijährige Pilotphase wurde 2016 gestartet, um das System in der Praxis zu erproben, mit einem Fokus auf Nutzbarkeit, Vertrauen, lokale Aneignung und Auswirkungen auf das alltägliche Risikomanagement. In weiteren Projektphasen wurden schrittweise sowohl technologische als auch organisatorische Komponenten des Systems verbessert.
Die Ergebnisse zeigen, dass Frühwarnungen Veränderungen menschlicher Praktiken unterstützen und zu einer verbesserten Koexistenz beitragen. Der Informationsaustausch erhöhte die Beteiligung der Gemeinschaften an der Löwenbeobachtung und am Naturschutz, machte jedoch auch Herausforderungen sichtbar, etwa infrastrukturelle Einschränkungen, ungleichen Zugang zu Technologie sowie unterschiedliche Erwartungen innerhalb und zwischen Gemeinschaften. Die Studie verdeutlicht, dass die Wirksamkeit technologischer Lösungen nicht nur von der Genauigkeit der Ortung abhängt, sondern auch von sozialem Vertrauen, lokalem Wissen und institutionellen Rahmenbedingungen, einschließlich Entschädigungsregelungen und Naturschutz-Governance. Die jüngste Weiterentwicklung des Systems umfasst ein gemeinschaftsbasiertes Einsatzteam, das in Situationen erhöhten Risikos aktiviert wird. Geschulte lokale Mitglieder reagieren auf Warnmeldungen, indem sie vor Ort Maßnahmen zur Konfliktprävention umsetzen, etwa das gezielte Vertreiben von Löwen aus Siedlungs- und Weidegebieten in sicherere Zonen.
Insgesamt zeigt das Botswana-Projekt, wie IKT-gestützte Frühwarnsysteme zur Vermittlung von Mensch–Wildtier-Konflikten beitragen können, wenn sie als sozio-technische und nicht als rein technische Interventionen gestaltet werden. Das Projekt liefert empirisch fundierte Erkenntnisse zu transdisziplinärem Design, partizipativer Forschung und der Rolle digitaler Technologien bei der Unterstützung der Koexistenz zwischen ländlichen Gemeinschaften und großen Beutegreifern.
Der Iran
Der Iran hat eine lange und vielschichtige politische Geschichte, die von alten Staatsgebilden bis zur Gründung der Islamischen Republik nach der Revolution von 1979 reicht. Seitdem wird das Land durch eine Kombination aus theokratischer Autorität, sicherheitsorientierter Herrschaft und begrenzten Wahlinstitutionen regiert. In den letzten Jahrzehnten wurde politischer Widerstand wiederholt mit Repressionen beantwortet, während digitale Infrastrukturen sowohl für die Regierungsführung als auch für den Widerstand eine zentrale Rolle spielen. Internetfilterung, Überwachung, Drosselung und selektive Abschaltungen prägen heute die Art und Weise, wie die Bürger kommunizieren, sich organisieren, auf Dienstleistungen zugreifen und Krisen bewältigen. Gleichzeitig bleiben soziale Medien, Messaging-Plattformen und Umgehungstools für das tägliche Leben, die politische Meinungsäußerung und kollektives Handeln im Iran unverzichtbar.
Ein grundlegendes Anliegen dieser Forschungsarbeit ist die Frage, wie digitale Technologien in autoritäre Kontrollformen eingebettet sind und wie Bürger darauf durch Aneignung, Improvisation und infrastrukturelle Anpassung reagieren. Frühere Arbeiten zum Thema Internetfilterung im Iran haben gezeigt, dass digitale Beschränkungen nicht nur als technisches Problem der Blockierung von Plattformen verstanden werden können. Vielmehr sind sie eng mit sozialer Regulierung, Privatleben und politischer Macht verflochten. Diese Arbeiten zeigten, wie junge Iraner in den Städten schon früh lernen, Proxys und VPNs zu nutzen, um nicht nur auf gesperrte Plattformen zuzugreifen, sondern auch Einschränkungen im Alltag zu umgehen. Diese Fähigkeiten, die ursprünglich mit privaten und persönlichen Bedürfnissen verbunden waren, gewinnen in Zeiten von Unruhen politische Bedeutung. Auf diese Weise entwickelte die Forschung die Konzepte der Gegenaneignung und der Gegenöffentlichkeit, um zu erklären, wie Bürger immer ausgefeiltere staatliche Eingriffe in den digitalen Bereich umgehen und darauf reagieren.
Die Arbeit zu den Protesten von 2019 zeigte außerdem, dass das, was weithin als „Internet-Shutdown” bezeichnet wurde, genauer gesagt eine vorübergehende Verstaatlichung des Internets war: eine technopolitische Strategie, die den Zugang zu internationalen Plattformen unterbrach, während ausgewählte inländische Verbindungen und staatlich kontrollierte Dienste erhalten blieben. Diese Analyse machte deutlich, dass digitale Infrastrukturen selbst zu einem Schauplatz politischer Kämpfe werden und dass die Bürger nicht nur mit Protesten reagieren, sondern auch mit kreativen Formen der Gegenaneignung, sowohl technischer als auch nicht-technischer Art, um Kommunikation, Koordination und Handlungsfähigkeit unter repressiven Bedingungen aufrechtzuerhalten.
Diese Fragestellung wird in der Forschung zur Women–Life–Freedom-Bewegung noch deutlicher. Hier liegt der Fokus nicht mehr nur darauf, wie Bürger Umgehungswerkzeuge nutzen, sondern auch darauf, wie sie diese unter Bedingungen verschärfter Zensur und erhöhter Risiken aufbauen, teilen, reparieren, vermitteln und instand halten. Diese Arbeit dokumentiert eine Verlagerung von der Abhängigkeit von kommerziellen VPNs hin zu einer Infrastruktur auf Graswurzelebene: die gemeinschaftliche Schaffung von Ad-hoc-VPNs, Proxys, Vertrauensnetzwerken, Reparaturpraktiken und informellen Lehrmethoden, die die Kommunikation und politische Teilhabe aufrechterhalten, wenn der normale Zugang unterbrochen ist. Sie argumentiert, dass unter autoritärer Unterdrückung das digitale Basteln zu einer Überlebensaufgabe wird und dass Infrastrukturen des Widerstands durch Fürsorge, Logistik, Vertrauen und kollektives Lernen gemeinsam geschaffen werden. Diese Forschungsarbeit mit dem Titel „From Using to Infrastructuring: Grassroots VPN-Building in Iran’s Women–Life–Freedom Movement” wurde bei der CHI 2026 mit dem Best Paper Award ausgezeichnet.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf den kurdischen Grenzregionen im Westen des Iran, insbesondere in und um Kermanshah, wo Konflikte nicht nur durch direkte Unterdrückung, sondern auch durch eine lange Geschichte der Marginalisierung, Sanktionen und Vernachlässigung der Infrastruktur erlebt werden. Die Forschung in diesem Bereich untersucht, wie Hochrisikogemeinschaften GPS-Anwendungen, VPNs, verschlüsselte Nachrichtenübermittlung und soziale Medien für Navigation, Koordination, Fürsorge und politische Sichtbarkeit nutzen, während dieselben Technologien gleichzeitig die Gefahr der Überwachung und Gefährdung erhöhen. Der wichtigste analytische Beitrag besteht darin, aufzuzeigen, dass digitale Technologien in autoritären Grenzgebieten niemals einfach nur befähigend oder einfach nur unterdrückend sind, sondern vielmehr eine fragile Spannung zwischen Solidarität und Gefährdung, Überleben und Verwundbarkeit vermitteln.
Diese Perspektive wird in einer Arbeit über Krisenmanagement während der COVID-19-Pandemie in der Provinz Kermanshah weiterentwickelt. Diese Studie führt das Konzept des erzwungenen Vertrauens ein, um Situationen zu erklären, in denen Bürger trotz tiefem Misstrauen und dem Fehlen glaubwürdiger Alternativen gezwungen sind, sich auf staatlich kontrollierte digitale Systeme zu verlassen. Sie zeigt, wie Krisenmanagement in autoritären Systemen eine doppelte Funktion erfüllen kann: Es ermöglicht die Koordinierung des Gesundheitswesens und erweitert gleichzeitig die digitale Kontrolle, die Verhaltensüberwachung und die Informationshoheit. In diesem Fall nutzten die Menschen die von der Regierung unterstützten Plattformen nicht, weil sie ihnen vertrauten, sondern weil eine Ablehnung mit hohen Kosten verbunden war und es nur wenige Alternativen gab. Gleichzeitig wandten sie sich als Gegenmaßnahme verschlüsselten Messaging-Diensten, sozialen Medien und Peer-basierten Informationsnetzwerken zu, was zeigt, wie Kriseninfrastrukturen sowohl zu Orten der Zwangsausübung als auch des Widerstands werden.
Eine verwandte Forschungsarbeit untersucht das digitale Leben jenseits spektakulärer Protestmomente, indem sie sich auf ältere Erwachsene im Iran konzentriert. Diese Forschung zeigt, dass die Aneignung von Technologie durch ältere Menschen nicht nur von bekannten Faktoren wie Lese- und Schreibkenntnissen, Komplexität der Benutzeroberfläche, altersbedingten Einschränkungen und ungleichen Zugangsmöglichkeiten geprägt ist, sondern auch von Filterung, Überwachung und der VPN-Abhängigkeit der routinemäßigen Kommunikation. In diesem Zusammenhang können selbst grundlegende Handlungen wie die Kontaktaufnahme mit der Familie über WhatsApp von informellen Unterstützungsnetzwerken abhängen, insbesondere von Kindern und Verwandten, die bei der Verwaltung von Updates, Filtern und Zugangsstörungen helfen. Die Studie leistet einen wichtigen konzeptionellen Beitrag, indem sie zeigt, dass digitale Ausgrenzung im Iran oft eine Form der doppelten Marginalisierung ist: erstens durch Design- und Alphabetisierungsbarrieren und zweitens durch politische Infrastrukturen der Zensur und Kontrolle. Sie plädiert daher für ein politisch bewussteres und kulturell situiertes Verständnis der digitalen Inklusion in eingeschränkten Umgebungen.
Zusammengenommen zeigen diese Studien, dass Konflikte im Iran nicht nur anhand sichtbarer Gewalt, Verhaftungen oder Straßenkonfrontationen verstanden werden können. Sie müssen auch infrastrukturell betrachtet werden: durch Filterung, Abschaltungen, Überwachung, erzwungene Plattformnutzung, ungleichen Zugang und die tägliche Arbeit, die erforderlich ist, um Kommunikation zu ermöglichen. In Protestbewegungen, Krisen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und im täglichen Leben unter autoritärer Herrschaft engagieren sich die Bürger in Formen der Reparatur, Umgehung, Verhandlung und kollektiven Unterstützung, die unter Druck die Verbindung und Handlungsfähigkeit aufrechterhalten. Diese Arbeit leistet daher einen Beitrag zur Sozioinformatik, HCI und CSCW, indem sie aufzeigt, wie sich Konflikte durch Kontrollinfrastrukturen entwickeln und wie Bürger durch Gegenaneignung, Basisinfrastruktur und Solidaritätspraktiken im Schatten der Unterdrückung reagieren.
Ein methodisches Anliegen, das sich durch diese Forschung zieht, ist die Frage, wie politisch sensible und von Konflikten betroffene Kontexte verantwortungsbewusst untersucht werden können. Seit 2018 umfasst diese Arbeit Vor-Ort- und Fernforschung in mehreren städtischen Zentren und marginalisierten Regionen im Iran, wobei besonderes Augenmerk auf Anonymität, Datensicherheit, die Sicherheit der Teilnehmer und die ethischen Beschränkungen der Forschung unter Überwachung gelegt wird. In diesem Sinne liefert die Arbeit nicht nur empirische Erkenntnisse über Konflikte und digitale Infrastrukturen im Iran, sondern auch umfassendere Überlegungen dazu, wie politisch sensible, aktivistisch geprägte und infrastrukturorientierte Forschung unter autoritären Bedingungen durchgeführt werden kann.
Quellen
Qalandar, S., Engelbutzeder, P., Randall, D., & Wulf, V. (2026). From Using to Infrastructuring: Grassroots VPN-Building in Iran’s Women–Life–Freedom Movement. In *Proceedings of the 2026 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems*. https://doi.org/10.1145/3772318.3790369
Qalandar, S., Engelbutzeder, P., Randall, D., & Wulf, V. (2026). Between empowerment and exposure: Interaction and solidarity in the shadow of surveillance among Iranian Kurdish Kolbars. Manuscript under review for *Interacting with Computers Journal*.
Qalandar, S., Aal, K., Navumau, V., Tolmie, P., Rohde, M., & Wulf, V. (2026). Handling surveillance and suppression in the field: Reflections on activist-leaning research under authoritarian rule. Manuscript in preparation for *ACM Transactions on Computer-Human Interaction*.
Qalandar, S., Grinko, M., Randall, D., & Wulf, V. (2025). Forced trust and digital control in a global health crisis: The case of a marginalized community in Iran’s Kermanshah Province. In *Proceedings of the Sixth Decennial Aarhus Conference: Computing X Crisis (AAR 2025)*. https://doi.org/10.1145/3744169.3744177
Ghadamighalandari, P., Amirkhani, S., Aal, K., Mueller, C., & Wulf, V. (2025). Between connection and control: Technology appropriation by older adults in Iran. In *Proceedings of the 12th International Conference on Communities & Technologies (C&T 2025)*. https://doi.org/10.1145/3742800.3742833
Grinko, M., Qalandar, S., Randall, D., & Wulf, V. (2022). Nationalizing the internet to break a protest movement: Internet shutdown and counter-appropriation in Iran of late 2019. *Proceedings of the ACM on Human-Computer Interaction, 6*(CSCW2), 1–21. https://doi.org/10.1145/3555205
Wulf, V., Randall, D., Aal, K., & Rohde, M. (2022). The personal is the political: Internet filtering and counter appropriation in the Islamic Republic of Iran. *Computer Supported Cooperative Work (CSCW), 31*, 373–409. https://doi.org/10.1007/s10606-022-09426-7
Forschung zu Social Studies
Es zeigt sich ein Paradoxon auf der Welt: Einerseits lebt einer von elf Menschen damit, nicht zu wissen, woher er die nächste Mahlzeit nehmen soll, andererseits wird ein Fünftel aller Lebensmittel verschwendet. Verschiedene Initiativen nehmen sich diesem Problem an. Ein bekanntes Beispiel in Deutschland ist die Tafel, die Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, kostenlos an bedürftige Menschen weitergibt. Foodsharing, eine soziale Bewegung, geht ähnlich vor: Freiwillige holen abgelaufene, aber noch verzehrbare Lebensmittel bei Supermärkten, Cafés, Kantinen und Märkten ab und verteilen sie im Freundes- und Bekanntenkreis oder über öffentlich zugängliche „Fairteiler“ weiter. Im Gegensatz zur Tafel muss bei Foodsharing keine Bedürftigkeit nachgewiesen werden.
Seit Gründung des Vereins Foodsharing e.V. im Jahr 2012 sind 205 Millionen Kilogramm Lebensmittel vor der Tonne gerettet worden. Die Bewegung, mit mittlerweile mehr als 440.000 Mitgliedern, organisiert sich über eine Online-Plattform. Diese wird open-source von wenigen, freiwilligen Programmierer:innen entwickelt und bearbeitet. User:innen haben über ein Forum die Möglichkeit, Vorschläge und Wünsche für die Plattformentwicklung zu äußern. Unser Team, das sind Leonie Jahn, Philip Engelbutzeder, Lea Michel und Anton Ballmeier, schaut sich an, wie die Entwickler der Plattform mit den User:innen kooperiert, was beide Gruppen für ein erfolgreiches Engagement brauchen und wie die Zusammenarbeit unterstützt werden kann. Dafür gehen wir aktionsforscherisch vor, das heißt, wir bringen uns in die genannten Kontexte ein und entwickeln Lösungen gemeinsam mit denen, die sie betreffen. Dazu sind wir beispielsweise im Support der Webseite tätig oder veranstalten Hackathons, auf denen User:innen und Programmierer:innen sich austauschen können.
Im Support können sich User:innen melden, die Probleme mit der Webseite haben, sich beispielsweise nicht anmelden oder in Slots für Abholungen übrig gebliebener Lebensmittel eintragen können. Wenngleich viele Anfragen sich durch einfaches Ab- und Anmelden lösen lassen, gibt es gelegentlich Meldungen, die etwas mehr Lösungssuche erfordern. Manchmal werden Probleme gemeldet, die schon bekannt sind; für diesen Fall gibt es für gewöhnlich kurze Artikel auf der Support-Webseite, die das Problem und ein mögliches Work-Around beschreiben. Wenn sich Probleme häufen, für die es diese Artikel noch nicht gibt, muss der Fehler erst nachvollzogen werden. Mit diesen Infos kann dann ein sogenanntes Issue im System der Entwicklung erstellt werden, anhand dessen die Entwickler:innen wissen, was genau der Fehler ist und wann er auftritt. Die Arbeit im Support benötigt oft viel Geduld: User:innen können mit Begriffen, die für uns alltäglich geworden sind, oft nichts anfangen. Hier gilt es, auch bei mehrfacher Nachfrage freundlich zu bleiben. Gleichzeitig haben wir auch immer wieder Fälle, bei denen der technische Support nichts tun kann, wie zum Beispiel persönliche Streitigkeiten zwischen Mitgliedern eines Bezirks. In so einem Fall verweisen wir dann für gewöhnlich auf die passenden Ansprechpartner:innen.
Seit Dezember 2024 haben wir außerdem einen der Entwickler der Plattform als studentischen Mitarbeiter im Team. Er legt viel Wert auf den Austausch mit User:innen und ist sehr aktiv im entsprechenden Forum. Die Features und Verbesserungsvorschläge, die er für die Plattform programmiert, sind für gewöhnlich mit dem Forum abgestimmt und müssen von anderen Entwickler:innen gegengecheckt werden, bevor sie auf die Beta-Version der Plattform kommen. Dort können User:innen die neue Funktion testen und Fehler melden, bevor sie auf die Hauptplattform kommen.
2023 haben wir uns angeschaut, wie die Kooperation zwischen beiden Gruppen genau abläuft. Wir haben dabei herausgefunden, dass viele User:innen nicht wissen, wer hinter der Plattformentwicklung steckt, oder sich wegen fehlender IT-Kenntnisse nicht trauen, sich einzubringen. Zudem zeigte sich, dass die Programmierer:innen gerne mehr mit User:innen zusammenarbeiten würden und auch auf Hilfe angewiesen sind. Letztendlich fanden wir heraus, dass es neben User:innen und Programmierer:innen noch eine weitere Gruppe gibt: die Intermediäre. Intermediäre unterstützen die Kommunikation zwischen den anderen beiden Gruppen und sind für gewöhnlich Nutzer:innen ohne Programmierkenntnisse. Dafür haben sie andere wichtige Aufgaben übernommen. Dazu gehört die Zusammenfassung von Verbesserungsvorschlägen und das Erstellen von Abstimmungen über dieselben, das Anlegen von sogenannten Issues (also eine detaillierte Beschreibung von Problemen bei der Nutzung der Plattform) für die Entwicklung, oder das Anfertigen von Designvorschlägen auf Basis der Diskussions- und Abstimmungsergebnisse, anhand derer die Entwickler:innen sich orientieren können. Intermediäre sind somit ein wichtiger Bestandteil der Bewegung.
Nachdem Ende 2023 ein Entwickler verkündet hat, dass er keinen Antrieb mehr für die Programmierung der Plattform hat und eine Pause braucht, haben wir angefangen, uns mit dem Thema Motivation auseinanderzusetzen. In einem ohnehin schon kleinen Team von Programmierer:innen ist es fatal, wenn Freiwillige wegbrechen, was uns zu der Frage geführt hat, was diese Freiwilligen anfangs motiviert hat, wie sich ihre Motivation verändert hat, und was sie brauchen, um weiterhin motiviert zu bleiben. Es zeigte sich, dass die meisten Entwickler:innen ihren Weg zum IT-Team über die Plattform gefunden haben, das heißt, sie sich schon als Lebensmittelretter:innen engagiert haben. Neben ihrem Interesse am Lebensmittelretten und dem Unterstützen der Bewegung durch ihre IT-Fähigkeiten zeigte sich außerdem, dass die Programmierer:innen den Open-Source-Gedanken unterstützen: Software sollte für alle da sein, und soziale Bewegungen können sich nicht auf proprietäre Plattformen stützen, die gegen die Interessen der Bewegung handeln.
Neben diesen anfänglichen Gründen für das Engagement in der Plattformprogrammierung konnten wir erkennen, dass sich die Motivation der Entwickler:innen dynamisch entwickelt. Zu den Ursprungsmotivationen kam der Wunsch, Angefangenes zu Ende zu stellen, das kleine Team weiterhin zu unterstützen oder eine gesteigerte Motivation durch Dankbarkeit der User:innen. Allerdings berichteten alle interviewten Programmierer:innen, dass sie im Laufe ihres Engagements wegen verschiedener Faktoren den Antrieb verloren. Dazu gehörte zum Beispiel mangelhafte Kommunikation mit dem Vorstand des Vereins, der die Plattform rechtlich betreibt, oder User:innen oder eine unfreundliche Arbeitsatmosphäre durch einzelne andere Teilnehmende. So haben alle Interviewpartner:innen eine Pause eingelegt und sind danach wieder zurückgekehrt, aber natürlich gibt es auch Beispiele von Programmierer:innen, die nach ihrer Pause nicht wieder an der Plattform gearbeitet haben.
Letztendlich haben wir uns die Frage gestellt, was die Entwickler:innen brauchen, um weiterhin motiviert zu bleiben und die Plattformprogrammierung zu unterstützen. Wertschätzung der Arbeit durch Andere schien dabei ein wichtiger Faktor zu sein. Gleichzeitig stellen wir fest, dass sich die Plattform professionalisiert: Aus einer anfangs auf rein ehrenamtlicher Arbeit basierenden Bewegung sind einige bezahlte Stellen hervorgegangen, und mit einer großen Spendenkampagne im vergangenen Jahr stehen jetzt weitere Mittel zur Verfügung, um die Bewegung und ihre Arbeitsgruppen zu unterstützen. In einem nächsten Schritt möchten wir herausfinden, wie die Ehrenamtlichen (sowohl User:innen als auch Programmierer:innen) zu einer Bezahlung Einzelner stehen, denn wie bei jedem ehrenamtlichen Vorhaben ist zu diskutieren: Welche Leistungen sollen bezahlt werden – und welche nicht?
Unsere bisherigen Veröffentlichungen zu dem Thema:
- Leonie Jahn, Philip Engelbutzeder, Dave Randall, Yannick Bollmann, Vasilis Ntouros, Lea Katharina Michel, and Volker Wulf. 2024. In Between Users and Developers: Serendipitous Connections and Intermediaries in Volunteer-Driven Open-Source Software Development. In Proceedings of the 2024 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI '24). Association for Computing Machinery, New York, NY, USA, Article 924, 1–15. https://doi.org/10.1145/3613904.3642541
- Leonie Jahn, Philip Engelbutzeder, Lea Katharina Michel, Sebastian Prost, Michael Bernard Twidale, Dave Randall, and Volker Wulf. 2025. Blending Code and Cause: Understanding the Dynamic Motivations of Volunteer Developers in community-driven FOSS projects. In CHI Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI ’25), April 26-May 1, 2025, Yokohama, Japan. ACM, New York, NY, USA, 17 pages. https://doi.org/10.1145/3706598.3713416
Konfliktforschung in der Sozioinformatik
Forschung zum Gaza-Krieg
Die moderne Kriegsführung wird zunehmend von digitalen Infrastrukturen, Datenverarbeitung und Fernsteuerung geprägt. In Gaza zeigt sich dies nicht nur darin, wie Menschen unter extremen Bedingungen kommunizieren und ihren Alltag bewältigen, sondern auch darin, wie digitale Systeme zur Identifizierung, Klassifizierung und Zielauswahl von Menschen eingesetzt werden können. Unsere Gruppe untersucht diese Entwicklungen aus der Perspektive der Sozioinformatik mit einem Schwerpunkt darauf, wie Technologien in materielle Zwänge, soziale Beziehungen und tiefgreifende Machtasymmetrien eingebettet sind.
Ein zentrales Anliegen unserer aktuellen Forschung zu Gaza ist die Rolle der Technologie bei der Ermöglichung groß angelegter Zielerfassung und Tötung. Unsere Analyse untersucht, wie Datenregime im Zusammenhang mit kommerzieller Überwachung, einschließlich der groß angelegten Extraktion, Speicherung und Interoperabilität von Verhaltensdaten, innerhalb militärischer Nachrichtensysteme umfunktioniert werden können. In dieser Konvergenz werden zivile Dateninfrastrukturen und gewöhnliche digitale Spuren zu operativen Ressourcen in der Hightech-Kriegsführung. Aus der Sicht der Menschen, die den Krieg erleben, ist das Bild einer präzisen und selektiven technologischen Gewalt schwer aufrechtzuerhalten. Interviewberichte deuten stattdessen auf Formen der Zielauswahl und der Angriffe hin, bei denen Zivilisten, Familien und größere Gruppen verheerenden Schäden ausgesetzt bleiben, selbst wenn die Kriegsführung als datengesteuert, ferngesteuert und hochentwickelt dargestellt wird.
Dies steht in engem Zusammenhang mit einem weiteren wichtigen Thema unserer Arbeit: der seit langem bestehenden und sich verstärkenden Rolle der Überwachung. In Gaza beschreiben Zivilisten, dass sie unter Bedingungen allgegenwärtiger Überwachung und tiefer Unsicherheit leben, die durch eine längere Geschichte der Kontrolle geprägt sind, die bereits vor Oktober 2023 begann und während des aktuellen Krieges extreme Formen angenommen hat. Die Teilnehmer beschreiben ein Umfeld, in dem sie oft nicht wissen können, welche Daten gesammelt werden, wie diese interpretiert werden oder wann die Überwachung in Maßnahmen umgesetzt wird. Diese Undurchsichtigkeit wirkt sich auf Kommunikationsentscheidungen, Bewegungsfreiheit und die Einschätzung der Sicherheit aus. Anstatt eines einfachen Kompromisses zwischen Komfort und Privatsphäre deutet unser Material auf einen Zustand erzwungener Exposition hin, in dem digitale Spuren Folgen haben können, die für die Betroffenen weitgehend unsichtbar bleiben.
Ein weiterer Schwerpunkt unserer Forschung betrifft das digitale Alltagsleben im Krieg. Selbst inmitten von Zerstörung, Vertreibung und dem Zusammenbruch der grundlegenden Infrastruktur bleiben Mobiltelefone und plattformbasierte Kommunikation für das Überleben unverzichtbar. Auf der Grundlage von Interviews mit Vertriebenen aus Gaza und Vermittlern sowie der Fernkommunikation mit Informanten, die sich noch in Gaza befinden, dokumentieren wir, wie Menschen auf Mobiltelefone angewiesen sind, um Evakuierungen zu koordinieren, Verwandte zu lokalisieren, Informationen über Routen und Gebiete zu erhalten, die als sicherer gelten, Zugang zu humanitären Updates zu erhalten und das Familienleben trotz der Trennung aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig ist die Konnektivität fragil und ungleichmäßig, da sie von beschädigten Netzwerken und knappen Ressourcen abhängt.
Methodisch ist diese Untersuchung durch die Einschränkungen geprägt, die mit der Erforschung von Konflikten unter Überwachung und eingeschränktem Zugang verbunden sind. Da ausländische Forscher und Journalisten keinen Zugang zum Gazastreifen hatten, führten wir während eines Forschungsaufenthalts in Kairo im September 2025 persönliche Interviews mit Palästinensern, die vor dem Krieg geflohen waren, sowie mit Menschen, die Flüchtlinge aus dem Gazastreifen unterstützen, und Personen mit einschlägiger politischer und historischer Expertise. Ergänzend dazu haben wir von Oktober 2025 bis Februar 2026, soweit möglich, Fernkommunikation mit Informanten geführt, die sich noch in Gaza befanden. Um Risiken zu minimieren, wurden die Interviews offen geführt; wir verzichteten auf Audioaufzeichnungen und schriftliche Einverständniserklärungen und erstellten nach den Gesprächen sorgfältig anonymisierte Zusammenfassungen. Die Analyse erfolgte durch teamorientierte induktive Kodierung und kollaboratives Gedächtnis, wobei der Schutz der Teilnehmer im Vordergrund stand.
Insgesamt leistet diese Forschungsrichtung einen Beitrag zur Sozioinformatik und HCI, indem sie zeigt, dass digitale Technologien im Krieg nicht nur Werkzeuge für Kommunikation, Koordination oder Fürsorge sind. Sie können auch Teil soziotechnischer Systeme der Überwachung, Zielausrichtung und groß angelegten Gewalt werden. Die Untersuchung des Gazastreifens auf diese Weise hilft uns zu verstehen, wie alltägliche Technologien wie Telefone, Messaging-Apps, soziale Medien und Dateninfrastrukturen mit Zwang und Schaden verflochten sind und warum die Forschung zum digitalen Leben in Konflikten Gewalt, Unsicherheit und asymmetrische Machtverhältnisse als konstitutive Bedingungen und nicht als Hintergrundfaktoren betrachten muss.