Kann ein Roboter mit Kindern über das Beten sprechen?
Soziale Robotik und generative KI werden in Pflege und Therapie bereits intensiv erforscht – im Religionsunterricht, wo es nicht um Wissen allein, sondern um Sinn- und Glaubensfragen geht, sind sie Neuland. Ein Team aus Religionspädagogik (Dr. Steffi Fabricius) und Wirtschaftsinformatik (Dr. Rainer Wieching) der Universität Siegen hat gemeinsam mit der TU Dresden (Prof. Dr. Birte Platow) und dem ScaDS.AI Dresden/Leipzig erstmals untersucht, wie Kinder einen sozialen Roboter als Gesprächspartner zum Thema Gebet erleben und wie sich dabei die Rollen von Lehrkraft, Lernenden und Maschine verschieben.
Foto: Hermann Diebel-Fischer
Ein Roboter als Erklärer, Erzähler und König David
Der 72 cm große Roboter Navel, dessen Antworten ein für den Religionsunterricht konfiguriertes Sprachmodell erzeugt, begleitete je eine sechsstündige Unterrichtsreihe „Wie kann ich mit Gott reden?“ am Evangelischen Gymnasium Siegen-Weidenau und am Evangelischen Kreuzgymnasium Dresden – als Erklärer, Schreibhilfe beim Formulieren eigener Gebete, Erzähler und König David. 50 Kinder nahmen teil; ausgewertet wurden rund 13 Stunden Unterrichtsvideo, Interviews mit den Lehrkräften, elf Fokusgruppen und Prä-/Post-Fragebögen.
Vertrauen in Wissen, nicht in Beziehung
Die Kinder nahmen Navel durchweg als Lernhilfe an; rund 80 Prozent würden ihn wieder nutzen. Ihr Vertrauen ist jedoch klar kompetenzbezogen: Der Roboter ist „wie so ein Lexikon“, das Wissen abruft und verständlich erklärt. Zuhören, Geborgenheit und Trost dagegen bleiben Gott und der Lehrkraft vorbehalten. Ein Gebet kann Navel wiedergeben, aber nicht „meinen“ – „er hat keine richtigen Gefühle“, so ein Kind. Diese Unterscheidung treffen die Kinder von sich aus, ohne naiven Anthropomorphismus, aber mit spürbarer Ambivalenz: „komisch“ ist das häufigste Wort des Materials, meist neben „cool“.
Entlastung für die Lehrkraft – mit einer klaren Grenze
Die Lehrkräfte delegieren Wissens- und Strukturierungsaufgaben an den Roboter und gewinnen Raum für Beziehungsarbeit; als bewertungsfreie Instanz („der gibt mir jetzt keine Note“) senkt Navel für manche Kinder die Hürde, sich zu äußern. Nicht delegierbar bleibt, was religiöse Bildung im Kern ausmacht – Zeugnis geben, von eigener Glaubenspraxis sprechen: „Das ist so, was menschlich ist. Da brauchen wir dann keinen Roboter.“ Zugleich erleben die Kinder Navel als neutral, obwohl eine für sie nicht erreichbare Designinstanz festlegt, was er über Gott sagen darf – auch dort, wo sie wissen, dass er „programmiert“ ist. Dieser Neutralitätseffekt verweist auf Machtfragen, die für religiöse Bildung mit KI grundlegend sind.
Der Ertrag liegt weniger darin, was der Roboter kann, als darin, was er nicht kann: Genau dort artikulieren die Kinder, was den Menschen – und was Gott – von einer scheinbar allwissenden Maschine unterscheidet. Ein Überblick ist in den Katechetischen Blättern (151 [2026] 1, S. 58–61) erschienen; weitere Zeitschriftenbeiträge befinden sich im Begutachtungsverfahren und in Vorbereitung. Vorträge zum Projekt fanden in Lund (Oktober 2025) und bei der European Academy of Religion in Rom (Juli 2026) statt.