53 Jahre an der Uni Siegen
Mathematik-Professor Dr. Bernd Dreseler war nach seinem offiziellen Eintritt in den Ruhestand 2008 weiterhin als Lehrbeauftragter an der Universität Siegen tätig. Nun sei es aber an der Zeit zu gehen, meint der 83-Jährige, der seinen Studierenden die Mathematik stets mit viel Herz und Begeisterung vermittelte.
Mit einer Hand zeichnet Bernd Dreseler ein Koordinatensystem in die Luft, erklärt Punkte und Kurven. „Ist das nicht wunderbar?“, fragt er und lächelt. Für einen Moment wirkt es, als stünde der Mathematikprofessor noch einmal im Hörsaal. Die Begeisterung für sein Fach ist auch jetzt da, wo er nach mehr als fünfzig Jahren an der Universität Siegen endgültig Abschied von der Lehre nimmt.
Er räumt sein Turmzimmer am Emmy-Noether-Campus und gibt zu, dass er gerade etwas melancholisch wird. So eine lange Zeit, so viele Menschen, so viele Geschichten.
Als Dreseler 1973 nach Siegen kommt, steckt der Mathematikstudiengang noch in den Kinderschuhen. „Die erste Veranstaltung war Analysis I im Wintersemester 1973“, erinnert sich Dreseler. „Unsere Arbeitsgruppe war in einem früheren Klassenzimmer am Paul-Bonatz-Campus untergebracht.“
Dreseler erlebt den Aufbau des Fachs und die Weiterentwicklung der damaligen Gesamthochschule zur Universität, mit der er bis heute verbunden bleibt. Auch nach seinem offiziellen Ruhestand 2008 unterrichtet er als Lehrbeauftragter weiter. Sein Fachgebiet ist Angewandte Analysis und Harmonische Analyse.
Dass er einmal Wissenschaftler werden würde, war keineswegs selbstverständlich. Aufgewachsen in Wuppertal, war ursprünglich der Lehrerberuf das Ziel. Nach dem Studium der Mathematik und Physik wechselte er zum Diplom-Studiengang an die Ruhr-Universität Bochum, wo er als studentische Hilfskraft erstmals wissenschaftliche Luft schnupperte. Es folgten Stationen in Mannheim mit der Promotion 1972 und Bochum, bevor ihn sein Weg schließlich nach Siegen führte, wo er sich 1977 habilitierte. „Eine wissenschaftliche Karriere lag lange außerhalb meiner Vorstellungskraft“, sagt er. „Ich komme aus einer bodenständigen Familie, da war das nicht vorprogrammiert.“
Sein Berufsweg entwickelte sich jedoch nicht nur fachlich weiter. Anfang der 1980er Jahre absolvierte Dreseler eine Ausbildung zum Telefonseelsorger. „Das hat eine ganz andere Seite in mir geweckt“, sagt Dreseler nachdenklich. Später machte er eine Ausbildung in der Themenzentrierten Interaktion (TZI), die er 1992 mit dem Diplom abschloss. Gemeinsam mit dem Alumniverbund entwickelte er die Workshopreihe „Get Fit for Leadership“ zur Persönlichkeitsentwicklung und Führungskompetenz. Für ihn gehörten Mathematik, Kommunikation und soziale Kompetenz nie zu unterschiedlichen Welten. „Wenn ich gut in Kontakt mit anderen sein will, muss ich gut in Kontakt mit mir sein“, sagt er.
Diese Haltung prägte auch seine Vorlesungen in all den Jahrzehnten. Rein technisch habe sich viel verändert. „Aber damit hatte ich nie ein Problem“, so der Professor. Laptop und digitale Unterlagen sind für ihn selbstverständlich. Doch immer wieder mit der Kreide in der Hand zu agieren, bleibt für ihn unverzichtbar. „Die Mathematik, die durch einen lebendigen Menschen strömt, ist anders als die, die man nur liest.“ Ein bisschen Entertainment gehöre dazu. Dreseler schmunzelt und erzählt, dass in seinen Vorlesungen beim Wischen der Tafel gelegentlich Musik von Eric Clapton und anderen lief. Und manchmal habe er den Zugang zur Welt der mathematischen Strukturen auch über das Thema Schach geschaffen. Ihm sei es stets darum gegangen, das jeweilige Thema, die Interaktion in der Gruppe und die Entwicklung jedes Einzelnen in eine gute Balance zu bringen.
Mit Sorge beobachtet Dreseler den Einfluss Künstlicher Intelligenz auf das Lernen. Nicht die Technik selbst bereitet ihm Kopfzerbrechen, sondern die Gefahr, dass Studierende das eigene Denken auslagern. „Verkaufen Sie Ihr Produkt“, habe er Studierenden, die ohne Wahrnehmung für die Gruppe vorrechneten, manchmal zugerufen. Schließlich gehe es nicht nur darum, eine Lösung abzuschreiben, sondern sie nachvollziehbar zu vermitteln.
Für die Zukunft wünscht sich Dreseler vor allem eines: dass die Mathematik an der Universität Siegen ein lebendiges und starkes Fach bleibt. Und seine eigene Zukunft? Sieht nach einem vollen Kalender aus. Er freut sich auf mehr Zeit für seine zweite Leidenschaft: die Fotografie. Sein Ziel: „Ich möchte weiterhin in lebendigem Kontakt mit Menschen aller Altersstufen sein.“