Bin Mensch nicht auch ich?
Die Zeit der Zeitzeug*innen endet. Neue Formen des Erinnerns werden wichtiger. Die Graphic-Novel-Anthologie „Bin Mensch nicht auch ich? Erinnern, Erzählen, Erleben“, entstanden an der Universität Siegen in Kooperation mit dem Aktiven Museum Südwestfalen, macht lokale Schicksale aus der NS-Zeit durch Comics erfahrbar.
„Bin Mensch nicht auch ich?“ erzählt konkrete, lokale Schicksale in der Zeit des Nationalsozialismus. Ist diese Regionalität ein Schlüssel, um Erinnerung für junge Menschen greifbar zu machen?
STEIN: Das war zumindest der Grundgedanke hinter der Anthologie. Wir wollten einige der Lebensgeschichten, die das Aktive Museum Südwestfalen recherchiert und dokumentiert hatte, in ein Medium überführen, das jungen Leser*innen aber auch allen, die für grafisches Erzählen zugänglich sind, einen neuen Blick auf die Geschichte der Stadt und der Region ermöglicht. Dass die Orte, die im Buch gezeigt werden, vielfach immer noch existieren, verdeutlicht, dass Geschichte nicht abgeschlossen ist, sondern weiterwirkt. Aber es muss an sie erinnert werden, sonst gerät sie in Vergessenheit. Im Stadtbild übernehmen Stolpersteine und die Gebäude, vor denen sie liegen, sowie Museen und Mahnmale, diese Funktion. Aber die Lebenswege und die Menschen dahinter, das war uns wichtig, werden durch die grafischen Erzählungen ganz neu erfahrbar.
ASPELMEIER: Die Tatsache, dass diese Menschen und ihr Weg in der bekannten Alltagswelt der Jugendlichen nachvollziehbar sind, bildet die entscheidende Hilfe, um die bisweilen große Distanz zur allgemeinen Geschichte des Nationalsozialismus zu überbrücken – erst wenn ein Mensch mit Namen genau die Straßen durchlaufen hat, die ich jeden Tag laufe, wird es interessant und auch brisant, sich mit Tätern und Opfern auseinanderzusetzen. Geschichtliche Orte, Überreste und Ruinen wirken erst durch ein solchermaßen sensibleres Problembewusstsein als Mahnmale.
Für welche Altersgruppe eignet sich das Buch?
MIKOTA: Aufgrund des schwierigen und komplexen Themas und der Tatsache, dass einige der porträtierten Personen den Holocaust nicht überlebten, richtet sich das Buch an Lesende ab 12 Jahren. Es ist aber nicht allein als Buch für Jugendliche konzipiert, sondern soll alle Interessierten ansprechen, Erwachsene und Teenager gleichermaßen. Uns ist gerade der Dialog zwischen den Generationen, die jeweils andere Phasen der Erinnerungskultur repräsentieren und unterschiedliche Perspektiven auf die Nazizeit haben, wichtig. Er soll durch das Buch angeregt werden. Zwei der Geschichten – Inbal Leitners „Mein Weg, meine Schritte“ über das jüdische Mädchen Betty Hochmann, das in das damalige Palästina fliehen kann und überlebt, und Stephanie Lunkewitz‘ Geschichte über die Siegener Synagoge – sind auch für jüngere Leser*innen ab der 3. oder 4. Klasse geeignet.
Gibt es bereits Rückmeldungen?
STEIN: Ja, es gibt erste Rückmeldungen von Lehrkräften, allerdings noch nicht aus der Unterrichtspraxis, weil das Buch gerade erst erschienen ist. Einige Lehrkräfte haben sich den Probedruck, den wir für den Book Launch im Aktiven Museum Südwestfalen erstellt hatten, angesehen, und haben äußerst positiv reagiert.
ASPELMEIER: Wir denken, dass das Buch durch den Lokalbezug regionale Geschichte vor dem Hintergrund der großen historischen Entwicklungen erfahrbar macht und sich damit sehr gut für den Einsatz in Schulen und anderen Lernkontexten eignet. Auch seine Form als Anthologie grafischer Kurzgeschichten mit historischen, biografischen und didaktischen Begleittexten, wurde von den Lehrer*innen, die es gesehen haben, als besonders wertvoll erachtet.
MIKOTA: Von den Studierenden hören wir das auch. Sie sehen es als Chance, sich mit der Geschichte der Region auseinanderzusetzen und dadurch ein besseres Bewusstsein für den Holocaust vor Ort zu bekommen. Und gerade Studierende im Lehramt erkennen, dass die Anthologie viele Möglichkeiten bietet, mit zukünftigen Schüler*innen ins Gespräch zu kommen. Dass renommierte Künstler*innen wie Inbal Leitner, Marion Goedelt, Stephanie Lunkewitz, Lisa Rock und Bianca Schaalburg die Geschichten grafisch erzählen, ist für viele Leser*innen (und auch für uns) etwas ganz Besonderes.
ASPELMEIER: Von den Bürger*innen aus Siegen und vor allem auch von den engagierten Mitgliedern des Aktiven Museums Südwestfalens (Traute Fries, Hans-Georg Fries, Peer Ball, Dieter Pfau), die uns als historische Expert*innen unterstützt haben, haben wir ebenfalls Zuspruch erhalten.
Gab es Resonanz über Siegen hinaus?
MIKOTA: Überregionale Resonanz gibt es bereits. Die Anthologie wurde z.B. in Zusammenarbeit mit dem von Myriam Halberstam geführten Ariella Verlag auf der Buchmesse in Leipzig vorgestellt, und es ist eine Lesung in der Staatsbibliothek Berlin geplant. Auch einige Kolleg*innen aus dem In- und Ausland, denen wir das Buch vorgestellt haben, sehen es als wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur. Wir werden diese Aktivitäten in den nächsten Monaten ausweiten, u.a. durch Vorträge an Universitäten und Lesungen, aber auch durch Forschungsbeiträge zum Buch sowie die Erstellung von Begleitmaterialien für Schulen. Wir möchten, dass die Geschichten alle Schüler*innen in der Region und viele weitere auch außerhalb des Siegerlands erreichen.
Wird das Buch in Seminaren an der Universität Thema sein?
MIKOTA: Auf jeden Fall. Wir haben es jetzt schon eingesetzt, z.B. war Marion Goedelt in einem Master-Seminar zu Shoah-Comics und hat dort mit den Studierenden über ihre Arbeit gesprochen; Inbal Leitner hat einen kreativen Workshop mit Studierenden gemacht; Stephanie Lunkewitz und Bianca Schaalburg haben aus ihren früheren Publikationen gelesen. Unsere Anthologie wird einen festen Bestandteil in den Lehramtsstudiengängen erhalten und auch in Veranstaltungen eingesetzt werden.
Die Universität, das Aktive Museum, Menschen aus Siegen und internationale Künstlerinnen wurden durch das Buch zusammengeführt. Was war das Besondere an der Zusammenarbeit und wird es weitere Projekte geben?
STEIN: Das Besondere war aus unserer Sicht genau diese Projektarbeit, in der die unterschiedlichen Personenkreise mit ihren Expertisen zusammenkamen: Forschung und Lehre aus der Universität, historisches und persönliches Engagement aus dem Aktiven Museum und der künstlerisch-kreative Blick der Illustrator*innen in die Stadt und Region. Das war hochkomplex und auch nicht immer konfliktfrei, zumal es allen Beteiligten ein großes Anliegen war, den vielen Ansprüchen an eine solche Publikation gerecht zu werden.
ASPELMEIER: Besonders ist auch, dass die Lebensgeschichten der porträtierten Personen – Betty Hochmann, Inge Frank, Otto Päulgen, Zina, Simon und Johanna Grünewald – durch diese Publikation erstmals in grafischer Form erscheinen und durch die verschiedenen Zeichenstile und Bildarrangements ganz neue Dimensionen erhalten. Der vielfältige Inhalt des Buches bildet den multiperspektivischen Projektcharakter übrigens gut ab.
MIKOTA: Es wird sicher weitere Projekte geben. Wir wollen weitere didaktische Materialien für den Einsatz der Anthologie an Schulen erarbeiten. Und wir haben gerade zusammen mit Tatia Gruenbaum und Carmen Becker von der TU Braunschweig das Centre for Pictorial Holocaust Narratives gegründet, das weitere Anlässe für Projekte, Publikationen und Veranstaltungen bieten wird.
(Das Interview erschien in der Uni-Zeitung Querschnitt 2/2026)
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