Live Handbuch Kinder-und Jugendliteratur über den Nationalsozialismus
Die Erinnerungen an den Nationalsozialismus sind auch 80 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes im gesellschaftspolitischen sowie im (kinder- und jugend-). literaturwissenschaftlichen Diskurs präsent. Das belegen die zahlreichen Debatten in der Öffentlichkeit und im Wissenschaftsdiskurs, in denen es darum geht, woran und wie erinnern wir uns an die Zeit des Nationalsozialismus? Diese Fragen sind vor dem Hintergrund schwindender Zeitzeug:innen relevant und lenken den Blick zunehmend (u. a.) auf die Literatur, die als Medium des kulturellen Gedächtnisses (Assmann 1998, Erll 2008) mit ihren Topoi und Narrativen zur Erinnerung beiträgt. Wichtige Topoi und Narrative sind zum Beispiel Widerstand, Verfolgung, Flucht und Vertreibung, Krieg oder Alltag.
Ein Blick zurück in die (Literatur-)Geschichte belegt, dass von der umfangreichen Zahl an erschienenen Bilder-, Kinder- und Jugendbüchern nur noch ein kleiner Teil gegenwärtig im kulturellen Gedächtnis zirkuliert. Ein Großteil dieser Kinder- und Jugendliteratur ist in Vergessenheit geraten. Das liegt zum einen daran, dass in literaturgeschichtlichen Beiträgen meistens diejenigen literarischen Zeugnisse genannt werden, die aus heutiger Sicht dem damaligen sozialen Erinnerungsdiskurs entsprachen. Zum anderen ist zu bedenken, dass die ältere Kinder- und Jugendliteratur oft zu wenig Berücksichtigung findet und auch die ostdeutsche meistens ein Randphänomen ist, wie die Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft es seit den 1990er-Jahren beklagt (vgl. Hopster 1992, Hurrelmann 1992, Ewers 2006, Schmideler 2021). Entsprechend einseitig ist auch die Sicht auf die Kinder- und Jugendliteratur über den Nationalsozialismus, sieht man von wenigen Versuchen ab, die entweder das Feld überhaupt (bis teilweise) abzustecken versuchen oder sich auf Einzelaspekte wie Widerstand, Flucht, Vertreibung, Holocaust oder Krieg konzentrieren – abgesehen von den vielen didaktischen Abhandlungen in Buch- und Aufsatzform vorrangig im Hinblick auf den Deutsch- und Geschichtsunterricht. Einefundierte, interdisziplinäre Auseinandersetzung mit der Kinder- und Jugendliteratur, die sich mit den unterschiedlichen Facetten des Nationalsozialismus (Exil, Krieg, Flucht, Verfolgung von u. a. Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen u. v. m.) aus einer ganzheitlichen Perspektive widmet, steht aus, ebenso die Berücksichtigung der mit den Erinnerungsdiskursen parallel entstandenen Handlungssysteme (Verlage, Literaturkritiken, Schulen etc.) wie auch die internationale Kinder- und Jugendliteratur, die seit 1945 zur Erinnerung an den Nationalsozialismus beiträgt. So betonen bereits in den 2000er-Jahren Levy und Sznaider (2001), dass die Erinnerungen an den Nationalsozialismus kosmopolitisch sind. Daher ist es erforderlich, sich aus einer komparatistischen, historischen und theoretisch versierten Perspektive dem Thema zu nähern. Das bedeutet auch folgende Aspekte zu beachten:
1. sozialgeschichtliche Aspekte: wie die Kinder- und Jugendromane außerliterarische Debatten über die NS-Zeit aufgreifen oder auch vorantreiben;
2. werkimmanente bzw. strukturalistische Aspekte, die Auskunft darüber geben, wie in der KJL auf Text- und Bildebene Vorstellungen über den NS konstruiert werden, die bis heute in den Erinnerungskulturen herangezogen werden;
3. diskursanalytische Aspekte, wie die KJL-Vorstellungen über den NS in das gesellschaftliche Wissenssystem einspeist;
4. psychoanalytische Aspekte, wie Überlebende und die nachfolgenden Generationen im Schreiben ihre Traumata über die NS-Zeit und das (Post-)Exil verarbeiten;
5. mentalitätsgeschichtliche Aspekte, wie die Kinder- und Jugendbuchautor:innen ihre eigenen und fremden Erfahrungen über die NS-Zeit als Ausdruck der mentalen und kulturellen Disposition von Gesellschaft thematisieren.
6. Gendertheoretische Aspekte, wie zum Beispiel Mädchen- und Jungenbilder im Verhältnis oder in Abgrenzung zum Erziehungsdiskurs formiert werden.
An diesen Desideraten setzt das Live Handbuch an, das bei J. B. Metzler erscheinen wird. Geplant ist, sukzessive Artikel zunächst als open access zu publizieren, bevor parallel dazu ein gedrucktes Handbuch erscheint. Zudem soll eine Datenbank mit der Fülle an Primärtexten zur Verfügung gestellt werden, die später aktualisiert und erweitert werden kann. Der Anspruch ist, mit dem Handbuch ein Nachschlagewerk für die Kinder- und Jugendliteratur über den Nationalsozialismus herauszugeben, das für Forschung und Studium sowie die Schule genutzt werden kann.
Aufbau
1. Diskurse zum Erinnern an den Nationalsozialismus
2. Gattungen
3. Genres – Themen – Figuren
4. Film – Hörbuch – Computerspiel – Apps
5. Autor:innen
6. Illustrationen
7. Verlage
8. Bibliotheken und Gedenkstätten
9. Preise und Empfehlungen
10. Internationale Kinder- und Jugendliteratur
11. Bildungspolitische Perspektiven
Das Handbuch wird von Frau Prof. i. R. Dr. Petra Josting (Universität Bielefeld), Frau Dr. Jana Mikota (Universität Siegen) und Frau Dr. Larissa Carolin Jagdschian (Universität Duisburg-Essen) verantwortet.